Umsichtige Stadtväter und Stadtmütter

Beim «‹Bund› im Gespräch» kritisierten sich die Stapi-Kandidierenden moderat – und zeigten vor allem Konsensfähigkeit.

Acht der neun Stapi-Kandidaten im Gespräch.
Video: crosscam.ch

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Es hätte am Montagabend auch anders laufen können: Beim «‹Bund› im Gespräch» zur Nachfolge von Stapi Alexander Tschäppät (SP) wäre im Bellevue Palace Kronprinzessin Ursula Wyss (SP) auf der Bühne gewesen – und noch ein tapferer bürgerlicher Gegenkandidat. Doch beim Anlass drängten sich acht Kandidatinnen und Kandidaten – und der neunte sass im Publikum: Stefan Theiler, ein junger Mann mit der Webseite www.stapi.be. Er wird später gesondert vorgestellt (siehe Kasten).

«Ich bin harmoniesüchtig. Das ist ein Vorteil, wenn man zusammen mit andern weiterkommen muss.»Alec von Graffenried, GFL, auf die Frage, was ihn als Stadtpräsidenten auszeichne.

Theiler deponierte sein Werbeplakat draussen vor dem Luxushotel. Acht Kandidierende auf dem Podium – geht das? Es ging gesittet zu und her, die drei Moderatoren – Chefredaktor Patrick Feuz, Lokalchef Marcello Odermatt und der Stadtpolitik-Spezialist Bernhard Ott – waren jederzeit Herr der Lage. Wyss, von Feuz als «Kronfavoritin» bezeichnet, gab sich als Person, die das Ganze im Blick hat, mit anderen Meinungen umgehen, mit der Region und dem Gewerbe kutschieren kann.

«Mit einem SVP-Stapi hätte ich Mühe. Er könnte das Stadtberner Volk nicht vertreten. Es tickt rot-grün.» Franziska Teuscher, GB, nach der Bitte, etwas Positives über die Gegner zu sagen.

Bern bekomme in Umfragen stets supergute Noten bezüglich Lebensqualität – das wolle sie erhalten. Und dazu mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. Die grüne Ex-Nationalrätin Franziska Teuscher, zuständig für Bildung, Soziales und Sport, ist Konkurrentin von Wyss, doch beide Frauen beteuerten, wie wichtig es sei, dass Bern erstmals eine Stadtpräsidentin erhalte.

«In Bern hat man zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Frau ins Stadtpräsidium zu wählen.»Ursula Wyss, SP, auf die Frage, warum sie mit Teuscher Wahlkampf betreibe.

Die Frage von Chefredaktor Feuz, ob das Rumoren beim Personal in der städtischen Zahnklinik auf mangelnde Führungsqualitäten zurückzuführen sei, konterte sie: Ihre BSS-Direktion sei mit 1800 Mitarbeitenden sehr gross, und selbst der «Bund» habe ihr attestiert, bei der Zahnklinik-Affäre Führungsqualitäten gezeigt zu haben.

«Keine Frau, aber mit Ideen»

Der dritte im RGM-Bündnis ist Alec von Graffenried. Der frühere Statthalter, in den letzten Jahren in einem privaten Baukonzern tätig, hat mit seiner Kandidatur einiges verkompliziert. «Er sei nun einmal keine Frau», das könne er nicht ändern, sagte er fast linkisch. Das RGM-Bündnis, dem seine Grüne Freie Liste (GFL) angehört, sei «schon sehr lange an der Macht», es müsse sich erneuern und «Bern neu denken».

«Wenn man sieht, wie eintönig das RGM-Bündnis geworden ist, ist klar, dass es eine andere Kraft in Bern braucht.»Alexandre Schmidt, FDP, auf die Frage, warum er keine Verbündeten habe.

Hier bringe er «raumplanerisches Flair» mit aus der Privatwirtschaft, die bei RGM «nicht so stark vertreten ist». Er sehe sich nicht wie vorgeworfen als Lavierer, sondern als Brückenbauer: «In der Schweiz ist es immer von Vorteil, wenn bei einem Projekt alle mitkommen.»

Schmidt «zieht am Tischtuch»

Alexandre Schmidt (FDP), der einst Tschäppät mit dem Slogan «Alex, aber anders» herausforderte, wird von manchen Beobachtern bereits abgeschrieben, als «Proporzopfer», wie Odermatt orakelte. Er müsse sogar nach dem Strohhalm der Kleinstpartei EDU greifen, um genug Stimmen zu holen. Schmidt gab sich gelassen, die FDP sei eine grosse Partei, es brauche jemanden, der beim «eintönig gewordenen Rot-Grün am Tischtuch zieht». Er denke zuerst ans Erwirtschaften, nicht zuerst ans Ausgeben, so Schmidt.

«Als Bürgerliche haben wir in der Reitschule wenig bewegt. Aber wir haben das Bernticket eingeführt.»Reto Nause, CVP, auf die Frage, was die Bürgerlichen bisher bewegt haben.

Im Stadtrat und beim Volk habe er seine Projekte durchgebracht, er sei zuversichtlich. Eher in der Defensive schien Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) zu sein. Und eine eigene Polizei habe er auch nicht. Nause betonte, dass die bürgerliche Seite «Akzente gesetzt» habe.

«Wir kandidieren für das Stadtpräsidium, damit wir von den Medien gehört werden. Wir wollen in den Gemeinderat.»Rudolf Friedli, SVP, auf die Frage, warum die Partei drei Kandidaten nominiert hat.

Nause, verantwortlich für Tourismus, nannte das Freie-Fahrt-Ticket für Hotelgäste oder die Vergrösserung der Aussenbestuhlungsflächen, was die Beizenszene belebe. Nause gab sich moderat: «Wir würden nicht alles anders machen, aber vielleicht schneller.» Bei der gegenwärtigen Wohnungsnot nach 24 Jahren RGM-Regierung müsse man einen Zacken zulegen, so Nause.

SVP: Mehreiige Drillinge

Blieben die Drillinge auf der rechten Seite: SVP-Parteipräsident Rudolf Friedli, der polternde Lastwagenfahrer Erich Hess, der das Stadt-, das Kantons- als auch das nationale Parlament von innen kennt. Und der Landwirt Daniel Lehmann aus Berns Westen – ein ungleiches Trio. Hess sagte nicht zum ersten Mal, die Reithalle gehöre geschlossen, man müsse hart durchgreifen.

«Ich bin als Bauer in die SVP eingetreten. In gewissen Fragen bin ich links. Mein Ziel ist eine Vision von Bern 2100.»Daniel Lehman, SVP, auf die Frage, ob sein Profil dem der Partei entspreche.

Auf den Vorwurf, er sei kein Exekutivpolitiker, sagte Hess, er wisse sehr wohl zwischen den Rollen zu unterscheiden, das habe er als Kommissionspräsident im Stadtrat bewiesen. Friedli kritisierte, die Stadt unter Rot-Grün habe ihre Bauten verlottern lassen, um dem Wählervolk schönen Konsum bieten zu können, das habe man seit Jahren kommen sehen. Er wolle tiefere Steuern und einen schlanken Staat.

«Bern hat die eigenen Probleme nicht im Griff. Ich würde keiner Gemeinde empfehlen, mit der Stadt zu fusionieren.»Erich Hess, SVP, auf die Frage, was er von der Idee einer Stadtregion hält.

Mit dem Gutscheinsystem für Kindertagesstätten habe die bürgerliche Seite einen Akzent gesetzt gegen die stets staatsgläubige Linke. Betont einig gaben sich alle acht bei den Themen Sprayereien, Vandalismus und Littering. Es sei widerlich, koste viel und müsse bekämpft werden, sei es durch Erziehung oder Bussen. Leicht hausbacken, aber ohne trainierte Politiker-Routine sprach SVP-Mann Lehmann, der Frauenquoten und Velos gut findet.

Nein, er sei nicht in der falschen Partei, konterte Lehmann die Frage von Moderator Ott. Er sei eine Leaderfigur mit einem echten Mitteprofil. Mit seiner Frau habe er im Jobsharing drei Kinder grossgezogen. Lehmann hatte als Einziger einen originellen Vorschlag: eine alternative, jugendfreundliche Zone bei der Expo, um die Innenstadt zu entlasten. «So könnte man die Szene etwas auslagern.»

(Der Bund)

(Erstellt: 25.10.2016, 08:42 Uhr)

Warum einer fehlte

Nicht weniger als neun Kandidatinnen und Kandidaten kämpfen um die Nachfolge von Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP). Wahltermin ist der 27. November. Acht haben am Montag am Wahlpodium des «Bund» im Bellevue teilgenommen. Nicht eingeladen wurde Stefan Theiler, der für die Gruppierung Neue Berner Welle antritt.

Der «Bund» hat sich entschlossen, nur Kandidierende einzuladen, die etablierte Parteien im Rücken haben, welche im Stadt- oder im Gemeinderat vertreten sind. Theiler, der nach eigenen Angaben im Falle einer Wahl «die StädterInnen in ihrem migrosphilen Einkaufsverhalten verunsichern» will, wird im «Bund» zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt.

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