«Widerstand gegen Wasserkraft ist riesig»
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 29.06.2011 18 Kommentare
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Hagneck: «Wiege der BKW»
Am Mittwoch findet in Hagneck der Spatenstich zur 150 Millionen Franken teuren Erneuerung des Wasserkraftwerks statt. Das Werk an der Mündung des Hagneckkanals in den Bielersee wurde vor 110 Jahren im Rahmen der ersten Juragewässerkorrektion gebaut und gilt als «Wiege der BKW». Heute gehört es der Bielersee Kraftwerke AG, an der die BKW und der Energie Service Biel je zur Hälfte beteiligt sind. Das alte Stauwehr wird abgebrochen und durch ein neues ersetzt. Auch das Maschinenhaus wird neu gebaut, das alte sowie eine der Turbinen bleiben jedoch als Zeugen der Industriegeschichte erhalten. Durch die Erneuerung wird die Stromproduktion von 80 auf über 110 Gigawattstunden erhöht. Damit können neu rund 28'000 Haushalte versorgt werden.
Andreas Stettler leitet seit drei Jahren den Bereich hydraulische Kraftwerke der BKW Energie AG. Der 47-jährige Ingenieur ist Vater von zwei Kindern und wohnt in Burgdorf.
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Die heute beginnende Erneuerung des Aare-Kraftwerks in Hagneck bringt eine Steigerung der Stromproduktion um ein Drittel. Sind Sie damit zufrieden?
Ja, das ist ein schönes Resultat. Wir erneuern unser ältestes Kraftwerk und produzieren deutlich mehr Strom.
Wäre nicht noch mehr möglich?
Nein, dieser Standort ist ausgereizt. An der Höhendifferenz und der Wassermenge können wir nichts ändern.
Sie mussten Konzessionen an den Denkmalschutz machen. Wäre ohne diese Auflagen eine höhere Stromproduktion denkbar gewesen?
Nein, es brauchte aber sehr viel, um der Denkmalpflege zu beweisen, dass wir das geschützte Wehr ersetzen müssen. Im schlimmsten Fall wäre bei Hochwasser das alte Wehr weggeschwemmt worden. Insgesamt haben wir 15 Jahre geplant und gekämpft.
Trotzdem sind Optimierungen von bestehenden Kraftwerken einfacher zu realisieren als neue Kraftwerke. Ist das der künftige Königsweg?
Das Kraftwerk Hagneck aus dem Jahr 1898 hätte man rückblickend gesehen damals grösser bauen können. Jüngere Werke, wie das Wasserkraftwerk Mühleberg, wurden deutlich grösser dimensioniert. Eine Steigerung der Stromproduktion wird hier kaum möglich sein. Leider haben wir kein weiteres Kraftwerk, bei dem wir mit einer Erneuerung viel mehr Energie rausholen können.
Was heisst das konkret für die Kraftwerke entlang der Aare?
Der Wirkungsgrad alter Anlagen ist bereits sehr hoch und kann nur noch um ein bis zwei Prozent gesteigert werden. Als Folge der neuen Gewässerschutzbestimmungen rechnen wir schweizweit eher mit einem Rückgang der produzierten Strommenge um bis zu fünf Prozent. Auch der Klimawandel drückt auf die Produktion. Mehr Strom könnten wir natürlich produzieren, wenn wir an noch nicht genutzten Flussabschnitten neue Kraftwerke bauen könnten.
Wo wäre dies an der Aare möglich?
Es gibt Erweiterungsprojekte wie KWO plus, das aus der Erhöhung der Grimsel-Staumauer, der Leistungssteigerung bestehender Kraftwerke und dem neuen Pumpspeicherkraftwerk Grimsel 3 besteht. Die Staumauererhöhung wird allerdings durch Einsprachen der Umweltverbände blockiert. Weiter gibt es ein Ausbauprojekt beim Kraftwerk Wynau. Ob allerdings der geplante Stollen gebaut werden kann, wird erst das politische Bewilligungsverfahren zeigen. Für ganz neue Standorte sehe ich entlang der Aare auf unserem Kantonsgebiet kein weiteres Potenzial mehr.
Der ganze Abschnitt zwischen Thun und Bern wird nicht genutzt. Müssten angesichts des angestrebten Atomausstiegs hier nicht Denkverbote überwunden werden?
Aus heutiger Sicht ist es dort nicht mehr möglich, den Fluss zu stauen und ein neues Kraftwerk zu bauen.
Warum nicht?
Ein grosser Teil dieses Abschnitts steht unter Schutz. Ausserdem ist das Gebiet dicht besiedelt, speist bei Kiesen die Trinkwasserfassung der Stadt Bern und wird von sehr vielen Menschen als Naherholungsraum genutzt.
Trotzdem: Will die Schweiz aus der Atomkraft aussteigen und 40 Prozent ihres Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien ersetzen, dürften doch die Interessen der Gummibootfahrer einer stärkeren Nutzung nicht im Wege stehen?
Bisher haben wir kein Umdenken festgestellt. Hochwasserschutzmassnahmen werden zwar recht gut akzeptiert, der Widerstand gegen die Stromproduktion ist aber nach wie vor riesig. Entscheidend ist die direkte Betroffenheit. Von Hochwasser sind viele Leute betroffen, Stromausfälle gibt es in der Schweiz hingegen praktisch nicht.
Es gibt aber doch ein Projekt für ein neues Kraftwerk in Uttigen?
Ja, es hat tatsächlich solche Ideen gegeben. Diese sind aber schon lange vom Tisch. Selbst in der heutigen Situation glaube ich nicht, dass solche Projekte eine Chance hätten.
Mitte Juni hat der Grosse Rat die Regierung trotzdem beauftragt, die Nutzung der Aare zwischen Thun und Bern zu prüfen. Ist das sinnlos?
Ich sehe jedenfalls keine Chancen für eine Nutzung.
Mitten in der Stadt Bern fliesst ebenfalls viel Wasser ungenutzt die Schwelle hinunter.
Ja, aber eine Trockenlegung der Schwelle ist ebenfalls undenkbar. Es ist sicher auch sinnvoller, die Wasserkraft dort auszubauen, wo das Gefälle grösser ist als zwischen Thun und Bern. Im Berner Oberland gibt es noch 10 bis 15 geeignete Standorte. Wir haben aber schon bei kleineren Projekten grösste Mühe, eine Bewilligung zu erhalten. Ein Beispiel ist der Laubeggfall an der Simme bei Boltigen. Dort haben wir zwar die Konzession des Kantons erhalten, vier Verbände haben jedoch Beschwerden gegen das Projekt eingereicht. Zwar wollen alle die Wasserkraft ausbauen, aber wenn es konkret wird, gibt es überall Widerstand.
Welchen Beitrag können private Kleinwasserkraftwerke leisten?
Weniger als ein Prozent des gesamten Stromverbrauchs.
Wasserbau-Professor Robert Boes von der ETH sagte kürzlich im «Bund», 90 bis 95 Prozent des Potenzials der Wasserkraft in der Schweiz werde bereits genutzt. Gilt das auch für den Kanton Bern?
Das gilt sicher auch für uns. Die Wasserstrategie sieht einen Ausbau der Wasserkraft um 300 Gigawattstunden vor. Das ist realistisch, wenn wir alle Projekte realisieren können, die noch Potenzial haben. Mit den neuen Werken in Kandersteg und Schattenhalb 3 bei Meiringen liegen wir aber erst bei 26 Gigawattstunden. Mit Wasserkraft können wir niemals die 3000 Gigawattstunden ersetzen, die fehlen, wenn das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz geht.
Der Grosse Rat will das Ziel auf 500 Gigawattstunden erhöhen.
Das ist ein sehr ambitiöses Ziel. Wenn wir es erreichen wollen, müssen wir das Potenzial weiterer Seitenbäche noch genauer anschauen. Ob das aber wirtschaftlich realisierbar ist, kann ich heute noch nicht sagen. (Der Bund)
Erstellt: 29.06.2011, 07:21 Uhr
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18 Kommentare
Immer schön jammern und den Anderen die Schuld geben.
Bei KWO Plus gibt es drei Ausbauprojekte, zwei sind bewilligt, das dritte (Staumauererhöhung) widerspricht dem Volkswillen (Rothenthurm-Initiative) und muss daher sehr genau geprüft werden.
Und neu gibt es Wasserwirbelkraftwerke, die den Flusslauf praktisch nicht ändern und sogar in Naturschutzgebieten Einsatz finden könnten.
Packen wirs an!
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