Auf zu neuen Ufern!

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann erklärt, wieso nur der Kolonialismus Bern vor dem Zerfall retten kann.

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Wenn Sie mich fragen, ist es von höchster Bedeutung, dass die Stadt Bern die Neuenburger Gemeinde Le Landeron kolonisiert. Womöglich werden Sie nun mit einer gewissen Irritation auf dieses Vorhaben reagieren. Doch lesen Sie weiter und Sie werden verstehen. Es ist wegen Moutier. Die Gemeinde will bekanntlich nicht mehr beim Kanton Bern mitmachen und zum Jura überlaufen. Andere Gemeinden sinnieren ebenfalls über Fahnenflucht. Der Kanton scheint die Kontrolle über seine Ländereien im Norden verloren zu haben. Die Konsequenzen dieser Laissez-faire-Politik könnten eine verheerende Wirkung auf die Grösse des bundesstädtischen Territoriums haben. Was wenn die bernjurassische Tendenz zur Abspaltung auch hier Einzug hält? Was wenn sich Weissenbühl plötzlich mit Köniz liiert, Murifeld mit Ostermundigen liebäugelt oder Oberbottigen gar mit Neuenegg anbandelt? Ich will die Lage nicht dramatisieren, doch scheint mir Bern kurz vor dem Zerfall zu stehen.

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Der stadtbernische Trend zum Überläufertum muss gestoppt werden, bevor er überhaupt entstehen kann. Was es nun braucht, ist ein Präventivschlag. Nichts setzt ein klareres Zeichen der Macht als eine spektakuläre Gebietserweiterung. Sie sehen also, es liegt förmlich auf der Hand, dass Le Landeron kolonisiert werden muss. Nun werden Sie bestimmt einwenden, dass der Kolonialismus nicht gerade als Krönung des humanistischen Gedankens bekannt ist. Sie haben recht. Eine Kolonisierung im Geiste vergangener Jahrhunderte ist denn auch gar nicht angedacht. Mir schwebt eine sanfte Annektierung vor – gütesiegelkonform und möglichst CO2-neutral. Was bleibt Bern auch anderes übrig? Le Landeron über den demokratischen Weg unterjochen? Das dürfte sehr schwierig werden und unheimlich lange dauern. Bis es so weit wäre, ist Felsenau längst mit Bremgarten durchgebrannt.

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Da wir uns jetzt über Sinn und Zweck einer städtischen Kolonie im Westen einig sind, gilt es nun, das weitere Vorgehen zu besprechen. Kolonisieren ist unweigerlich mit Reisen verbunden. Fortbewegung ist in Bern ja immer so ein parteipolitisch durchwurmter Zankapfel. Deshalb ist mit grossem Redebedarf zu rechnen, wenn es darum geht, wie man denn Le Landeron erreichen will. Der Gemeinderat wird vermutlich vorschlagen, mit der S5 bis nach Neuchâtel zu fahren, dort auf den Bus nach Erlach umzusteigen und die restlichen Kilometer mit dem E-Bike zurückzulegen. Doch wie allgemein bekannt ist, haben E-Bike-Fahrer noch nie etwas erobert – weder Herzen noch Neuenburger Gemeinden. Ich plädiere deshalb für den Wasserweg. Kolonisiert wird schliesslich traditionsgemäss zu Schiff. Nun ist es aber so, dass Bern durch geografische Benachteiligungen bisher nie zu einer Seemacht heranwachsen konnte. Deshalb ist der Schiffbau in Bern ein sehr dürrer Wirtschaftszweig. Mit der Produktion einer städtischen Armada dürfte dieser zu einem starken Ast gedeihen. Arbeitsplätze werden geschaffen, alle rund 2500 Stellenlose in der Stadt Bern werden Werftarbeiter. Weil die vermutlich noch nicht so geübt im Schiffebauen sind, wird es wohl Spätsommer, bis sich die bernische Flottenstreitmacht durch die Aare in Richtung Bielersee schlängelt.

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Wieso ausgerechnet die Neuenburger Gemeinde Le Landeron? Ich habe sämtliche durch die Aare erreichbaren Ufergemeinden nach ihrer Einnehmbarkeit bewertet, und Le Landeron scheint mir das einfachste Los. Niedergetrampelt zu werden, gehört zur historischen Gewohnheit der Gemeinde. Das Städtchen wurde bereits 1260 dem Erdboden gleichgemacht, als sich der Graf von Neuenburg mit dem Fürsten von Basel gezofft hat. Der dortige Politikapparat wird einer sanften Annexion kaum etwas entgegenzusetzen haben. Die stärkste Gruppe im Parlament stellt die Bierdosenpartei (googeln Sie). Mit der Ignoranz eines künftigen Kolonisten behaupte ich, die ist promillestark, aber führungsschwach. Zu einer der besonderen Attraktionen der Gemeinde gehört übrigens eine 67 Meter lange Wasserrutschbahn. Sie steht in einer Badi. Die dortigen Hotdog-Preise sind von der Fremdherrschaft noch zu bestimmen.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor, strebt aber eine Politkarriere bei der Bierdosenpartei an.

www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2017, 06:56 Uhr

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