Die «erste Bausünde» wird repariert

Das Berner Kino Capitol wird schliessen, stattdessen wird es Läden und Wohnungen geben – das Umbauprojekt will den Charakter des ursprünglichen Hauses wiederherstellen.

Will die Kramgasse 72 «reparieren»: Architekt Lukas Buol.

Will die Kramgasse 72 «reparieren»: Architekt Lukas Buol. Bild: Franziska Rothenbühler

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Ein Kino mitten in der Altstadt – eine Affiche, die für sich genommen attraktiv klingt. Architekten und Denkmalpflegern aber blutet das Herz, wenn sie davon sprechen, was dem Haus an der Kramgasse 72 1928 mit dem Einbau des jetzigen Kinos Capitol angetan wurde. «Es war die erste Bausünde Berns», sagt etwa der städtische Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross. Das Haus wurde bis auf die Brandmauern, den Keller und die Fassade an der Kramgasse abgerissen, im Hof der grosse Kinosaal errichtet.

Mittlerweile haben Innenstadtkinos die Gunst der Zuschauer verloren – die Kitag, Betreiberin des Capitols, will das Kino schliessen, wie im Februar 2016 bekannt wurde. An einem Medienanlass vom Mittwoch im Kornhausforum präsentierte die neue Besitzerin des Hauses, die Zürcher HIG-Immobilien-Anlage-Stiftung, nun, was sie mit dem Haus vorhat.

Kinoabbruch war nicht zwingend

Das Gebäude wird – noch einmal – grösstenteils ausgehöhlt und neu aufgebaut werden, das Kino wird also abgerissen. Geplant sind 22 Wohnungen mit zwischen zwei und viereinhalb Zimmern in den Obergeschossen. Im Erdgeschoss sollen Läden oder Restaurants entstehen. Den Zuschlag für den Umbau der Liegenschaft hat das Basler Architekturbüro Buol und Zünd erhalten. Das Büro hatte sich mit seinem Projekt gegen drei andere zum Studienauftrag eingeladene Architekturbüros durchgesetzt. «Es geht gewissermassen um eine Reparatur der Bausünde», sagt Architekt Lukas Buol.

Dass das später erstellte Kino abgerissen wird, sei nicht von Anfang an festgestanden, wie Denkmalpfleger Gross erklärt. «Es soll nicht einfach das ‹Alte› geschützt werden.» Das Kino für sich sei ebenfalls erhaltenswert. Weil aber das ursprüngliche Gebäude im Art-déco-Stil wegen vieler Eingriffe über die Jahre seinen Charakter verloren habe, «wog am Ende der Erhalt der ursprünglichen Bausubstanz höher», so Gross. Die Vorgaben des Studienauftrages an die Architekten waren einerseits ungewöhnlich offen.

So gab es etwa kein Raumkonzept. Andererseits sollte die noch vorhandene Bausubstanz des Gebäudes von vor 1928 möglichst einbezogen werden und dem Haus den Charakter eines für die Altstadt typischen Gebäudes zurückgegeben werden: je ein Haus gegen die Gassen, dazwischen ein Innenhof. Diese Vorgaben hat Buols Projekt am besten erfüllt. Gerade beim Einbezug der alten Bausubstanz konnte es punkten.

Ausgangslage für die Architekten war dabei die noch erhaltene Kellerstruktur. Um das Vorhaben umzusetzen, waren einige Tricks nötig. Knifflig sei etwa die Platzierung des Liftes gewesen, der Keller und Wohnungen erschliessen soll. Die Lösung: Gemäss Projekt endet der Lift nun in einem bisher zugemauerten Kellerraum, welcher die historische Analyse des Gebäudes zutage förderte. Für die Gestaltung der Räume habe man sich an Details anderer Altstadthäuser orientiert, die typischen Ecköfen zum Beispiel. «Das macht das Projekt zwar komplizierter», so Buol, ermögliche aber einen historisch fundierten Nachbau.

Baustart etwa 2019

Noch ist am Umbauprojekt vieles in der Schwebe. Baustart ist voraussichtlich Anfang 2019, bis dahin darf die Kitag im Gebäude bleiben – sie kann aber auch früher ausziehen. Die Kosten würden sich gemäss einer sehr groben Schätzung auf zwischen 15 und 18 Millionen Franken belaufen, wie Fritz Burri, Projektverantwortlicher bei HIG, sagt. Wer sich in den Ladenlokalen einmiete, sei noch völlig offen, ebenso die genau Aufteilung der Wohnungen. Die HIG sehe das Haus nicht als kurzfristiges Renditeobjekt, so Burri.

Er sei aber überzeugt, dass sich die Investition langfristig auszahle, sofern man das Haus richtig positioniere. Klar ist ebenfalls: Genauso wie der Eingriff 1928 wird auch der Bau des neuen Hauses zu einer der grössten Baustellen der neuen Zeit in der unteren Altstadt werden. Diesmal aber wohl mit einem Resultat, das auch Architekten und Denkmalpfleger zufriedenstellt.

Öffentliche Projekte-Austellung im Kornhausforum bis Samstag, 13. Mai. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2017, 11:31 Uhr

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