Wo die Armut shoppen geht

Von Martin Zimmermann. Aktualisiert am 13.09.2011

Die Zahl der Armen im Kanton Bern steigt. Hilfswerke versuchen, deren Portemonnaie mit Läden für verbilligte Lebensmittel und Essens-Abgabestellen zu entlasten – diese Woche öffnet ein neues Geschäft.

In Caritas-Läden (hier die Berner Filiale) shoppen Arme günstig.

In Caritas-Läden (hier die Berner Filiale) shoppen Arme günstig.
Bild: Adrian Moser

Neue Abgabestelle in Bümpliz

Das Hilfswerk Tischlein deck dich hat kürzlich in Bümpliz seine zweite Lebensmittel-Abgabestelle in der Stadt Bern eröffnet. Arme können sich hier jeden zweiten Montag mit dem Nötigsten eindecken. «Im Westquartier gibt es überdurchschnittlich viele Armutsbetroffene», sagt Stellenleiterin Mariann Zutt auf Anfrage. Viele von ihnen seien bisher – oft zu Fuss – in die alte Abgabestelle ins Länggassquartier gepilgert. Nun sei halt die Essensabgabe zu ihnen umgezogen – mit Erfolg: Statt der erwarteten 10 seien am ersten Montag gleich 55 Klienten erschienen. Das alte Angebot bleibt zwar bestehen, hat aber ebenfalls nur noch jeden zweiten Montag geöffnet. Bislang verteile das Hilfswerk dort jede Woche Lebensmittel. Anders als in den Caritas-Läden gibt es die Güter bei Tischlein deck dich bereits gegen den symbolischen Betrag von einem Franken. Auch hier müssen Bedürftige allerdings eine von Sozialdiensten ausgestellte Bezugsmarke vorweisen können. «Wir sind kein Selbstbedienungsladen», erklärt Zutt. Die Rationen würden von den Helfern je nach vorhandenem Angebot und den Bedürfnissen der Bezüger abgepackt. Wie bei der Caritas werden die meisten Lebensmittel von Privaten und Unternehmen gespendet.

Ein Beutel Büffel-Mozzarella: 1 Franken; ein Becher Joghurt: 35 Rappen; ein Brötchen: 30 Rappen – wer bei diesen Zahlen an die neueste Schnäppchenaktion einer Detailhandelskette denkt, liegt falsch. Vielmehr handelt es sich um drei Preisbeispiele aus den Caritas-Läden für verbilligte Lebensmittel. Die Hilfsorganisation weiht diesen Donnerstag in Biel bereits die dritte Filiale im Kanton Bern ein. In der Stadt Bern gibt es ein entsprechendes Angebot seit 1996 (derzeit im Fischermätteliquartier beheimatet); in Thun seit 2005. Der Bieler Laden wird zwar von der aufs Seeland und den Jura fokussierten Partnerorganisation Fondation Gad geführt, firmiert jedoch unter der «Dachmarke» Caritas.

Im Gegensatz zu gängigen Supermärkten dürfen in den Caritas-Läden nicht Hinz und Kunz shoppen, sondern nur Armutsbetroffene. «Wer bei uns einkaufen will, muss eine spezielle Marke vorweisen», sagt Thomas Studer, Geschäftsleiter der Caritas Bern, auf Anfrage. Diese wird von den Sozialdiensten ausgestellt und zusätzlich von der Caritas kontrolliert. Marken beantragen können nur Menschen, welche Anspruch haben auf finanzielle Unterstützung wie Beiträge der Sozialhilfe oder Prämienverbilligung der Krankenkassen.

Tiefe Preise – viele Kunden

Die Preise in den Geschäften des Hilfswerks bewegen sich deutlich unter dem Niveau anderer Detaillisten, wie die oben genannten Beispiele verdeutlichen. Im Falle des Mozzarellas beispielsweise beträgt die Reduktion gegenüber dem handelsüblichen Preisen gar rund 90 Prozent. Ein Tageseinkauf kommt eine vierköpfige Familie nach der Rechnung der Caritas etwa halb so teuer zu stehen, wie in anderen Geschäften – Hamsterkäufe sind allerdings verboten. In den Regalen der Läden stehen laut Studer übrigens keineswegs Produkte mit abgelaufenem Datum, sondern Überschüsse und Fehllieferungen der Detailhandelsketten sowie Spenden Privater und kleinerer Unternehmen. Selbsttragend sind die Lebensmittelgeschäfte wegen der geringen Margen nicht. Studer: «Wir sind auf die finanzielle Unterstützung der Landeskirchen angewiesen.»

Der Caritas-Leiter verweist auf den aktuellen kantonalen Sozialbericht: Demnach lebten im Jahr 2008 97 000 Menschen an oder unter dem Existenzminimum; darunter 22 000 Kinder – 2001 waren es erst 76 000 gewesen. Die Tendenz für die nächsten Jahre zeigt angesichts der schlechten Wirtschaftsaussichten nach oben. Die Caritas-Läden sollen in erster Linie das Portemonnaie dieser zahlreichen Armutsbetroffenen entlasten. Thomas Studer macht aber klar: «Wir können das Armutsproblem nicht alleine lösen.» Vielmehr könnten die Lebensmittelläden bloss ein «Puzzleteil» sein in einer viel breiteren Strategie zur Bekämpfung der Armut. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2011, 11:25 Uhr

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