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Bern

Wenn die Nacht zum Tag wird

Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 20.06.2011 1 Kommentar

Am Dienstag ist der längste Tag im Jahr. Die 43-jährige Bernerin Adelheid Seiler wird davon nicht viel sehen. Sie ist nachtaktiv.

Ihre innere Uhr tickt ganz anders: Adelheid Seiler. (Valérie Chételat)

Ihre innere Uhr tickt ganz anders: Adelheid Seiler. (Valérie Chételat)

Kaum bekannte Einzelfälle

Obwohl die Forschung schon länger anerkennt, dass Menschen verschiedene Tages- und Nachtrhythmen haben, sind Berichte über nachtaktive Menschen spärlich. Für diese Polung wird eine genetische Ursache vermutet. Wissenschaftler haben auch einen Zusammenhang zwischen psychischen und körperlichen Krankheiten und der Nachtaktivität hergestellt. So ist das Krebsrisiko bei Nachtaktiven grösser. Betroffene leiden aber meist im sozialen Umfeld.

Adelheid Seiler hat mit Unterstützung der Selbsthilfezentren Bern einen Aufruf zur Gründung einer Gruppe von Schicksalsgenossen gestartet. Die «Nachtschwärmer» haben sich bislang aber nicht formiert, weil sich darauf noch niemand gemeldet hat. Seiler glaubt, dass es eine beträchtliche Dunkelziffer von Menschen gibt, welche ungewöhnliche Tages- und Nachtrhythmen haben. Sie wünscht sich, dass die Gesellschaft Nachtaktiven Akzeptanz und Verständnis entgegenbringt und erachtet auch politische Forderungen wie mehr Nischenarbeitsplätze für Früh- oder Nachtaktive als legitim.

Kontakt: www.selbsthilfe-kanton-bern.ch

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Adelheid Seiler hat schon lange nicht mehr ausgeschlafen. Ausschlafen heisse 14 bis 20 Stunden Schlaf am Stück, sagt sie. So viel würde sie brauchen, um sich gleich wach und erholt zu fühlen wie andere, wenn sie nach acht Stunden im Bett in den Tag starten. Wenn Seiler könnte, so würde sie nicht in den Tag, sondern in die Nacht hinein leben. Sie ist nachtaktiv und nennt sich eine «Nachtschwärmerin».

Am frühen Abend, wenn Seiler ihre Arbeit für den Tag beenden muss, wird sie richtig wach. Gegen 18 Uhr schaltet ihre innere Uhr Geist und Körper erst auf Betrieb. Jetzt könnte sie loslegen. Oder aber, sie könnte nach Hause gehen, den Kopf aufs Kissen legen und sofort einschlafen, sagt sie. Je nachdem, wann sie ihre Arbeit begonnen und wie viele Nächte sie zuvor fast ganz schlaflos verbracht hat. Vieles ist auf Anhieb schwer fassbar, was Seiler aus ihrem Alltag erzählt. Ihr Erleben ist nicht einfach nachzuvollziehen. Wer kennt schon eine andere tägliche Routine als das morgendliche Aufstehen, die Mittagspause, die Arbeit bis zum Eindunkeln? Aus dem, was sie erzählt, muss man schliessen, dass die Zeiger der Uhr nicht im Takt vorwärtsschreiten, sondern rebellieren.

«Ich krieche gegen Mittag förmlich aus dem Bett»

«Es ist für mich eine körperliche Qual, am Tag zu leben – ich kann es nicht anders sagen», sagt Seiler. «Ich krieche gegen Mittag förmlich aus dem Bett, knalle gegen Türen, remple draussen Leute an oder steige in den falschen Bus. Bei der Arbeit kämpfe ich, um nicht mit dem Kopf auf die Tischplatte zu fallen.» Am Ende habe sie noch jede Stelle gekündigt, weil es «schlicht zu hart» geworden sei. Versucht hat sie es aber. Die gelernte Hauswirtschafterin hat auch schon hundert Prozent von sieben Uhr früh bis zum Abend gearbeitet. «Es geht, aber es ist extrem hart.» Denn auch wenn Seiler einen strengen Tag hinter sich hat, windet sie sich stundenlang im Bett und schläft manchmal erst im Morgengrauen ein.

Besuche auf dem Arbeitsvermittlungszentrum und dem Sozialdienst gehören darum zu Seilers beruflichem Werdegang. Ihre derzeitige Anstellung hat Seiler mithilfe des Sozialdienstes gefunden. Die Stelle ist auf Nachmittagsarbeit beschränkt. Und dennoch gibt es Konflikte am Arbeitsplatz, wenn sie verspätet erscheint oder müde wirkt. «Du bist nur zu faul, um aufzustehen», hört sie dann etwa, oder: «Du solltest einmal richtig arbeiten gehen.» «Dass das Verständnis und die Akzeptanz der Mitmenschen fehlen, ist das Härteste», sagt sie. Guter Wille sei zwar oft da, doch niemand verstehe sie wirklich.

Sozialleben bleibt fast ganz auf der Strecke

Schon als Säugling habe sie nächtelang kein Auge zugetan, sagt Seiler. Dass sie seit ihrer Kindheit auch psychische Probleme hat, macht ihren Alltag heute noch schwieriger. Sie beschreibt sich als Einzelgängerin. Für regelmässige Ausflüge mit Kolleginnen fehle ihr schlicht das Interesse. Der Kontakt mit Menschen sei ihr nicht so wichtig wie der Schlaf, sagt sie. «Der Wille ist tatsächlich eine Schwäche von mir», räumt sie ein.

Wegen ihrer Schlafkrankheit bleibt das Sozialleben fast ganz auf der Strecke. Wenn sie sich einmal mit jemandem treffen will, geht das nicht in der Nacht. Nach Jahren hat sich Seiler mit ihrem Lebensrhythmus arrangiert, so wie man mit einer Behinderung leben lernt. In der Nacht erledigt sie wenn möglich Haushaltsarbeiten, liest, schaut fern oder recherchiert für ihre Hobbys Kunst, Literatur, Geschichte und Archäologie. «Ich kenne nichts anderes», sagt sie. Das Problem sei nicht sie, sondern die starre Struktur des herkömmlichen Alltags: Einkaufen gehen, ein Besuch bei Behörden oder Telefonate werden mit ihrem Rhythmus zum Hindernis. Seiler bringt es so auf den Punkt: «Was für meinen Körper stimmt, ist für 99,9 Prozent der Bevölkerung verkehrt.»

Ein für sie passendes Angebot für Nachtarbeit hat sie nicht gefunden. Schliesslich wolle sie sich auch nicht völlig dem Tag entziehen. Bis in einigen Jahren will sich Seiler einen früheren Rhythmus erarbeitet haben. So, dass sie um 11 Uhr aufstehen könnte. «Es ist eine Notwendigkeit», sagt Seiler. «Die Alternative ist Sozialhilfe bis ins Pensionsalter, das kann ich nicht akzeptieren.» (Der Bund)

Erstellt: 20.06.2011, 09:02 Uhr

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1 Kommentar

chris meyer

20.06.2011, 09:49 Uhr
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Also Jobs durch die Nacht gibts doch auch. Aus dem Artikel ist nicht wirklich klar ersichtlich, ob es sich um "Faulheit" oder um eine Krankheit handelt. Medizinisch wärs noch interessant, die gute Frau mal zu untersuchen und mal in ein fMRI zu stecken. Da würde man sicher etwas mehr Verständnis über unser Schlafverhalten herausfinden. Antworten



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