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«Wissenschaftlicher Vortragspimper»

Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 29.05.2012

Wie bringt man Wissenschaft unters Volk? Zoologe Christian Kropf und Schauspieler Uwe Schönbeck als Hausmeister Winterberg machen es mit komödiantischen Vorträgen im Naturhistorischen Museum vor.

Bei diesen beiden werden wissenschaftliche Vorträge bestimmt nicht dröge: Zoologe Christian Kropf und Uwe Schönbeck als Hausmeister Winterberg.

Bei diesen beiden werden wissenschaftliche Vorträge bestimmt nicht dröge: Zoologe Christian Kropf und Uwe Schönbeck als Hausmeister Winterberg.
Bild: Manu Friederich

Herr Winterberg, können Sie mit Tieren überhaupt etwas anfangen?
Winterberg: Mit toten schon. Wenn sie gut paniert sind. Schönes Schnitzel zum Mittagessen ist was Feines, aber der Herr Doktor Kropf ist ja Spezialist für alles, was kriecht, was sticht, was schleimt. Dieses Zeugs braucht man nicht unbedingt. Auch die Information, dass wir Tausende von Milben als Bettgefährten haben – ich will das alles gar nicht wissen!
Kropf: Aber Herr Winterberg, das öffnete einen ganz neuen Blick auf die Realität des Menschen.
Winterberg: Aber nachts brauche ich keinen offenen Blick, da schlafe ich. Und zwar mit geschlossenen Augen, Herr Doktor Kropf.

Inzwischen besuchen pro Thema 1000 Leute Kropfs Vorträge. Das will ihnen nicht in den Kopf.
Winterberg: Nicht wirklich. Ich bin auch nicht sicher, ob die die Vorträge wegen Herrn Doktor Kropf besuchen.
Kropf: Natürlich kommen die meinetwegen, Herr Winterberg.

Die Leute kommen alle Ihretwegen, Herr Winterberg?
Winterberg: Ja, natürlich! Die wollen gemütliche anderthalb Stunden absitzen. Zwischendurch mal lachen, mal ein Gedichtchen hören. Nebenbei kriegen sie ein paar Informationen.

Der Erfolg der Vortragsreihe bedeutet für Sie vor allem eines: noch mehr Überstunden.
Winterberg (ruft empört): Ja, Überstunden, Überstunden!
Kropf: Das kann man ja wohl verlangen, dass sie ein bisschen Überstunden machen, Herr Winterberg. Sie sind ja sehr privilegiert hier im Haus.
Winterberg: Das sehen Sie so
Kropf: Das ist das Museum der Burgergemeinde, da kann man ruhig ein paar Überstunden machen. Ich machs ja schliesslich auch.
Winterberg:Bei ihrem Gehalt können Sie das ruhig machen.
Kropf:Ihres ist auch nicht so schlecht.
Winterberg:Mir fehlen die zwei Buchstaben vor dem Namen, wissen Sie . . . Ich könnte HS Herbert Winterberg heissen!
Kropf: Was heisst HS?
Winterberg: Hausmeister.
Kropf: Das wäre aber HM.
Winterberg (ärgerlich): Bei mir ist es HS!
Kropf: Warum?
Winterberg: H-au-s-meister!

Herr Kropf, was hat Sie eigentlich auf die exzellente Idee gebracht, ihre Vorträge zusammen mit einem schauspielerisch äusserst talentierten Hausmeister zu halten?
Kropf: Zu den Abendführungen, die wir regelmässig veranstalten, sind einfach zu viele Leute gekommen. Man kann nicht 70, 80 Leute durch die Ausstellungen führen. Da habe ich mir was anderes überlegt. Eine Art wissenschaftlichen Vortrag mit Unterstützung . . .
Winterberg: Wissenschaftliche Vorträge laufen ja immer Gefahr, zu dröge zu werden. Ich pepp die . . . oder ich pimp die sozusagen auf. Ich bin ein wissenschaftlicher Vortragspimper!
Kropf (beleidigt): Meine Vorträge sind nicht trocken, Herr Winterberg.
Winterberg (unbeirrt): Ich bin Spezialist für die kulturelle und künstlerische Qualitätssicherung wissenschaftlicher Vorträge. Ich mach nicht nur sauber.
Kropf: Leider.

Beim ersten Mal vor acht Jahren sezierten Sie einen Regenwurm.
Winterberg: Ich habe ihn nicht aufgeschlitzt!
Kropf: Das können Sie auch gar nicht, Herr Winterberg.
Winterberg: Nein, dazu habe ich ein zu weiches Herz.
Kropf: Der war ja tot. Der ist tot auf der Strasse gelegen nach einem Gewitter, wenn Sie sich erinnern.
Winterberg: Die sterben ja an Sonnenbrand.
Kropf: Das weiss er auch von mir, vorher hat er geglaubt, die ertrinken.
Winterberg: Ja, ich lerne auch, nicht nur die Leute.
Kropf: Schön.
Winterberg: Nur für mich, denn wenn ich es weitererzähle, glaubt mir kein Mensch. Glauben tun Sie nur dem Herrn Doktor.

Man kann behaupten, Herr Kropf . . .
Kropf (lacht): Doktor Kropf, bitte. Ich bin aus Österreich.

Verzeihung, also Herr Doktor Kropf, «Winterbergs Überstunden» sind ein Paradebeispiel, wie man trockene Wissenschaft einem breiten Publikum vermitteln kann.
Kropf: Wissenschaft ist nie trocken, sonst könnte man sie nicht vermitteln.
Dieser Eindruck entsteht aber hin und wieder . . .
Kropf: Jeder Beruf entwickelt seine Fachsprache. Wenn zwei Mechaniker diskutieren, dann verstehe ich auch nur Bahnhof. Dasselbe ist, wenn zwei Wissenschaftler miteinander reden. So kann man es nicht unters Volk bringen.

In dieser Vortragsreihe dozieren Sie ja nicht nur, sondern sind Teil einer Aufführung – schwierig?
Kropf:Allerdings. Ich bin immer furchtbar nervös.
Winterberg (grummelt): Furchtbar nervös, furchtbar.
Kropf: Ich muss mich immer auch achten, was Winterberg tut, deswegen ist das eine ganz andere Situation als in einer Vorlesung.
Winterberg: Ich unterstütze Sie doch, Herr Kropf. Ich bin eine Säule des Unternehmens. Sie sollten beruhigt sein, dass ich da bin.
Kropf: Das ist schon richtig, Herr Winterberg, aber manchmal wäre weniger mehr. Aber ich bin Ihnen schon sehr dankbar und verbunden . . .
Winterberg: Können Sie das nochmals wiederholen?
Kropf: Ich bin Ihnen sehr dankbar.
Winterberg (spricht ins Aufnahmegerät): Ich wiederhole, Herr Doktor Kropf ist mir sehr dankbar.

Was muss einem eigentlich in der Kindheit passieren, dass man sein berufliches Leben den wirbellosen Tieren widmet?
Kropf: Viel in der Natur sein. Ich hatte das Glück, auf dem Land aufzuwachsen. In einer fantastisch schönen Gegend mit Bächen, Hecken und Magerwiesen. So wurde ich zum Biologen.

Und warum Wirbellose?
Winterberg: Mangel an Alternativen. In Österreich laufen ja keine Giraffen rum.
Kropf: Das hat sich erst im Studium ergeben. Ursprünglich wollte ich an Amphibien arbeiten, habe aber kein Thema gefunden, das mir gefiel. So kam ich zu den Spinnen und meinem Fachgebiet.
In ihren Vorträgen erzählen Sie aber längst nicht nur von Wirbellosen.
Winterberg: Auf mein Drängen, sonst hält er nichts von Säugetieren, die findet er langweilig.
Kropf: Die Wirbeltiere machen nicht einmal drei Prozent der Tierarten aus, die ungeheure Biodiversität, das sind vor allem wirbellose Tiere.
Winterberg: Weils so viel gibt von diesem Grauchzeugs, kümmert er sich drum.
Kropf: Das ist auch interessant, Herr Winterberg.
Winterberg: Er kümmert sich nur um Randgruppen.
Kropf: Es ist sehr interessant.
Winterberg: Ja, wenn man sich dafür interessiert.

An 32 Themen haben Sie sich schon abgearbeitet . . .
Winterberg: So viele schon?

Reicht es Ihnen langsam, Herr Winterberg?
Winterberg: Ideen gehen uns nicht aus. Die Natur ist sehr reichhaltig. Da finden wir immer wieder was Neues.

Ihre Fans können unbesorgt sein?
Winterberg: Solange meine Leber mitmacht.
Kropf: Solange meine Nerven mitmachen. (Der Bund)

Erstellt: 29.05.2012, 10:03 Uhr

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