Wo Wohnungen als Büros genutzt werden

In der Gutenbergstrasse werden zwölf Prozent der Wohnungen durch Büros zweckentfremdet. Bei der Stadt Bern will man die entsprechenden Zahlen für die ganze Stadt aber nicht ermitteln. Es sei «erfolgversprechender», neuen Wohnraum zu schaffen.

Paradebeispiel für die schleichende Umnutzung von Wohnraum in Büros: Die Gutenbergstrasse im Berner Monbijouquartier.

Paradebeispiel für die schleichende Umnutzung von Wohnraum in Büros: Die Gutenbergstrasse im Berner Monbijouquartier. Bild: Valérie Chételat

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Gutenbergstrasse 21. Generationen von Studierenden gingen hier einst ein und aus. Bis 2006 war die Stadt Bern mit der akademischen Berufsberatung Hauptmieterin in einer Liegenschaft, in der eigentlich sechs Wohnungen bewilligt waren. Die Stadt war also selber Nutzniesserin von zweckentfremdetem Wohnraum. «Aufgrund dieser Tatsache und der langen Geschäftsnutzung dürfte sich die Rückführung der Geschäftsräume in Wohnungen schwierig gestalten», schreibt der Gemeinderat in einer Antwort auf einen Vorstoss von GFL/EVP und SP. Darin wird die flächendeckende Erhebung von widerrechtlich umgenutzten Wohnungen verlangt. An der Gutenbergstrasse 21 sind heute Arztpraxen und Beratungsbüros zu finden.

Gute Geschäftslagen sind begehrt

Auf die erwünschten Zahlen zum Missbrauch von Wohnraum in der ganzen Stadt muss vorläufig aber verzichtet werden. Laut Gemeinderat wäre die Kontrolle der 17'000 Gebäude mit Wohnanteil «enorm aufwendig». Im Sinne einer Stichprobe wurden Anfang 2011 zwei Strassenzüge auf illegale Umnutzungen überprüft. Die Wahl fiel auf die Gutenberg- und die Bühlstrasse, weil es sich um attraktive Geschäftslagen handelt.

In der Gutenbergstrasse sind 9 von 75 Wohnungen widerrechtlich umgenutzt worden. Dies entspricht einem Anteil von 12 Prozent. Drei Wohnungen wurden freiwillig wieder ihrem Ursprungszweck zugeführt. Bei den sechs einleitend erwähnten Wohnungen kann ein baupolizeiliches Verfahren eingeleitet werden. In der Bühlstrasse hingegen war nur eine von 72 kontrollierten Wohnungen ohne Bewilligung umgenutzt. Dies entspricht einem Anteil von bloss 1,7 Prozent. Massnahmen können hier keine mehr ergriffen werden, da die gesetzliche Fünfjahresfrist bis zum Inkrafttreten der Besitzstandwahrung abgelaufen ist. «Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass kein erheblicher Missbrauch festgestellt wurde», schreibt der Gemeinderat.

Volkszählung soll Klarheit bringen

Diese Aussage bleibt nicht unwidersprochen: Er gehe davon aus, dass der Anteil zweckentfremdeter Wohnungen «in einem tiefen einstelligen Prozentbereich» liege, sagt Daniel Klauser (GFL). In einer Stadt mit einer Leerwohnungsziffer von 0,45 Prozent sei das eine «relevante Zahl». Klauser ist daher nicht bereit, den Vorstoss als erledigt abzuschreiben, wie dies der Gemeinderat verlangt. Er will vielmehr die nächste Volkszählung abwarten. Dabei muss die Stadt dem Bund bis Ende Jahr Zahlen zu den Wohnungen und Einwohnern liefern. Jeder Einwohner muss einer Wohnung zugewiesen werden. Bleiben auf diese Weise Wohnungen «übrig», ist das ein «starkes Indiz für eine nicht-konforme Nutzung», sagt Klauser.

Beim Mieterverband wird bedauert, dass es «noch kein griffiges Instrument» im Kampf gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum gibt. «Das Problem ist seit Jahren bekannt. Der Gemeinderat hat es versäumt, Lösungen vorzuschlagen», sagt Kantonalpräsidentin Evi Allemann. Sie geht von einer «recht hohen Dunkelziffer» aus. Einer flächendeckenden Überprüfung der Gebäude mit Wohnnutzung steht die SP-Nationalrätin aber skeptisch gegenüber. «Die Erfolgsquote wäre wohl zu gering. Es braucht periodische, schwerpunktmässige Überprüfungen», sagt Allemann.

Stadt: «Mit Umnutzungen leben»

Auch bei der Stadt geht man davon aus, dass der Anteil von illegal zweckentfremdeten Wohnungen «relativ hoch» ist. In diesem Zusammenhang sei es sicher «vernünftig», die Erhebungen im Rahmen der Volkszählung abzuwarten, sagt Regula Buchmüller, Leiterin der Abteilung Stadtentwicklung.

Sie weist jedoch darauf hin, dass mit der Erhebung der Daten «noch nichts gewonnen» sei. Laut Schätzungen der Stadt liegt der Anteil von zeitweise oder gar nicht bewohnten Wohnungen bei 12 Prozent, was 8500 bis 9000 Wohnungen entspricht. Dabei handelt es sich aber um Zweitwohnungen, leer stehende Wohnungen, legal umgenutzte Wohnungen oder umgenutzte Wohnungen mit Besitzstandgarantie. Die illegal umgenutzten Wohnungen wiederum seien vermutlich bloss ein kleiner Teil davon, sagt Buchmüller. Rechtliche Schritte zur Zurückführung dieser Wohnungen seien aufwendig und kostspielig. «Es wäre erfolgversprechender, mit den Umnutzungen zu leben und die Energien stattdessen in die Schaffung neuen Wohnraums zu stecken», sagt Buchmüller. (Der Bund)

(Erstellt: 24.05.2012, 06:52 Uhr)

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