Wenn Papi Mami schlägt, leidet auch der Nachwuchs mit
Von Martin Zimmermann. Aktualisiert am 20.09.2011 2 Kommentare
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Wenn von Kindern und häuslicher Gewalt die Rede ist, denkt man in erster Linie an Schüler, die mit blauen Flecken in der Klasse erscheinen. Tatsächlich sind die Spuren von Gewalt oft subtiler, weil rein psychischer Natur – etwa, wenn das Kind mit ansieht, wie der Vater die Mutter schlägt. Das kommt öfters vor, als man denkt: Laut der kantonalen Polizeidirektion erfahren 10 bis 30 Prozent aller Kinder Gewalt in der Familie, davon aber lediglich 30 bis 60 Prozent am eigenen Leib.
Beim schulärztlichen Dienst der Stadt Bern ist man öfters mit solchen Fällen von indirekter Gewalt konfrontiert: «Vielen Eltern ist gar nicht bewusst, wie sehr es den Kindern schaden kann, wenn sie solche Szenen miterleben müssen», sagt die Fachärztin Ursula Klopfstein dem «Bund». «Das ist immer eine Form der psychischen Misshandlung.» Klopfstein leitet den Bereich Bern-Süd beim Dienst. Derzeit betreut sie ausserdem das kürzlich lancierte kantonale Pilotprojekt «Kindesschutz bei häuslicher Gewalt» aus schulärztlicher Perspektive. Das Ziel des bis 2013 laufenden Unterfangens: ein Beratungsangebot für Kinder einrichten sowie Erziehungsberechtigte – ob Lehrer, Schulsozialarbeiter oder Schulärzte – für die Problematik sensibilisieren, etwa mittels Schulungen. Bislang ist die indirekte Art der Kindesmisshandlung ein Tabu-Thema, wie Klopfstein sagt: «Für viele Eltern ist das eine Privatsache. Sie schärfen ihren Kindern oft ein, in der Schule nicht über das Erlebte zu reden.» Die Furcht sei gross, dass die Behörden sonst die Familie auseinanderreissen würden. Es gelte daher, im Verdachtsfall nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und Kinder direkt nach ihren Erlebnissen zu fragen, sondern sich dem Thema auf Umwegen zu nähern.
Nicht gleich zur Polizei rennen
Ein konkretes Beispiel, wie das gehen könnte: Eine Schulklasse erscheint zu einer obligatorischen Untersuchung beim Schularzt. Der Klassenlehrer berichtet diesem, ein Schüler verhalte sich in letzter Zeit aggressiv und klage über unerklärliche Schlafstörungen. Der Arzt fragt diesen daraufhin, ob er sich zu Hause sicher fühle, ob es dort öfters Streit gebe und mit welchen Mitteln gestritten werde. «Wichtig ist: Wenn ein Kind von Gewalt betroffen ist, darf man nicht gleich in Hyperaktivismus verfallen und bei der Polizei Anzeige erstatten», warnt Klopfstein. Das könne sich kontraproduktiv auswirken und die Betroffenen noch stärker traumatisieren. Vielmehr gelte es im Gespräch eine Vertrauensbasis zum Kind und zu den Eltern herzustellen – und allenfalls die Zusammenarbeit mit anderen Fachstellen wie der Schulsozialarbeit zu suchen.
Schlimmes «Trigger-Erlebnis»
Klopfstein zieht eine positive Zwischenbilanz des Pilotprojekts. Sie selbst, aber auch Kollegen und Lehrer fühlten sich nun sicherer, bei Verdachtsmomenten gezielt nachzufragen, statt nichts zu unternehmen. Das Fernziel müsse sein, Fragen nach häuslicher Gewalt standardmässig in schulärztliche Untersuchungen einfliessen zu lassen, findet sie. «Studien aus den USA zeigen, dass dank solcher Screenings Gewaltfälle in der Familie eher ans Licht kommen.»
Für die Schulärztin entspringt das Engagement im Pilotprojekt übrigens auch persönlichen Erfahrungen aus ihrer Zeit beim Institut für Rechtsmedizin der Uni Bern, wie sie sagt: «In einem Fall, den wir bearbeiteten, hatte ein Vater die Mutter im Beisein der Kinder geschlagen – bis sie tot war.» Diese schreckliche Tat sei für sie ein «Trigger-Erlebnis» gewesen, erinnert sich die Schulärztin, doch glücklicherweise seien längst nicht alle Fälle so schlimm. (Der Bund)
Erstellt: 20.09.2011, 08:11 Uhr
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2 Kommentare
Ich frage mich grad, ob es für die Kinder kein Trauma ist, wenn Mami Papi schlägt (auch solche Fälle sind bekannt) oder ob der Autor bzw. die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nur schlecht gegendert haben. Im Sinne der Kinder scheint mir diese Präzision wichtig, sonst festigen sich solch Stereotypen durch deren versuchte Beseitigung noch mehr. Antworten
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