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Warum die Strombranche zwei und nicht nur ein neues AKW will

Von Hans Galli. Aktualisiert am 06.01.2011 5 Kommentare

Neben den Werken Beznau und Mühleberg soll auch Importstrom aus Frankreich ersetzt werden.

Viel Strom: Projektbild von Mühleberg II vor dem alten AKW. (Keystone)

Viel Strom: Projektbild von Mühleberg II vor dem alten AKW. (Keystone)

Strom wird in der Schweiz weitgehend ohne CO2-Emissionen hergestellt: Über die Hälfte stammt aus Wasserkraftwerken, und weitere 40 Prozent liefern die fünf Atomkraftwerke. Erdgas, Kehrichtverbrennungsanlagen sowie Bio-, Sonnen- und Windenergie tragen rund 5 Prozent bei.

Zusätzlich beziehen die schweizerischen Stromfirmen faktisch die Jahresproduktion von zwei Atomkraftwerken aus Frankreich. Der Grund: Als der Bau der AKW Graben und Kaiseraugst in den 80er-Jahren am politischen Widerstand scheiterte, unterzeichneten sie langfristige Bezugsverträge mit den französischen AKW-Betreibern. Bildlich gesprochen: Sie bauten Graben und Kaiseraugst im Ausland.

Dank dem inländischen und ausländischen Kraftwerkpark fühlten sich die Schweizer Stromkonzerne in den vergangenen Jahren wie im Schlaraffenland. Die Stromproduktion wurde mit zunehmendem Alter der Kraftwerke immer billiger, weil der Abschreibungsbedarf sank. Der in Frankreich billig eingekaufte Strom floss durch das Schweizer Hochspannungsnetz nach Italien und wurde dort mit Gewinn verkauft, nachdem er in Schweizer Pumpspeicherwerken veredelt worden war.

Von dieser Konstellation profitierten nicht nur die Stromfirmen, sondern auch die Konsumenten. Die Axpo betont, dass sie während Jahren die Schweizer Strompreise mit Gewinnen aus dem Stromhandel verbilligt habe.

Ende des Schlaraffenlandes

Doch nun ist das Schlaraffenland in Gefahr: Die Atomkraftwerke Beznau 1 und 2 sowie jenes in Mühleberg sind seit 40 Jahren am Netz und müssen in rund zehn Jahren abgeschaltet werden. Dadurch wird fast ein Drittel des billigen inländischen Atomstroms wegfallen. Auch die Lieferverträge mit Frankreich laufen aus: Bis 2025 wird sich die zugesicherte Menge halbieren.

Die Stromwirtschaft reagierte erstaunlich spät auf die sich abzeichnende Entwicklung. Erst im Mai 2005 schlug sie Alarm: Es drohe eine Stromversorgungslücke von 10 bis 30 Terawattstunden, sagte Axpo-Konzernchef Heinz Karrer an einer Medienkonferenz.

Der Zeitpunkt für die Medienorientierung war nicht zufällig: Im Jahr zuvor hatte das Bundesamt für Energie mit der Erarbeitung der Energieperspektiven für das Jahr 2035 begonnen. Die Axpo wollte erstens öffentlich Druck auf die Bundesbehörden ausüben, das Verfahren zu beschleunigen, und zweitens den Politikern klarmachen, dass die Stromversorgung ohne neue Atomkraftwerke nicht gesichert werden könne.

Als die Energieperspektiven des Bundes Anfang 2007 veröffentlicht wurden, doppelte Axpo-Chef Karrer im Namen der Branchenorganisation Swisselectric nach: «Im Jahr 2035 werden in der Schweiz zwischen 25 und 30 Terawattstunden des benötigten Stroms von insgesamt 77 Terawattstunden fehlen», sagte er an einer Veranstaltung des Energieforums Schweiz vor National- und Ständeräten. Die Strombranche sei bereit, 25 bis 30 Milliarden Franken zu investieren, um die drohende Stromversorgungslücke zu vermeiden. Diese Summe soll in erneuerbare Energien, neue Atomkraft- und Gaskombikraftwerke, den Ausbau des Übertragungsnetzes und neue Pumpspeicherwerke investiert werden.

Gas auf Sparflamme

Karrer verwies erneut auf die Dringlichkeit: «Mit dem Auftreten von Stromengpässen bei besonderen Bedingungen ist bereits ab 2012 zu rechnen», warnte er. Der Zeitpunkt für den nahtlosen Ersatz der alten durch neue AKW sei bereits verpasst: Die Reaktoren in Beznau und Mühleberg müssten abgeschaltet werden, bevor neue AKW bereitstünden. Für die Übergangsphase seien Gaskraftwerke nötig.

Doch der Aufruf verfehlte seine Wirkung: Das Parlament stellte hohe Anforderungen an die CO2-Kompensation, sodass die Axpo auf den Bau von Gaskraftwerken verzichtete. Auch die meisten andern Projekte für Gaskombikraftwerke sind auf Eis gelegt. Ausnahmen bilden Energie Wasser Bern (EWB) im Zusammenhang mit der neuen Kehrichtverbrennungsanlage sowie das 400-Megawatt-Projekt Chavalon im Wallis: Dessen Chancen sind jüngst wieder gestiegen.

Zwei neue AKW – aber wo?

Statt auf Gas- setzen die Elektrizitätswerke umso stärker auf neue Atomkraftwerke. Allerdings sind sie sich nach wie vor nicht einig, wo sie gebaut werden sollen. Alpiq preschte mit dem Gesuch für ein neues AKW in Gösgen vor, Axpo und BKW folgten mit den Standorten Beznau und Mühleberg. Inzwischen haben sich alle drei zu einer gemeinsamen Planungsgesellschaft zusammengefunden und sie sind sich einig, dass sie sich auf zwei Standorte festlegen müssen. Welche es sein werden, ist noch offen. Ein Vorentscheid könnte am 13. Februar fallen: Falls das Berner Stimmvolk Nein zur Rahmenbewilligung sagen sollte, wären die Chancen für Mühleberg massiv geschmälert, obwohl die Abstimmung unverbindlich ist.

Auch wenn sich Alpiq, Axpo und BKW auf zwei Standorte einigen, ist der Weg bis zur Baubewilligung noch lang. Die politische Diskussion wird sich nicht nur um die Grundsatzfrage drehen, ob überhaupt neue AKW entstehen sollen, sondern auch wie viele. Jeder der geplanten neuen 1600-Megawatt-Reaktoren produziert pro Jahr rund 12 Terawattstunden Strom. Damit kann die Produktion der alten AKW Beznau 1 und 2 sowie Mühleberg von zusammen 9 Terawattstunden mehr als kompensiert werden. Die Stromfirmen wollen aber nicht nur die alten einheimischen AKW ersetzen, sondern auch Ersatz für den Wegfall der gesicherten Stromlieferungen aus Frankreich bereitstellen. Oder um beim oben erwähnten Bild zu bleiben: Die AKW Graben und Kaiseraugst stehen heute im Ausland, aber sie sollen im Inland ersetzt werden.

«Stromlücke» im Winterhalbjahr

Die Strombranche argumentiert mit der ganzjährigen Versorgungssicherheit. Bisher konnten die Schweizer Elektrizitätswerke ihre Kunden sowohl im Sommer als auch im Winter mit Strom aus inländischen Werken sowie dem vertraglich gesicherten Importstrom beliefern. Nach dem Abschalten der alten AKW und dem Auslaufen der gesicherten Importe droht nun aber eine «Stromlücke».

Im Sommerhalbjahr könnte die «Stromlücke» mit einem neuen AKW, erneuerbaren Energien sowie Massnahmen zur Stromeffizienz gefüllt werden. Das zeigen die Energieperspektiven des Bundesamts für Energie. Im Winterhalbjahr würde es aber knapp, vor allem bei langen Kälteperioden. Nach Meinung der Strombranche ist deshalb der Bau von zwei AKW unumgänglich.

Der Ersatz der Strombezüge aus Frankreich durch Importe aus andern Quellen ist nach Meinung der Strombranche keine Alternative. Die Aktion für eine vernünftige Energiepolitik Schweiz (Aves) hält fest: «Die Schliessung der Stromlücke mit Importen ist riskant, denn sie setzt voraus, dass das Ausland liefern kann und die Stromautobahnen (Leitungen) ausreichend befahrbar sind.» Die Stromversorgung müsse durch die Kombination aller verfügbaren inländischen Stromquellen gesichert werden – von der Wasserkraft über Atomenergie bis zu Solarenergie, Erdwärme, Windenergie und Biomasse. (Der Bund)

Erstellt: 06.01.2011, 08:20 Uhr

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5 Kommentare

Ulrich Kaiser

06.01.2011, 10:08 Uhr
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Eigentlich sollte mit diesem Artikel jedem klar sein, dass es neue AKWs braucht. Vor allem "Graben und Kaiseraugst stehen heute im Ausland" sollte den Gegnern zu denken geben. Ist es nicht besser, die Energieerzeuger im Inland zu haben, wo man sie selbst kontrollieren und schützen kann? Dann hat die EU auch kein Druckmittel gegen uns. Antworten


Benedikt Jorns

06.01.2011, 08:50 Uhr
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Die aktuelle Studie der Forschungsbüros Infras und TNC, die unter anderem von Links-Grün bezahlt wurde, rechnet für 2035 mit einem zusätzlichen Strombedarf von 30 TWh. Die Zukunft des Autos ist elektrisch, Heizungen von Neubauten brauchen vermehrt Wärmepumpen. Zwei KKW bringen 24 TWh. Wenn wir die Erneuerbaren Energien nicht stark fördern, spricht man in 10 Jahren von einem dritten neuen KKW. Antworten



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