Weder Soundcheck noch Tränengas

Das Magazin «Megafon» verstärkt die Stimme der Reitschule. Patrick Kuhn ist einer von fünf Redaktionsmitwirkenden, die dafür sorgen, dass sie auch Gehör findet.

Hauptberuflich ist er in einem Thuner Grafikatelier tätig, beim «Megafon» ist Patrick Kuhn als «Bildmensch» für Layout und Illustrationen zuständig.

Hauptberuflich ist er in einem Thuner Grafikatelier tätig, beim «Megafon» ist Patrick Kuhn als «Bildmensch» für Layout und Illustrationen zuständig. Bild: Adrian Moser

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Bald schon, am 26. November, wird das Reitschule-Magazin «Megafon» seinen 25. Geburtstag feiern. Es dürfte, ganz im Gegensatz zum Entstehungstag, ein vergleichsweise unspektakuläres Ereignis werden. Denn 1987 war das Jahr, in dem die Hüttendorfsiedlung Zaffaraya geräumt und die Reitschule neu besetzt wurde. Die Stimmen von Tausenden von Menschen, die für autonome Freiräume gekämpft hatten, forderten Verstärkung: Das «Megaphon» musste her. Von nun an informierte die Zeitung wöchentlich.

Heute schreibt sich das Megafon modern mit einem «f», erscheint monatlich und konzentriert sich nebst fixen Rubriken und dem kompletten Reitschule-Programm auf ein Schwerpunktthema. Es ist der Reitschule als Sprachrohr treu geblieben, inklusive geregelten Arbeitsverhältnisses: Die Reitschule zahlt für den Abdruck des Programms, das «Megafon» finanziert die Büroräumlichkeiten und den Zeitungsdruck. Damit es überhaupt etwas zu drucken gibt, ist Patrick Kuhn mitverantwortlich. Der Berner ist einer von fünf ehrenamtlich Wirkenden und seit 2006 Teil der Redaktion. Monat für Monat ist er im Einsatz, damit die 700 Abonnenten ihr «Megafon» im Briefkasten vorfinden. Wers nicht geliefert bekommt, kann es für CHF 6.- kaufen.

Altbewährt und hartnäckig in Zeitungsform

Im Hinterhof, gleich vis-à-vis dem Reitschule-Kino, ist die Türe, die zum Redaktionsbüro führt. Die Treppen hinauf bis in den dritten Stock, dann rechts. Immer schön dem Zigarettenrauch nach. Patrick Kuhn zündet sich eine an. Heute findet die Redaktionssitzung statt - zu dritt. «Wir sind ganz klar unterbesetzt», sagt Kuhn und rückt seine schwarz geränderte Brille zurecht. Den gestalterischen Vorkurs hat er gemacht, um Grafiker zu werden. «Bildmensch» sei er für das «Megafon», gestaltet Layout und Illustrationen, erledigt aber auch redaktionelle Arbeit. Hauptberuflich ist er in einem Thuner Grafikatelier tätig. Dass er dort einen Chef hat, fällt für den Berner nicht ins Gewicht, auch dank dem ungezwungenen Arbeitsklima. Ob beim kollektiv geführten «Megafon» oder im Grafikatelier in der Privatwirtschaft, so gross sei der Unterschied nun auch wieder nicht.

Altbewährt und hartnäckig erscheint das «Megafon» in Zeitungsform. Auf Facebook sei man zwar vertreten, aber das Profil leide unter schlechter Bewirtschaftung infolge Personalmangels. «Das ‹Megafon› kann schon online gehen, aber dann eher ohne mich», meint Patrick Kuhn, der sich gerne die nötige Zeit nimmt für seine Arbeiten. Man nimmt es ihm nicht ganz ab, dass er, würde der Gang ins weltweite Netz gewagt, der «Megafon»-Redaktion den Rücken kehren würde. Zu viel Enthusiasmus steckt in seinen Worten, wenn er von seinem «Megafon»-Werdegang erzählt. Ein persönliches Highlight? Das gebe es jeden Monat aufs Neue: dann, wenn das Magazin nach getaner Arbeit da auf dem Tisch liege, frisch aus der Druckmaschine und nach feuchter Farbe riechend. Dieses Szenario erinnere ihn immer wieder daran, weshalb er das mache, das Gratis-Schaffen.

«Hallo, ist da draussen jemand?»

Eben auf dieses unentgeltliche Arbeiten sei die Lust kleiner geworden, meint Kuhn. Die latente Unterbesetzung macht dem kleinen Redaktionsteam zu schaffen. Dabei sei das «Megafon» aufgrund der fehlenden Hierarchiestrukturen gerade ideal, um in den Journalismus einzusteigen, sich auszuprobieren und Ideen umzusetzen. Eine amüsante Herausforderung aber, die sei immer noch das Arbeitsumfeld. Einerseits diene es sicher als Inspirationsquelle, andererseits haftet dem Reitschule-Areal die Aura des Unberechenbaren an. Da sind die Soundchecks der Bands, die drüben im Dachstock stattfinden und zuweilen sehr laut sein können, noch am ehesten kalkulierbar. Aber einmal, es müsse im Jahr 2007 oder 2008 gewesen sein, fand vor der Reithalle eine Strassenschlacht statt. Es war schon Ende Monat, und während die Layouterinnen und Layouter die letzten Texte in das Computerprogramm hämmerten, stieg vor dem Fenster Tränengas-Rauch auf. Das Heft, es erschien pünktlich. Ganz normal halt.

Die nächste Ausgabe befindet sich im Endspurt. Sie widmet sich dem Thema Tierrecht. Es könnte ein Thema sein, das die Gemüter erregen wird. Überhaupt sind Reaktionen das, was sich die «Megafon»-Machenden schon lange wünschen. «Etwa vier Leserbriefe haben wir bekommen während meiner Zeit», meint Patrick Kuhn und lacht etwas bitter. Es stelle sich dann schon die Frage: «Hallo, ist da draussen jemand?» Reaktionen der Leserschaft, sie wären dann wohl das spektakulärste Geburtstagsgeschenk für das «Megafon». (Der Bund)

Erstellt: 18.11.2012, 15:28 Uhr

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Die Reitschule

Die Reitschule Die Berner Reitschule im Herbst 1987.

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