«Wissen Sie Bescheid?»
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 31.12.2011 1 Kommentar
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«Türkei. Mörder.» Lautstark marschieren um die 300 Kurden über die Kirchenfeldbrücke in Richtung Bundesplatz. «Erdogan. Terrorist». Frauen haben sich grün-gelb-rote Foulards umgebunden – die Farben Kurdistans. «Türkische Armee – raus aus Kurdistan», hallt es durch die Amthausgasse. Fahnen mit dem Bildnis Abdullah Öcalans werden geschwenkt. Der Führer der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sitzt seit 1999 als verurteilter Terrorist im Gefängnis.
Vom kleinen Mädchen bis zum älteren Herrn, alle recken sie Plakate in die Höhe, Pappkartons mit dem immer gleichen Motiv: in Decken eingewickelte Tote. Es sind die kurdischen Zivilisten, die bei einem Luftangriff der türkischen Armee vor zwei Tagen ums Leben gekommen sind. Die Fotos sind mit Slogans versehen: «Nieder mit dem Faschismus». Oder: «Völkermord an Kurden. Wissen Sie Bescheid?». Die kurdische Diaspora hat sich in Bern versammelt, um gegen ein «neues Massaker der Türkei an kurdischen Zivilisten» zu demonstrieren – so hat es die Föderation Kurdischer Vereine in der Schweiz (Fekar) auf dem Flugblatt formuliert, das die Demonstranten verteilen.
PKK ruft zu «Aufstand» auf
Im Südosten der Türkei, an der Grenze zum Irak, hatten Drohnen des Militärs in der Nacht auf Donnerstag eine Gruppe von 40 Menschen ausgemacht. Dann stiegen die Flieger auf. Doch ihre Geschosse trafen nicht Rebellen der PKK, sondern Zivilisten, die mit Maultieren iranischen Diesel und Zigaretten über die Grenze schmuggelten. Mindestens 35 Menschen wurden getötet. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat den «betrüblichen Zwischenfall» gestern bedauert, die PKK rief das kurdische Volk zu einem «Aufstand» auf.
«Ist dies noch ein Massaker oder versuchter Völkermord?», fragt die Fekar auf dem Flugblatt. Schon im Oktober soll das türkische Militär gemäss der Föderation mindestens 24 kurdische Kämpfer mit Giftgas getötet haben. «Aber darüber schreiben die Zeitungen nichts», sagt Müslüm Sungur. Der 25-Jährige ist in der Schweiz aufgewachsen, sein kurdisches Heimatdorf besucht er nur ferienhalber. Aber es sei wichtig, nicht zu vergessen, «woher man kommt und wer man ist», sagt er. Deshalb sei er heute hier. Eine Vergeltungsaktion wünscht er sich nicht. «Mit Gewalt lässt sich dieser Konflikt nicht lösen.»
Arzu Güngör heisst die Frau, die die Bewilligung für die Kundgebung eingeholt hat. Die 33-Jährige flüchtete vor acht Jahren von Istanbul in die Schweiz. In der Türkei drohten ihr zwölf Jahre Gefängnis, sagt sie – weil ihr vorgeworfen werde, sie habe die PKK unterstützt. Das stimme nicht, sagt sie, sie habe sich lediglich für Frauenrechte eingesetzt. Aber das ändert nichts daran, dass sie in ihrer Heimat verhaftet würde, und deshalb lebt sie nun in der Schweiz und versucht, hier etwas Aufmerksamkeit zu schaffen für die Anliegen ihres Volkes. Es gehe ihr darum, dass die Kurden ihre Kultur leben könnten, dass endlich Friede einkehre in den kurdischen Gebieten, und auch darum, dass ihre Sprache in der Schule unterrichtet werden dürfe, gleichberechtigt neben der türkischen, «wie hier, in der Schweiz».
«Jetzt muss etwas passieren»
Nun stehen die Kurden vor dem Bundeshaus und skandieren ihre Parolen einigen Polizisten und der kalten Fassade des Regierungsgebäudes entgegen. Anders als ihre Landsleute in Zürich, die gestern vor dem türkischen Konsulat demonstrierten, machen sich die Manifestanten in Bern gar nicht erst zur türkischen Botschaft auf. «Das würde sowieso nichts bringen», sagt Arzu Güngör. Nur wenn die westlichen Länder Druck ausübten, könne etwas geschehen. Oder, wie es ein älterer Herr bestimmt, ja wütend sagt: «Wenn der internationalen Gemeinde Menschenrechte wichtiger sind als wirtschaftliche Interessen, muss jetzt etwas passieren.» (Der Bund)
Erstellt: 31.12.2011, 09:09 Uhr
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