Von der Heroinspritze zur Spitzzange
Von Claudia Badertscher. Aktualisiert am 03.08.2010 1 Kommentar
Vor einem Vierteljahrhundert schnupfte der 14-Jährige J. erstmals Kokain. Wenig später spritzte er Heroin. Eine schlechte Kindheit hatte er nicht gehabt im ländlichen Berner Mittelland. Eher eine bodenständige: Mit dem Vater spielte er in der Blasmusik. J. ist keiner, der sich beklagt. Im Gegenteil: «Schuld war ich selbst», sagt er. Der 39-Jährige spricht bedächtig und häufig bildhaft: «Ich war wie ‹e umkehrte Händsche›.» Er sieht nicht aus, wie man sich einen Ex-Junkie vorstellt. Er wirkt jung, trägt ein Polohemd, die halblangen Haare sorgfältig gescheitelt. «Ich freundete mich mit den falschen Leuten an», findet er im Rückblick. Diese waren älter, hatten schon Autos, mit ihnen konnte er in den Ausgang fahren. «Voll drauf» absolvierte J. die Lehre zum Spengler, Chef und Eltern merkten nichts. «Ich dachte immer: Mich habe ich ja im Griff», sagt er. «Aber irgendwann war es vorbei mit dem Griff.»
1985, im Jahr, in dem J. sich den ersten Schuss spritzte, entstanden aus der Psychiatrischen Klinik Waldau heraus die «Werkstätten und Ateliers». Hier flochten Patienten Körbe, webten und formten Ton: «Die traditionellen Tätigkeiten für psychisch Kranke», erzählt Peter Eichholzer, der heutige Leiter der Werkstätten.
Der Fall ins Elend
Mit 19 Jahren – in Berlin fiel gerade die Mauer – bröckelte J.s Fassade. Die Eltern realisierten, dass der Sohn Drogen nimmt. An dieser Stelle verliert J.s Erzählung den Faden, so, wie er ihn in seinem Leben für lange Zeit verlor. Klar ist: Trotz Drogensucht arbeitete er weiter, in der Papierfabrik, gar im Stahlwerk als Lokführer. Nach sieben Jahren, mit 26, folgte der weitere Fall. Oder, wie J. sagt: «Dann fing mein Elend wirklich an.» Wegen der Rezession verlor er den Job, wegen der Drogen die Wohnung. Nun landete er auf der Gasse, schlief im Kletterturm eines Spielplatzes am Rand von Bern. Die Tage wurden gleichförmig: «Nachdem ich morgens um zehn aufgestanden war, setzte ich mir den ersten Schuss. Dann fuhr ich in die Stadt, um Geld reinzuholen. Die nächste Spritze war das Einzige, was ich im Kopf hatte. Das war Vollstress. Ich bettelte, mischelte.» Nachdrücklich fügt er hinzu: «Aber einer alten Frau die Handtasche stehlen, das entspricht nicht meinem Charakter.»
Zweierlei Wendepunkte
Während sich J. in den Neunzigerjahren im Drogendickicht verlor, zeichnete sich in den Werkstätten der Waldau ein Mentalitätswandel ab: «Die Zeiten, als für den Ramschmärit produziert wurde, waren vorbei», sagt Eichholzer. «Ich wurde 1997 geholt, um den Laden wirtschaftlicher auszurichten.» Nun gewannen die Werkstätten, neu unter dem Namen Betreute Werkstätten Bern (BeWeBe), Unternehmen als Kunden. Heute bestreiten sie ein Drittel ihres Budgets von sechs Millionen Franken selbst, zwei Drittel kommen von Kanton und Invalidenversicherung (IV). Ein Gewinn auch für die Patienten: «Es tut ihnen gut, zu wissen, dass ihre Produkte verkauft werden», sagt Eichholzer.
Eine entscheidende Wende nahm wenig später auch J.s Leben. Der Handschuh stülpte sich plötzlich wieder um. Es war ein Freitag im Jahr 2003. Wie immer an diesem Wochentag holte J. auf dem Sozialamt sein Geld ab, um es dann umgehend in Stoff umzusetzen. Doch es war kein Dealer da. «Dann geschah ein Wunder. Anstatt zu warten, bin ich einfach in den Bus gestiegen und heimgefahren», sagt J. Seit diesem schicksalhaften Tag vor sieben Jahren rührte er keine Drogen mehr an. Dennoch war sein Leidensweg nicht zu Ende: J. fiel in eine tiefe Depression. Ein Jahr lang igelte er sich zu Hause ein, Fensterläden und Türe geschlossen, bis sich sein Wille erneut meldete und er eine Psychotherapie in Angriff nahm. «In Halbschrittchen» gewann er an Sicherheit. Innerlich, aber auch äusserlich: «Ich muss wieder etwas machen», habe er sich gesagt. Bald fand er einen Platz in einer Tagesstätte, und seit elf Monaten arbeitet er jede Woche an vier Nachmittagen in den BeWeBe.
«Die Leute sollen nicht versauern»
Diese gehören heute zu den Universitären Psychiatrischen Diensten und bieten 160 psychisch Kranken einen geschützten Arbeitsplatz. Diese «Beschäftigten», wie sie offiziell genannt werden, verpacken in elf Werkstätten Briefe, formen Keramikfische oder flicken Sonnenbrillen fürs Militär. So verdienen sie sich zur IV-Rente «ein Sackgeld» hinzu, wie Eichholzer sagt. «Wir haben neunzig Prozent Chroniker», erklärt der Leiter weiter. Das heisst: «Sie werden bei uns bleiben.» Als Endstation will er die Werkstätten aber nicht beurteilt wissen. Eher als Hort: «Wir schauen, dass die Leute nicht zu Hause versauern, bieten ihnen eine Tagesstruktur. Und fördern sie in dem, was sie können.» So soll jeder wachsen und innerhalb seiner Werkstätte schwierigere Arbeiten übernehmen können. Für etwa ein Zehntel steht dazu noch ein «Türchen» offen für weitere Schritte – «im geschützten Segment», wie Eichholzer betont. Aber auch diese kehrten oft wieder zurück, weil sie überfordert seien. Eine Integration in die freie Wirtschaft, wie sie die laufende 6. IV-Revision fordert (siehe Kasten), könne daher nicht das Ziel der BeWeBe sein.
In der Ausrüsterei, einer der lichtdurchfluteten Werkstätten an der Könizer Sägestrasse, montiert J. Designer-Leuchten. Im Nu hat er die dreissig notwendigen Bauteile beisammen. Gekonnt und etwas hastig hantiert er nun mit Spitzzange und Seitenschneider. Sanft ermahnt ihn der Betreuer, er solle es ruhiger angehen. «Den Stress mache ich mir selbst. Einen Leistungsdruck wie draussen gibt es nicht», erklärt J. «Wie man hier miteinander umgeht, da könnten sich viele eine Scheibe abschneiden.» Seine Augen strahlen, wenn er von den 40 verschiedenen Modellen, die er baut, berichtet: «Bei den Leuchten muss man den Kopf beisammenhaben.» Durch fast zwanzig Jahre Sucht hat J. sein soziales Netz verloren. «Dort gibt es noch viel zu tun», sagt er offenherzig. Freizeit ist für ihn schwierig: «An freien Tagen wäre mir oft lieber, es wäre ein Arbeitstag.» (Der Bund)
Erstellt: 03.08.2010, 08:35 Uhr
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