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Bern

Wie eine Jungpolitikerin die Frauen zur Urne bringen will

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 07.02.2011 1 Kommentar

Auch vierzig Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts gehen junge Frauen weniger oft abstimmen als junge Männer. Die grüne Jungpolitikerin Aline Trede will dies ändern.

«Frauen sollten dreister auftreten», findet die Grüne Aline Trede. (Adrian Moser)

«Frauen sollten dreister auftreten», findet die Grüne Aline Trede. (Adrian Moser)

40 Jahre Frauenstimmrecht

Auch im Kanton Bern war der Weg lang

1956 verwehrten die Berner Männer den Frauen noch die politische Mitsprache auf Gemeindeebene. Auch dank Frauen wie Marie Boehlen änderte sich dies 1971.

Hätten sie gekonnt, hätten Frauen Hitler gewählt, lautete das vielleicht seltsamste Argument gegen das Schweizer Frauenstimmrecht. Familie und Weiblichkeit seien gefährdet, ausserdem interessierten sich Frauen gar nicht für das schmutzige Politik-Geschäft, war vor dem 7. Februar 1971 ausserdem von Gegnern der Gleichberechtigung zu hören. Vor genau 40 Jahren aber sagten 65,7 Prozent der Schweizer Männer Ja zum Stimm- und Wahlrecht für ihre Mitbürgerinnen – notabene ein Jahr nach dessen Einführung im Jemen. Dem Ja war ein fast 100-jähriger Kampf der Schweizer Frauen für politische Rechte vorausgegangen.

Bernerinnen können seit Dezember 1971 auf Kantons- und Gemeindeebene wählen und abstimmen. Auch sie hatten es nicht leicht auf dem Weg zur politischen Gleichstellung. 1956 scheiterte die Einführung des freiwilligen Frauenstimmrechts auf Gemeindeebene. Die Berner gestatteten den Kommunen erst 1968 an der Urne, ihre Einwohnerinnen auf Wunsch mitbestimmen zu lassen. Bei den Wahlen 1974 schafften es zehn Frauen in den Grossen Rat.

Dessen Frauenanteil war übrigens nie höher als 2006: Damals waren 31,9 Prozent der Parlamentarier weiblich. 1986 wurde mit Leni Robert (GFL) erstmals eine Frau Berner Regierungsrätin. Auf nationaler Ebene schaffte es 1979 Geneviève Aubry (FDP) als erste Bernerin in den Nationalrat. 1991 sass zum ersten Mal eine Frau aus dem Kanton Bern im Ständerat: die Freisinnige Christine ­Beerli. Und zur ersten Berner Bundesrätin wurde 2010 Simonetta Sommaruga (SP) gewählt.

Hart erkämpfte Frauenkarriere

Eine wichtige Vorkämpferin für die Rechte der Berner Frauen war Marie ­Boehlen (1911–1999), deren Biografie die Erziehungswissenschaftlerin Liselotte Lüscher 2009 veröffentlichte. Boehlen kam auf einem Bauernhof in Riggisberg zur Welt und studierte gegen den Willen ihrer Familie Jura und später Politikwissenschaft in den USA. Mit 37 Jahren und profunden Sprachkenntnissen bewarb sie sich beim diplomatischen Dienst. Das Auswärtige Departement antwortete jedoch, man stelle Frauen nur als «Stenodactylos» an, sie könne gerne die entsprechende Prüfung machen. Diese Episode ist exemplarisch für Boehlens Kampf.

Fünfzigmal hatte sie sich bewerben müssen, bis sie 1956 erste kantonale Jugendanwältin wurde. Immer wieder sammelte sie Unterschriften für das Frauenstimmrecht. Nach seiner Einführung war sie als Berner SP-Stadträtin eine der ersten zehn Frauen im Parlament. Drei Jahre später wurde sie Grossrätin. Doch dann kam die «gläserne Decke», zur Nationalrätin reichte es nie. Ein Grund dafür sei die mangelnde Unterstützung der Männer gewesen, beklagte sich Boehlen später. (sn)

Buch: Liselotte Lüscher, Eine Frau macht Politik. Marie Boehlen 1911–1999. Limmatverlag, 240 Seiten.

Seit genau 40 Jahren können Schweizerinnen abstimmen und wählen. Haben Sie sich am Engagement älterer Frauen in der Familie orientiert und machen deshalb Karriere in der Politik?

Es gibt in meiner Familie tatsächlich eine Tradition engagierter Frauen. Meine Grossmutter bekam das Stimmrecht erst mit über 50 Jahren. Sie hat nicht an vorderster Front dafür gekämpft, sich aber immer klar dafür ausgesprochen. Seit 1971 hat sie keine Abstimmung verpasst. Meine Mutter war dann voll dabei in der Frauenbewegung, hat sich zum Beispiel für gleiche Löhne eingesetzt. Als ich zehn Jahre alt war, holte sie mich gegen den Willen der Lehrer aus der Schule, weil ich gegen die Nichtwahl von Christiane Brunner in den Bundesrat demonstrieren wollte – diese Ungerechtigkeit damals hat mich «politisiert».

Das fanden die Mitschüler in den 1990ern bestimmt blöd. Wer wollte sich denn damals noch für die Sache der Frau einsetzen, Gleichberechtigung war ja schon Tatsache.

Viele haben tatsächlich nicht begriffen, dass es wichtig wäre, für eine Frau, der Unrecht widerfährt, auf die Strasse zu gehen. Als Kind fand ich es einfach ungerecht, dass Christiane Brunner ein Mann vorgezogen wurde.

Zuletzt wurde im Bundesrat aber ein Mann zugunsten einer Frau abgewählt. Eigentlich könnten Sie sich doch heute zurücklehnen, nachdem Ihre Mutter und andere so viel für die Frauen erreicht haben.

Das ist genau das Problem: Man hat einen Gleichstellungsartikel, Frauen stehen alle Möglichkeiten offen. Aber was die Löhne angeht, sind die Ungleichheiten immer noch krass. Und noch ein Beispiel: Ich habe einen technischen Beruf, habe an der ETH Umweltnaturwissenschaften studiert. Die meisten meiner Mitstudenten haben gleich nach dem Studium einen Job bekommen, viele meiner Mitstudentinnen hingegen machen immer noch ein Praktikum und haben Schwierigkeiten, Stellen zu finden.

Frauen wollen doch oft Teilzeit arbeiten und sind nicht besonders scharf auf Kaderposten.

Heute entsteht in der Tat eine Gegen­bewegung: Junge Frauen möchten eher zu Hause bleiben. Dazu tragen allerdings auch die Männer bei. Ich sehe das bei Freunden: Teilzeit-Arbeit käme für viele kaum infrage. Gleichzeitig gibt es genug Paare, die versuchen, Gleichberechtigung zu leben. Mein Vater hat immer ­gekocht, meine Mutter immer gearbeitet. Dass es solche Paare schwer haben, liegt auch am System. Es gibt die entsprechenden Angebote, wie Teilzeitarbeit für Männer oder berufsbegleitende Ausbildungen, kaum. Zudem lohnt es sich für viele Paare mit Kindern finanziell nicht, wenn beide Partner arbeiten.

Würden Frauenquoten helfen?

Da war ich lange sehr skeptisch, habe dann aber das Beispiel Norwegen unter die Lupe genommen und mich von der positiven Wirkung von Quoten überzeugen lassen. Alleine reichen sie nicht, aber wenn einmal ein paar Frauen Kader­posten haben, folgen automatisch weitere, auch junge. Oft wird zwar gesagt, dass Quoten Talente verhindern, aber gerade in Verwaltungsräten steht wohl selten ein hochbegabter Mann einer weniger geeigneten Frau gegenüber. Viele sagen sogar, die Stimmung in Verwaltungsräten sei besser, wenn Frauen dabei sind.

Quoten spielen aber Männer und Frauen gegeneinander aus. Ist nicht dieser ewige Geschlechterkampf der Grund, warum viele – auch Frauen – genug vom Feminismus haben?

Meiner Meinung nach braucht es eine Durchmischung der Geschlechter. Feminismus ist aber vor allem wegen Äusserlichkeiten verpönt: Als Feministinnen gelten Frauen mit hennaroten Haaren, die sich unter den Achseln nicht rasieren. Heute bezieht Feminismus inhaltlich auch die Männer ein. Nur haben das viele noch nicht gemerkt.

Sind daran nicht die Frauen schuld?

Das wäre eine einseitige Sichtweise. Im Moment sind beide Geschlechter auf der Suche nach ihrer Rolle – das macht unsere Zeit so spannend. Traurig ist nur, dass sich junge Frauen politisch immer weniger beteiligen, während sich junge Männer aufgerafft haben. Ich sehe das auch bei unseren Neumitgliedern im Kanton Bern: Die meisten von ihnen sind Männer.

Vielleicht haben Frauen ja einfach begriffen, dass ihre Stimme in einer immer vernetzteren und komplizierteren Welt kaum eine Rolle spielt.

Das stimmt natürlich nicht, Frauen haben mit ihren Stimmen zum Beispiel bei Vorlagen für mehr Umweltschutz schon oft den Ausschlag gegeben. Ich weiss nicht genau, woran es liegt, dass junge Frauen weniger an die Urne gehen. Vielleicht hinterfragen sie Dinge stärker oder stimmen erst ab, wenn sie sich einer Sache sicher sind. Die jungen Männer hingegen, die wieder politisch aktiver sind, scheinen sich vom einfachen Weltbild der SVP mitreissen zu lassen und wählen vermehrt rechts.

Wie wollen Sie junge Frauen denn wieder an die Urne holen?

Die Grünen haben ein Mentoring-Programm: Junge Leute können sich melden, und Politikerinnen nehmen sie mit. Heute Montag starten wir auch eine Befragung. Per E-Mail wollen wir möglichst viele Frauen fragen, was sie an der Politik interessiert oder interessieren könnte, was sie abschreckt oder anzieht. Wir wollen unbedingt den Trend zum Nichtwählen brechen.

Auch Sie benutzen Kampfbegriffe wie «machoide Medien». Sollen Frauen alles gleich machen wie Männer?

Um uns unseren Platz zu erobern, um sichtbar zu werden, müssen wir uns in der Politik kurzfristig anpassen. Wenn das einmal erreicht ist, können wir uns wieder stärker auf die Sache konzentrieren. Frauen sollten heute dreister auftreten. Ein Mann stellt sich ohne Skrupel vor eine Delegiertenversammlung hin und sagt: «Wählt mich, ich bin der Beste.» Ich merke bei mir selbst: Für so etwas braucht man sehr viel Kraft. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte das auch. Ich habe in den letzten Jahren mitgeholfen, eine Partei aufzubauen. Das war unheimlich anstrengend, aber Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit hat es mir kaum gebracht. Aufbauarbeit ist halt weniger sichtbar, als wenn jemand beispielsweise gegen die eigene Partei schiesst.

Ärgern Sie sich manchmal, weil Sie im Alltag nicht gleichbehandelt werden wie die Männer?

Es ärgert mich, dass ich manchmal aufs Äussere reduziert werde. Nach einem Fernsehauftritt bekomme ich mehr Rückmeldungen zu meinem Aussehen als zu dem, was ich gesagt habe. Wenn ich an der «Arena» des Schweizer Fernsehens teilnehme, fragen mich die dort anwesenden Männer schon einmal, ob ich Assistentin oder vom Make-up bin.

Sind solche Klischees gefährlich?

Gefährlich ist vor allem, dass es keine Diskussion mehr gibt. Wir müssen nicht mehr unsere BH verbrennen. Vielmehr sollten wir Jungparteien direkt junge Frauen ansprechen, bevor sie sich endgültig aus der Politik verabschieden – in Schulen, Berufsschulen, beim Coiffeur und vielleicht sogar in Diskotheken. (Der Bund)

Erstellt: 07.02.2011, 07:18 Uhr

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1 Kommentar

Alma Redzic

10.02.2011, 20:47 Uhr
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Liebe Aline: SUUUUUUPEEEEERRRR!!! LG Antworten



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