Bern
Wenn der Vorhang fällt
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 28.04.2012 1 Kommentar
Uetendorf im Luca-Fieber
Uetendorf ist vor dem heutigen Final von «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS) im Luca-Hänni-Fieber. Kein Wunder, verlegt die Gemeinde das Public Viewing von der Turnhalle in die grössere, 1000-plätzige Mehrzweckhalle Bach. Dort wird Dorfmetzger Wölfli auch seinen Luca-Burger anbieten – inklusive «L» aus Speck. Daneben gibts T-Shirts und Poster. Diese Fanartikel liefen schon im Vorfeld so gut, dass man nachbestellen musste, wie aus der Gemeindeverwaltung verlautete. In Uetendorf ist man optimistisch, dass Hänni in der Ausmarchung das bessere Ende für sich behält. Auch wenn RTL am Donnerstag irrtümlich Hännis Widersacher Daniele Negroni als Gewinner verkündete. (sda)
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Edita Abdieski kann sich noch genau erinnern, wie es damals beim Finale war: Sie gewann, weinte Freudentränen. Und dann, als die Scheinwerfer ausgingen, «hat sich das Fernsehen nicht mehr für mich interessiert». Hinter der Bühne warteten drei Leute der Plattenfirma Sony, um sie für den bevorstehenden Interview-Marathon abzuholen. «Du gehörst jetzt uns», sagten sie im Scherz. Und wie so oft steckte ein Körnchen Wahrheit in der witzig gemeinten Bemerkung. Sie müsse noch ihren Schrank ausräumen, kam Edita in den Sinn. Aber das hatten die drei bereits erledigt.
Das war im November 2010. Drei Monate später gab Edita ihr Debütalbum «One» heraus. Relativ spät für den Gewinner einer Casting-Show. Schliesslich versuchen Plattenfirmen die Gunst der Stunde zu nutzen und einen Namen zu vermarkten, bevor die nächste Casting-Show wieder neue Nachwuchssternchen herausspuckt.
Null Interesse an Editas Songs . . .
Noch vor dem Finale meinte Edita im «Bund», sie habe genügend eigenes Material, um nach der Sendung eine Platte rauszubringen. In der Presse attestierten auch kritische Musikjournalisten, Edita habe das Zeug dazu, ihren eigenen Wege zu gehen und sich nicht zu stark von der Industrie verbiegen zu lassen. Sie hatte vorher schon jahrelang in Bands gesungen und Erfahrungen gesammelt im Musikgeschäft. Und dann kams doch, wie man es befürchtete.
Als sie dem Manager der Plattenfirma ihre eigenen Songs vorspielen wollte, zeigte dieser wenig Lust. «Er hat sich kurz zwei, drei Sachen angehört – das wars schon», erinnert sich die 26-Jährige. Vielleicht sei er bereits Deals mit Musikproduzenten eingegangen, habe bereits Songs eingekauft, glaubt Edita heute.
Und manchmal bereut sie auch, sich nicht quergestellt zu haben – das wäre in dieser Situation aber enorm schwierig gewesen. «Es muss schnell gehen, dem wird alles untergeordnet», sagt sie. Zudem habe man bei einer grossen Plattenfirma keinen richtigen Ansprechpartner. Es fallen falsche Entscheide.
. . . und Editas Talent
Man habe versucht, sie als zweite Leona Lewis zu verkaufen – die britische Sängerin hat ebenfalls eine Casting-Show gewonnen. «Weil ich ein bisschen wie sie aussehe», sagt Edita. Ihre TV-Auftritte hätten Sony-Leute kaum verfolgt. Welche Talente sie auszeichnen, welche Musik ihr am Herzen liegt, das interessierte die Plattenfirma kaum. Das Resultat ist entsprechend: Was Edita zum überlegenen Sieg bei «X-Factor» geführt hat, ihre unglaubliche Stimme, kommt auf dem Debüt überhaupt nicht zur Geltung.
Das Album verkauft sich unter den Erwartungen, die Plattenfirma investiert darauf kaum noch in Werbung. Die Tour fällt bescheiden aus: fünf Konzerte in Deutschland, zwei in der Schweiz. Auf ihrer ganze Tournee sieht sie kein einziges Plakat, das ihre Konzerte ankündigt. «Ich habe dann angefangen, selber auf Facebook Werbung zu machen», sagt Edita.
Vom Star zur Musikerin
Dennoch hätte Sony ein zweites Album mit ihr produzieren wollen. Mit den Songs, die ihr vorgelegt wurden, konnte Edita sich aber nicht identifizieren. Sie versuchte sich selbst einzubringen – damit war aber die Plattenfirma überfordert. Es kam zur Trennung. Nun arbeitet Edita an einem zweiten Album. Es wird wohl im nächsten Jahr bei einem kleineren Label veröffentlicht. Für Edita ist das kein Rückschritt, eher einer nach vorne: «Es ist mir sehr wichtig, dass das Label hundertprozentig hinter mir steht.» Von ihren Kontakten und ihrem Namen profitiere sich nach wie vor.
Einer, der Editas Werdegang von Beginn weg begleitete, ist der Berner Schauspieler und Radiomann Dominik Gisin. Er fungierte als Manager von Editas früherer Band Montenegra. «Edita musste feststellen, dass Starsein und Musikersein zwei verschiedene Dinge sind.» Nun lerne sie, was es bedeute, sich in Deutschland als Musikerin zu beweisen. Sorgen macht er sich aber keine: «Weil sie einfach unglaublich gut ist, wird sie sich durchsetzen.»
Und das Musikerleben klappt tatsächlich recht gut. Die Bümplizerin, die sich während ihrer Anfänge in Bern mit Kellnern über Wasser halten musste, kann noch immer von der Musik leben. Auftritte gibt sie viele, auch wenn es nicht immer ganz glamouröse sind. Öfters spielt sie an Firmenanlässen oder Apéros.
Luca Hänni, der heute Abend die Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» gewinnen könnte, gibt Edita nur einen kleinen Tipp auf den Weg: «Lass dir nicht alles gefallen.» (Der Bund)
Erstellt: 28.04.2012, 08:21 Uhr
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