Warum die Reitschule widerborstiger ist als andere ehemalige AJZ

Heute vor 25 Jahren wurde die Reitschule durch einige Hundert Besetzer gestürmt. Im ersten Teil einer Jubiläums-Serie geht der «Bund» der Frage nach, wie sich die Geschwister der Reitschule in Zürich und Basel entwickelt haben.

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«Die Achtziger-Bewegung war insofern erfolgreich, als aus ihr eine Reihe von Nachfolgebewegungen entstanden, denen es in mehreren Schweizer Städten gelungen ist, selbstverwaltete Kulturzentren zu erobern und zu betreiben – einige auf Zeit und andere bis heute.» (Heinz Nigg, Ethnologe)

Zu den heute noch existierenden alternativen Kulturzentren gehören etwa die Reitschule in Bern, die Kaserne in Basel und die Rote Fabrik in Zürich. Sie alle nahmen ihren Betrieb einst im kulturfeindlichen Umfeld der 80er-Jahre auf. Auch habe es damals kaum Orte gegeben, an denen sich Jugendliche hätten treffen können, sagt die Berner Historikerin Fabienne Amlinger. Hinzu sei der Kampf um günstigen Wohnraum gekommen. So eroberten sich die Jugendlichen – je nach Stadt mit unterschiedlicher Heftigkeit – neue Polit-, Begegnungs- und Wohnräume ohne kommerziellen Druck. Doch was ähnlich begann, hat sich ganz unterschiedlich entwickelt.

Heute bieten zwar alle drei Kulturzentren ein breites Kulturangebot. Von Begegnungsräumen ohne ökonomischen Druck kann jedoch kaum noch die Rede sein. «Die Reitschule ist wohl Berns letzter Ort, wo man hingehen kann, ohne dass man etwas konsumieren muss», sagt Amlinger. Denn aus dem kulturellen Unterangebot der 80er-Jahre ist ein Überangebot entstanden – allerdings ein kommerzielles. So unterscheiden sich auch die Rote Fabrik und die Kaserne in ihren Preisen kaum noch von anderen Kulturanbietern.

Kultur steht im Fokus

Aber auch sonst haben sich die alternativen Kulturzentren unterschiedlich stark von ihrem Ursprung gelöst. Dies zeigt sich etwa an ihrer Organisationsform. Während die Kaserne Basel dem Intendantenmodell entspricht, ist die Reitschule mit ihrer basisdemokratischen Organisation der Gegenpol dazu. «Jedes Konzert, jede Party wird im Kollektiv besprochen und abgenickt», sagt Wiedmer. «Darin sind wir sehr altertümlich.»

Die Rote Fabrik schliesslich ist eine Mischform von Kaserne und Reitschule. Laut ihrer Internetseite führen sechzehn fest angestellte Betriebsgruppenmitglieder das Kulturzentrum mit basisdemokratischen Strukturen im Kollektiv. Zwar werden auch in der Reitschule teilweise Löhne bezahlt. Allerdings basiere ein grosser Teil der Arbeit auf Ehrenamt und von der bezahlten Arbeit allein könne niemand leben, sagt Wiedmer. Noch prägnanter zeigen sich die Unterschiede in der inhaltlichen Ausrichtung der drei alternativen Kulturzentren. So liege der Fokus bei der Roten Fabrik und der Kaserne ganz stark auf dem Kulturangebot, während sich die Reitschule die ursprüngliche Idee der Jugendbewegung – in einem autonomen Freiraum ein selbstbestimmtes Leben zu führen – am ehesten habe bewahren können, resümiert die Historikerin Amlinger.

Die Reitschule sei etwa nach wie vor ein Ort, wo auch gewohnt werde. Viel wichtiger scheint ihr aber im Vergleich zu den anderen Kulturzentren, dass die Reitschule neben einer kulturellen auch eine politische Funktion habe. Allerdings könne man keinesfalls von der Reitschulpolitik oder den Reitschulwerten an sich reden, sagt Sandro Wiedmer, der seit 1988 in der Reitschule aktiv ist. Da in der Reitschule die unterschiedlichsten Menschen zusammen kämen, sei man sich auch intern längst nicht immer einig. «Vielmehr ist die Reitschule ein Ort von Diskussionen, und das wird sie bleiben», sagt er.

Von Widerstand und Widerhall

Gleichzeitig ist sie auch ein Ort, der in der Politik immer wieder für Diskussionen sorgt. Denn anders als im Umfeld der Reitschule, entzünden sich weder bei der Roten Fabrik noch bei der Kaserne Konflikte zwischen Aktivisten und Polizei. Könnte man also sagen, dass sich die Reitschule – als einziges alternatives Kulturzentrum – die Polizei als eine Art Feindbild bewahrt hat? Das sei nicht generell die Haltung der Reitschule, sagt die Historikerin Amlinger dazu. Sicherlich sei das Verhältnis zwischen der Reitschule und der Polizei seit jeher ein problematisches.

Und wieso grenzt sich die Reitschule nicht deutlicher von Übergriffen gegen Beamte ab? Das Kulturzentrum reflektiere sehr wohl solche Vorfälle und habe in Communiqués die Gewalt gegen die Polizei verurteilt, beurteilt sie die Lage.

Die Impulse aus der Alternativkultur zu nutzen

Während die Rote Fabrik und die Kaserne in Politik und Gesellschaft akzeptiert oder sogar etabliert sind, muss und will die Reitschule immer wieder um ihren möglichst autonomen Platz in der Stadt kämpfen. Das zeigten nicht zuletzt die zähen Verhandlungen um einen neuen Leistungsvertrag. «Der Widerstand liegt in den Wurzeln der Reitschule», sagt Wiedmer dazu. Allerdings meint er damit einen gewaltfreien Widerstand, wie er betont. Nichtsdestotrotz scheint die Alternativkultur heute von einer breiten Öffentlichkeit anerkannt, wie Ethnologe Heinz Nigg in seinem Buch über die 80er-Bewegung schreibt.

Jetzt sei es an der Öffentlichkeit, die Impulse aus der Alternativkultur zu nutzen. Das sei bereits geschehen – so zumindest in Bern, ist Amlinger überzeugt. Ideen der Reitschule seien herausgetragen worden und manifestierten sich an anderen Orten in der Stadt – so etwa in der Restaurant- und Clubkultur. (Der Bund)

Erstellt: 24.10.2012, 10:16 Uhr

Serie zum Herbst 1987

Als Bern in Bewegung geriet

Vor 25 Jahren erlebte Bern einen «heissen Herbst», bestimmt von massiven Konflikten um die Reitschule und das Hüttendorf Zaffaraya. In einer Serie widmet sich der «Bund» in den kommenden Wochen den Ereignissen von 1987, den Hoffnungen und Erinnerungen der Zeitzeugen und den heutigen Realitäten ihrer Erben.

Die Serie 25 Jahre Reitschule
www.reitschule.derbund.ch

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