«Wir gehen davon aus, dass es ein ziemliches Durcheinander gäbe»
Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 17.03.2011 2 Kommentare
Mühleberg
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Sie kommen gerade von einer kurzfristig einberufenen Sitzung mit Verteidigungsminister Ueli Maurer. Müssen wir uns auch in der Schweiz Sorgen machen wegen des atomaren GAU in Japan?
Wir gehen nicht davon aus, dass die radioaktive Wolke über Japan die Schweiz erreichen wird. Ich habe aber bereits am Dienstag veranlasst, dass sich ein Teil des Bundesstabs für atomare, biologische, chemische und Naturgefahren heute trifft. Darin sind wichtige Entscheidungsträger vertreten, etwa die Direktoren des Bundesamts für Gesundheit, für Veterinärwesen, für Energie und der Führungsstab der Armee müssen gewisse Fragen beantworten können, zum Beispiel wie wir jetzt mit Einfuhren aus Japan – etwa Fisch und Reis – verfahren.
Ist die Einfuhr von Lebensmitteln aus Japan denn nun gefährlich?
Im Moment nicht, aber wir konnten noch keine Messungen vor Ort machen. Es ist momentan sehr schwierig, ins betroffene Gebiet vorzudringen. Aber führen heisst vorausschauen, wir müssen auf alles vorbereitet sein. Unser Netzwerk für die Beschaffung von Informationen ist gross, die Nationale Alarmzentrale hat Verbindungen zur Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien, zu den europäischen Nachbarländern, zur Botschaft in Tokio und zur Schweizer Einsatztruppe, die im Moment in Japan vor Ort ist. In den nächsten Tagen sollten wir mehr wissen.
Wie würde man versuchen, die Schweizer Bevölkerung im Fall eines atomaren GAU zu schützen?
Wir würden wahrscheinlich ähnliche Massnahmen treffen wie in Japan, das heisst eine Evakuierung des betroffenen Gebiets stünde an. Rund um die betroffenen AKW müssten die Menschen also in einem Radius von 20 Kilometern evakuiert werden. Geschähe in Mühleberg ein Unfall, beträfe das 600 000 Menschen.
Das hiesse, bei einem Gau müssten Städte wie Bern, Aarau oder Olten evakuiert werden. Das ist innert nützlicher Frist kaum vorstellbar.
Im Moment ist tatsächlich noch einiges offen bei der Frage, wie Evakuierungen funktionieren könnten. Wir sind aber dabei, sie mit der ETH Zürich zu simulieren. Ihr Gelingen hängt von verschiedensten Parametern ab, beispielsweise der Tageszeit, dem Verkehrsaufkommen, dem Wochentag, dem Zustand der Infrastruktur. Wir warten in dieser Frage auf wissenschaftlich fundierte Aussagen. Heute kann ich lediglich Folgendes sagen: Wir gehen davon aus, dass es ein ziemliches Durcheinander gäbe. Mütter etwa würden zuerst ihre Kinder aus der Schule abholen. Dann würden die Menschen wohl zu Verwandten oder Bekannten, in Hotels oder in Turnhallen Unterschlupf finden. Wir glauben auf jeden Fall, die Solidarität wäre so gross, dass die meisten schnell ein Dach über dem Kopf finden würden.
Wenn also heute etwas passieren würde, hätte man kein detailliertes Evakuierungsszenario? Im Notfall wären die Kantone zuständig, nicht der Bund.
Diese sind aber nicht vorbereitet. Das Amt für Bevölkerungsschutz sieht ja erst seit diesem Jahr Evakuierungen vor. Bis Ende 2010 sollten sich die Menschen einfach in Schutzräume begeben im Fall des GAU.
Das ist richtig, aber Evakuierungen könnte man trotzdem verordnen, auch ohne detaillierte Pläne. Diese folgen dann wie gesagt in nächster Zeit – wenn die Ergebnisse des ETH-Projekts vorliegen. Es stimmt aber schon: Im Moment sind wir noch nicht ganz dort, wo wir hinwollen. Nur: Lange Zeit hielt niemand ganz schlimme Ereignisse für möglich.
Gibt es auch deshalb zu wenig Schutzplätze für den Ernstfall in der Schweiz?
So pauschal lässt sich das nicht sagen: In gewissen Gebieten gibt es zu viele Schutzplätze, in anderen zu wenig. Aber klar: Basel nützt es nichts, wenn es in Obwalden zu viele gibt. Erst letzte Woche hat der Nationalrat indes beschlossen, dass Private keine neuen Schutzräume bauen müssen. Vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Japan hoffe ich nun natürlich auf eine Korrektur durch den Ständerat.
Auch wenn es genügend Schutzräume gäbe: Ich zum Beispiel habe keine Ahnung, wo sich der nächstgelegene für den Ernstfall befindet.
Das müsste Ihnen die Gemeinde mitteilen. Aber natürlich: Im Ernstfall können nicht sehr viele Menschen gleichzeitig auf der Stadtverwaltung anrufen und sich beraten lassen. Das ist suboptimal. Warum wurden die vorgesehenen Massnahmen im Fall einer Katastrophe überhaupt angepasst? Waren die alten Pläne schlecht?
Nein, aber extreme Ereignisse wie in Japan wurden eine Zeit lang als wenig wahrscheinlich angesehen. Trotzdem sind wir natürlich der Meinung, dass wir darauf vorbereitet sein sollen.
Finden Sie es nicht zynisch, dass wir jetzt über die Schweiz sprechen anstatt über Japan?
Nein, die Schweizer Bevölkerung hat ein legitimes Interesse daran, zu wissen, was wäre, wenn bei uns etwas Ähnliches passieren würde. Immerhin haben wir ebenfalls Kernkraftwerke. Gar nicht so weit weg von den europäischen Grenzen gibt es auch solche, deren Zustand ich für weniger gut halte.
Machen Ihnen die Ereignisse in Japan aus einem professionellen Blickwinkel Angst?
In erster Linie machen sie mich betroffen. Die Kumulation der Ereignisse, die eine Kette des Unberechenbaren bildet, ist entsetzlich. Aus professioneller Sicht muss ich mich vor allem fragen, wie sich die Schäden minimieren lassen, wenn so etwas passiert. Noch lassen sich aber in dieser Hinsicht keine Lehren aus dem japanischen Krisenmanagement ziehen, eine Beurteilung aus der Ferne wäre unfair. Einen Eindruck habe ich trotzdem: Die Japaner führen professionell durch die Krise. Auf den Leuten, die jetzt die Verantwortung haben, lastet ein enormer Druck. Sie müssen genau im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen fällen. (Der Bund)
Erstellt: 17.03.2011, 06:57 Uhr
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2 Kommentare
Fazit, dass zwischen den Zeilen deutlich hervorkommt: Wenn *jetzt* etwas passieren würde, wäre das VBS total hilflos und überfordert. Die Bevölkerung weiss nicht wo die Schutzräume sind, das VBS hat keine Pläne für eine rasche Evakuierung (Wie? Wohin? Wie lang? Versorgung?) von einer halben Million Menschen. Hoffen wir halt das nichts passiert - oder erst wenn das VBS "geplant" hat Antworten
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