«Wir sind die Spiesser der Reitschule»

«Ohne das Tojo hätte die Stadt Bern ein Problem», sagt Michael Röhrenbach, seit zehn Jahren Mitglied des Theaterkollektivs in der Reitschule.

Gastgeber, Talentförderer, Dienstleister und Kritiker der real existierenden Basisdemokratie: Michael Röhrenbach.

Gastgeber, Talentförderer, Dienstleister und Kritiker der real existierenden Basisdemokratie: Michael Röhrenbach. Bild: Adrian Moser

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Als er zum ersten Mal im Tojo auf der Bühne stand, da war er Gott. 22 Jahre ist das her, und Michael Röhrenbach spielte den Allmächtigen in «Spaceboard Galuga». Mit der Kultserie der Berner Gruppe Club 111 wurde das Tojo, der Theaterraum in der Reitschule, weit über Bern hinaus bekannt. Als Schauspieler arbeitete Röhrenbach damals vor allem in Deutschland, seiner Heimat. Die Schweiz kannte er allerdings gut. «Ich bin am Bodensee aufgewachsen und hatte stets den Säntis vor Augen.» Bevor er vor zehn Jahren aus familiären Gründen nach Bern zog, war er in Hamburg Mitglied des Künstlerkollektivs Westwerk. «Eigentlich hatte ich damals genug von Kollektiven», sagt der 54-Jährige, «aber die Möglichkeiten in der Reitschule und im Tojo waren zu verlockend.»

In den Anfängen arbeitete er zu 30 Prozent, heute umfasst sein Pensum das Doppelte, und abgerechnet werden noch immer die geleisteten Stunden. «Mit 25 Franken pro Stunde sind wir die bestbezahlten Arbeitskräfte in der Reitschule, wir sind aber auch die Spiesser hier», sagt Röhrenbach. Daneben arbeitet er noch als Produktionsleiter, Moderator und Sprecher, weiter realisiert er als Theaterpädagoge gerne Projekte mit Secondos. Die Schauspielerei hat er aufgegeben. «Ich wäre heute wohl ein zu nerviger Kollege.»

«Ohne Tojo hätte die Stadt ein Problem»

Seit seinem Einstieg ins Tojo-Kollektiv vor zehn Jahren hat sich das Theater mit den rund 100 Plätzen zum professionell geführten Gastspielhaus für freie Truppen aus der ganzen Deutschschweiz entwickelt. Das Budget beträgt 200'000 Franken pro Jahr, und gegen 12'000 Zuschauer besuchen die rund 150 Aufführungen. Seit 2008 hat das Tojo einen Leistungsvertrag mit der Stadt und wird mit jährlich 60'000 Franken unterstützt.

«Wir sind bei den Subventionsbehörden auf viel Goodwill gestossen», sagt Röhrenbach. Für ihre Bemühungen zugunsten der hiesigen Tanzszene wurden die Tojo-Leute sogar mit einem neuen Tanzboden belohnt. «Ohne Tojo hätte die Stadt ein Problem, weil nicht wenige Gruppen, die von der Theaterkommission gefördert werden, keine Möglichkeit zum Auftreten hätten. Wir werden von Anfragen überschwemmt, sind wir doch im Unterschied zu Dampfzentrale und Schlachthaus, den beiden A-Häusern der freien Szene, sehr niederschwellig.»

Was das Tojo so beliebt macht, ist nicht nur der stimmige Raum mit seiner märchenhaften Hafenbar. Geschätzt werden auch die kompetente Betreuung durch das zwölfköpfige Kollektiv und die einfache, funktionale Infrastruktur. «Wir geben unsere Erfahrungen gern weiter, helfen bei der Budgetplanung, beim Schreiben von Beitragsgesuchen und erledigen die Pressearbeit», sagt Röhrenbach. Er macht aber keinen Hehl daraus, dass man gern mehr Geld hätte, um selber koproduzieren zu können.

Überaus erfolgreich ist die Eigenproduktion «Lustiger Dienstag», die vergnügliche Talentplattform, auf der sich alte Hasen und junge Grünschnäbel treffen. Dass Gruppen, die im Tojo erste Erfolge feiern, mit ihrer nächsten Produktion ins Schlachthaus weiterziehen, stört ihn nicht. «Wir sind hier das Theater mit der breitesten Palette.» Und das zu einem günstigen Preis. Ein Billett kostet 20 Franken, und erstaunlich viele Zuschauer spenden einen Solidaritätsfünfliber.

«Die Reitschule ist einzigartig»

So selbstverständlich die Solidarität der Theaterbesucher ist, so schwer tut sich das grosse Kollektiv der Reitschule manchmal mit dem Gemeinschaftsgeist. «Oft schauen die einzelnen Veranstaltergruppen nur für sich», hat Röhrenbach beobachtet. Zu schaffen macht ihm auch die Gewalt, die immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Da fühle man sich als Veranstalter wie ins Gesicht geschlagen, wenn ein paar wenige Individuen die ganze Reitschule gefährdeten. «Aber es ist nun mal so: Wo es wenig Reglemente und Sanktionen gibt, da wachsen die Egos unreguliert.»

Röhrenbach wünscht sich, dass das Reit- schulkollektiv auch wieder mal seine Strukturen überdenken würde. «Mit der Vollversammlung verhält es sich ähnlich wie mit der Schweizer Demokratie. Wenn nicht mindestens die Hälfte abstimmen geht, ist das Resultat fragwürdig. In der Reitschule ist es letztlich eine vergleichsweise kleine Clique, welche die Entscheide fällt.»

Auch wenn er sich über die zu wenig konsequente Umsetzung der Basisdemokratie und versprayte Fensterscheiben nervt – ans Aufhören denkt Michael Röhrenbach nicht. «Die Reitschule ist einzigartig, auch was die Toleranz der Politik und der Bevölkerung betrifft. In Deutschland wären solche Mehrheiten kaum möglich. Hier Gastgeber zu sein, ist ein sehr schönes Gefühl.» (Der Bund)

Erstellt: 27.10.2012, 13:14 Uhr

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Die Reitschule

Die Reitschule Die Berner Reitschule im Herbst 1987.

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