Wenn die letzte Ruhe Unruhe schafft
Von Marc Lettau. Aktualisiert am 11.11.2010 4 Kommentare
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Bremgartenfriedhof
Nach Genf ist Bern die erste Schweizer Stadt, die ein Grabfeld für Muslime geschaffen hat. Die Erfahrungen mit dem im Jahr 2000 eröffneten Grabfeld im Bremgartenfriedhof seien nicht bloss unproblematisch, sondern positiv, sagt Stadtgärtner Christoph Schärer. Er betont indes, der Dialog im Vorfeld habe fast noch mehr zum gegenseitigen Verständnis beigetragen als die Schaffung des Grabfeldes an sich: «Der Entstehungsprozess erwies sich auf dem Weg hin zu einer tragfähigen Lösung als besonders wichtig.» Bislang wurden 91 Verstorbene muslimischen Glaubens bestatten – auffällig viele Jüngere und Kinder. Ältere werden immer noch mehrheitlich in ihre ursprüngliche Heimat überführt. Nebst dem im Friedhof gut eingebetteten und somit die Integration betonenden Grabfeld stellt Bern den Muslimen auch einen Raum für die rituelle Waschung der Verstorbenen zur Verfügung.
Muslimische Bestattungen
Was muss ein Grabfeld erfüllen, damit es den Ansprüchen gläubiger Muslime genügt? Als unabdingbar gilt die Ausrichtung der Gräber: Es muss möglich sein, dass das Gesicht des Toten nach Mekka weist. Die meisten Muslime fordern zudem ein gemeinsames Grabfeld, das frei von christlichen Symbolen ist. Entscheidend ist für Muslime schliesslich das Prinzip der reinen, jungfräulichen Erde. Tote sollen nicht in «unwürdiger» Erde bestattet werden, also auch nicht in Erde, in der sich Gebeine früherer (christlicher) Verstorbener befinden. Muslime kennen gleich wie Juden die ewige Grabesruhe. Sie wird ihnen aber auf keinem der schweizerischen Grabfelder zugestanden. Formal bestehen kaum Vorgaben über die Ausgestaltung muslimischer Gräber. Jüngere muslimische Familien übernehmen gar punkto Bepflanzung und Zierrat Elemente der hiesigen Grabschmuckkultur.
Winterthur
Angesichts der zahlreichen Gemeinden, die die Schaffung muslimischer Grabfelder in den letzten Monaten ablehnten oder aufschoben, überrascht der Entscheid des Winterthurer Parlaments. Es hat sich am Montag mit 47 zu 0 Stimmen für die Schaffung von muslimischen Grabfeldern ausgesprochen. Winterthur wird 1,5 Millionen Franken in entsprechende Anpassungen am Friedhof Rosenberg investieren. Die Grabstätten werden so angelegt, dass die Verstorbenen auf der rechten Seite liegend mit dem Gesicht Richtung Mekka bestattet werden können. Bis im nächsten Jahr soll Platz für rund 400 Reihengräber und etwa 50 Kinder- und 30 Familiengräber geschaffen werden. Winterthur gesteht den Muslimen keine ewige Grabesruhe zu, sondern beschränkt die Ruhefrist auf 25 Jahre. Nicht zugelassen bleiben auch Bestattungen ohne Sarg.
Nein, der Tod macht eben doch nicht alle gleich. Christen werden anders bestattet als Juden. Nochmals andere Regeln und Rituale gelten, wenn Muslime das Diesseits verlassen. In einem Land, das die Religionsfreiheit in der Verfassung garantiert, ist dies – theoretisch – kein Problem: Religionsfreiheit heisst halt auch, dass Menschen ihren Glauben – selbst bei Beerdigungen – praktizieren dürfen. Die der eigenen Religion entsprechende Bestattung gilt als ein Grundrecht.
Ins Stocken geraten
In der Praxis harzt es mit der Umsetzung dieses Grundrechts. Zwar sind über die Jahre in der Schweiz neun muslimische Grabfelder geschaffen worden, auch in Bern und Thun. Weitere Felder werden aber kaum noch bewilligt. Mal sagt das Volk – so wie im Mai in Gurzelen – dezidiert Nein. Mal legt die Behörde – so wie in Dietikon und Schlieren – die Sache gleich selber auf Eis. Ablehnend äussert sich die Behörde auch im jüngsten Fall: Der Könizer Gemeinderat will, dass das Gemeindeparlament den für Montag traktandierten Vorstoss für die Schaffung muslimischer Grabfelder ablehnt. Die Nachfrage nach solchen Gräbern sei schlicht zu gering.
Privatsache Religion?
Parlamentarier Ignaz Caminada (CVP), der die Forderung eingebracht hat, kann mit dem behördlichen Standpunkt nichts anfangen. Letztlich habe er auch «nicht durchschaut, warum der Gemeinderat so zurückhaltend ist». Am Geld könne es nicht liegen, denn muslimische Gräber verursachten nicht mehr Kosten als christliche. Möglicherweise liege es daran, dass die «Privatsache Religion» in der öffentlichen und politischen Diskussion derzeit keinen Platz habe, mutmasst Caminada. Er sei beispielsweise von kirchenfernen Leuten mit dem Vorwurf konfrontiert worden, er könne sich doch als überzeugter Katholik nicht für Muslime einsetzen: «Das hat mich sprachlos gemacht.» Bedeutender sei für ihn aber der politische Stillstand. Köniz habe sich Anfang Jahr «mit viel Tamtam» ein Integrationskonzept gegeben. Doch «beim ersten konkreten Anliegen verschliesst sich der Gemeinderat». Das Konzept will «keine Separation zulassen» und fordert «Achtung gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen».
Von Muslimen und Marsmenschen
Warum soll Köniz muslimische Grabfelder schaffen, wo doch – gemäss Gemeinderat – die Nachfrage so klein ist? Für Farhad Afshar, den in der Region Bern wohnhaften Präsidenten der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS), ist dies ein Scheinargument: Wer von vornherein wisse, dass keine Möglichkeit für muslimische Bestattungen bestehe, behellige die Behörde auch nicht mit Fragen: «Wir erkundigen uns ja auch nicht, ob es irgendwo Marsmenschen gibt, die wir besuchen könnten.» Zur Aussichtslosigkeit der Frage geselle sich der Umstand, dass Familien in Trauer nicht noch zusätzlich die Auseinandersetzung mit der Wohngemeinde suchten.
Demografischer Wandel
Nach wie vor lassen sich viele Muslime in ihrem Herkunftsland bestatten. Doch Afshar verweist auf den demografischen Wandel. Er verändere die Ausgangslage grundlegend. Einerseits würden die muslimischen Zuwanderer stets älter und die Bestattungsfrage deshalb immer dringender. Anderseits müsse man auch der muslimischen Gemeinschaft gerecht werden, die hier geboren und aufgewachsen sei. Schliesslich dürfe man auch die Gruppe der zum Islam konvertierten Schweizerinnen und Schweizer nicht völlig ausblenden. Für Muslime, die hier verwurzelt oder hier geboren seien, sei Repatriierung keine Lösung, sondern eine unsoziale Zumutung: «Wenn Menschen, die hier verwurzelt sind, ihre verstorbenen Angehörigen Tausende Kilometer entfernt bestatten müssen, wird dies für die Trauernden zum doppelten Schock.»
Ideale und pragmatische Ansätze
Als «Ideallösung» schlagen islamische Organisationen muslimische Privatfriedhöfe vor. So lasse sich ohne jegliche Kosten für die öffentliche Hand das Grundrecht nach «ehrbarer Bestattung» für Muslime am leichtesten umsetzen. Doch Afshar macht sich keine Illusionen: «Umzonungen für muslimische Friedhöfe sind im heutigen politischen Klima chancenlos.» Der pragmatische Ansatz seien somit muslimische Grabfelder, wie sie in Bern und Thun existierten: «Mit den Kompromissen, die bei diesen Grabfeldern unausweichlich sind, können Muslime gut umgehen.»
Regionale Lösung in Wabern?
In der Schweiz leben insgesamt 400 000 Muslime, viele von ihnen in städtischen Agglomerationen. Vor diesem Hintergrund wäre die Erwartung vermessen, alle Gemeinden müssten muslimische Grabfelder schaffen. Das sieht auch Afshar. Der Ausweg liege in Gemeindeverbänden und regionalen Lösungen. Genauso sieht es auch Caminada. Im Waberer Friedhof Nesslerenholz lasse sich nicht nur problemlos ein muslimisches Grabfeld schaffen. Es sei auch ohne weiteres möglich, dieses für Muslime im Einzugsgebiet Köniz, Schwarzenburgerland und Gürbetal zu öffnen. Verbandslösungen drängen sich auch auf, weil sich Bürger grundsätzlich nur in ihrer Wohngemeinde bestatten lassen können. Deshalb haben die 1700 in Köniz wohnhaften Muslime heute auch kein Anrecht auf eine letzte Ruhestätte auf dem muslimischen Grabfeld des Berner Bremgartenfriedhofs.
Ursache der Verhärtung
Sind die Vorbehalte gegenüber muslimischen Grabfeldern tatsächlich grösser als noch vor wenigen Jahren? Die für Fragen der Religionsfreiheit sensibilisierte jüdische Zeitschrift «Tachles» schreibt es so: Die Diskussion über muslimische Grabfelder und somit über die «Religionsfreiheit nach dem Tod» sei neu entfacht: «Der Staat muss sich dem Thema stellen und auch seinen Verpflichtungen nachkommen.» Dass mit dem Ja zur Minarettverbots-Initiative die Lage der Muslime in der Schweiz schwieriger geworden sei, sagt auch Hisham Maizar, Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS). Berechtigte Anliegen wie die Schaffung muslimischer Grabfelder würden hinausgeschoben, weil «die Stimmung ungünstig» sei, gab Maizar kürzlich zu Protokoll. Farhad Afshar sagt es noch direkter: «An der Gräberfrage kann man die Verhärtung sehr deutlich ablesen.» Das Problem sei übrigens «gravierender, als die meisten meinen». Werde das Recht beschnitten, seine Religion – auch bei Beerdigungen – zu praktizieren, dann werde die Religionsfreiheit als Ganzes ausgehöhlt. (Der Bund)
Erstellt: 11.11.2010, 07:00 Uhr
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4 Kommentare
Muslimische Grabfelder? eigentlich kein Thema, wenn das aber nicht wäre. Warum ist der normale Erdboden für sie nicht gut genug? Warum haben sie die ewige Grabruhe, während Christliche Gräber nach einer gewissen Zeit aufgehoben werden? Warum können sie nicht einen Kompromiss eingehen, so ein zwischending zwischen unseren Gepflogenheiten und ihren? Antworten
Ja ihr guten Eidgenossen, jetzt sagt mal deutlich, ob ihr euch an eure Verfassung halten wollt, oder doch lieber nicht. Wird einem "Hetze gegen Andersgläubige" vorgeworfen, kann man dies leicht verneinen, aber wenn dann Gemeinden schriftlich die Ausgrenzung festhalten, dann wird Religionsfreiheit einklagbar. Zum Glück sind die muslimischen Mitbewohner zu verschüchtert, um auf ihr Recht zu bestehen Antworten
Bern
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