Virtuelle Reise durch Berns Finanzen

Jedes Jahr muss das Stadtberner Stimmvolk das Budget bewilligen. Im Detail interessiert es jedoch kaum. Eine verspielte Computervisualisierung soll das nun ändern.

Thomas Preusse und Daniel Schaffner machten die Stadt Bern zur Pionierin.

Thomas Preusse und Daniel Schaffner machten die Stadt Bern zur Pionierin. Bild: Franziska Scheidegger

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Über 600 Seiten aus Zahlen, Tabellen und Text, so liest sich das Stadtberner Produktgruppen-Budget 2013. Mitte September steht es im Stadtrat zur Debatte, bevor es voraussichtlich Ende November dem Stimmvolk zur Abstimmung vorgelegt wird. Wem das Zahlenjonglieren nicht liegt, der steht mit dem dicken Papierbündel auf verlorenem Posten.

Das will ein 21-jähriger Programmierer nun ändern: Mithilfe eines ?eigens entwickelten Computerprogramms hat er die Geldbeträge des Budgets 2013 auf seiner Webseite visualisiert. Damit ist die Stadt Bern in der Schweiz eine Pionierin im Bereich der Offenlegung von Budgetdaten in dieser Form.

600 Seiten visualisiert

Thomas Preusse heisst der junge Applikationsentwickler aus Langnau, der die Darstellung der Finanzdaten revolutionieren will. Etwas von einem Computer-Nerd hat der ehemalige Rudolf-Steiner-Schüler: Das Programmieren hat er sich mit 14 Jahren selbst beigebracht, heute arbeitet er als Entwickler. Eine richtige Ausbildung dafür besuchte er nie. Während er seinen Kaffee schlürft und mit Fachbegriffen wie «Framework» oder «PHP» um sich wirft, fliegen auf dem Bildschirm aus allen Richtungen Kreise in verschiedenen Farben und Grössen in die Mitte.

Was da so verspielt daherkommt, sind die visualisierten Finanzdaten der Stadt Bern. Nicht ohne Stolz präsentiert der junge Entwickler seine Applikation.

Mit wenigen Klicks

Jeder beschriftete Kreis zeige einen Budgetposten, erklärt Preusse. Rechts stehen in einer Tabelle die Beträge in Zahlen. Mit einem Mausklick auf einzelne Kreise gelangt man im Budget eine Stufe nach unten: Eine noch detailliertere Aufteilung der Beträge kommt zum Vorschein. Kurz gesagt ermöglicht das Programm Einblicke bis auf die unterste Ebene des Budgets, eine Reise durch Berns Finanzdaten.

Viele der Zahlen, welche die Stadträte im 600-seitigen Papierbündel erhalten und mit viel Aufwand erarbeiten müssen, werden hier mit wenigen Klicks gezeigt.

Projekt des «Opendata-Hackdays»

Über 1300 Zeilen Programmcode stecken hinter der Virtualisierung. Preusse hat sie in seiner Freizeit getippt, manchmal bis tief in die Nacht. Doch wie kommt ein so junger Informatiker ohne überdurchschnittliches Interesse an Politik – geschweige den an Finanzdaten – dazu, das Stadtberner Budget zu visualisieren? «Am ‹Opendata-Hackday› hat uns Stadtrat Matthias Stürmer (EVP) die Budgetdaten 2012 der Stadt zur Verfügung gestellt», erzählt Preusse.

Ziel des sogenannten «Opendata-Hackdays» im April war es, Daten mithilfe von Computerprogrammen für den Bürger zu veredeln und verständlich zu machen (der «Bund» berichtete). Damals hatte Preusse mit der Visualisierung des Budgets begonnen. Bis heute hat er es ständig weiterentwickelt. Neu dazu gekommen ist unter anderem der prozentuale Vergleich der neuen und alten Budgetzahlen.

Daten verständlich machen

Preusse verfolgt hauptsächlich ein Ziel: «Ich will die Behördeninformationen auf einfache Art und Weise kommunizieren», erklärt er. «Auch Leute, die kein dickes Buch lesen wollen, sollen sich spielerisch mit den Zahlen auseinandersetzen können.» Wenn die technischen Möglichkeiten zur Verfügung stünden, sollte man diese auch nutzen. Geld verdienen will Preusse mit der Applikation nicht: «Die Visualisierung ist etwas für die Gesellschaft», sagt er. Darum mache er es auch gerne freiwillig.

Am vergangenen Donnerstag hat Preusse das Programm vor interessierten Stadtparlamentariern und Behördenvertretern präsentiert. Die Reaktionen auf die Visualisierung fallen unterschiedlich aus: «Eine schöne Spielerei» findet es etwa Stadtrat Simon Glauser (SVP). Mehr Begeisterung zeigt der Initiant der Applikation seitens Parlamentarier, Matthias Stürmer (EVP): «Preusse hat mit seinem freiwilligen Engagement fantastische Arbeit geleistet.»

Es gehe darum, der Bevölkerung zu zeigen, wo, wie und wofür die Steuern ausgegeben würden, sagt Stürmer. Potenzial sieht er vor allem noch in der Verknüpfung der Budgetzahlen mit weiteren Informationen. Damit gebe es mehr Transparenz, und das Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden werde gefördert.

Fehlinterpretation möglich

Dass die Applikation nicht über alle Zweifel erhaben ist, weiss Stürmer: «Es gibt Budgetposten, bei denen es in der Applikation aussieht, als würde alles Geld in ein Produkt fliessen.» Ähnlich sieht die Gefahr von Fehlinterpretation auch Berns Finanzverwalter Daniel Schaffner. Er arbeitet seitens der Behörde mit Preusse zusammen: «Die Leute könnten einige Zahlen falsch deuten. Damit würden wir genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir eigentlich möchten.» Er will die Zahlen darum mit weiteren Hintergrundinformationen ergänzen.

Dennoch sieht Schaffner in der Applikation eine Chance, Berns Finanzdaten in Zukunft für alle verständlich darzustellen. Die Stadträte müssen sich aber auch in Zukunft durch das dicke Papierbündel arbeiten. Denn das kann die Applikation laut Schaffner zurzeit nicht ersetzen. Diese könne ihnen vielleicht helfen, schneller einen Überblick zu gewinnen, um zu sehen, wo sie in die Tiefe gehen möchten, sagt er. Wie die Stadt Bern die Applikation nutzen wird, ist zurzeit noch unklar. (Der Bund)

(Erstellt: 03.09.2012, 13:02 Uhr)

Visualisierung

Die Visualisierung ist abrufbar unter: http://t.preus.se/bernbudget2013/

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