Tribüne

«Viel zu viel Ruhe in der Kulturpolitik»

Die Stadt Bern braucht eine Kulturoffensive, wie sie beim Kanton seit kurzem spürbar ist.

In der Stadt gibt es zwar  mit schöner Regelmässigkeit den einen oder anderen Aufreger wie die Zukunft des Oppenheim-Brunnens - aber wirklich debattieren darüber mag dann doch niemand.

In der Stadt gibt es zwar mit schöner Regelmässigkeit den einen oder anderen Aufreger wie die Zukunft des Oppenheim-Brunnens - aber wirklich debattieren darüber mag dann doch niemand. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Eine neue Kulturstrategie und ein revidiertes Kulturförderungsgesetz, das sind die grossen Geschäfte der kantonalen Kulturpolitik. Doch das öffentliche Interesse fokussierte in den letzten Jahren immer wieder auf andere, weniger glanzvolle Themen: drohende Sparrunden und dicke Luft im kantonalen Amt für Kultur. Das war eine schlechte Ausgangslage für den geplanten kulturpolitischen Aufbruch. Die Irritation über die Vorgänge im Amt schürten Zweifel an der Verlässlichkeit des Kantons.

Das hat sich geändert. Regierungsrat Bernhard Pulver, der Kulturchef des Kantons, ist in die Offensive gegangen. Er hat sich erklärt, er hat zugehört, und das Kulturamt ist nicht mehr negativ im Gespräch. Im Gegenteil. Der frische Wind ist bereits nach wenigen Wochen unter neuer Leitung auf allen Ebenen zu spüren.

Die Turbulenzen und vor allem die neue Dynamik im Kanton haben vom Stillstand in der Stadt abgelenkt. Hier gibt es zwar mit schöner Regelmässigkeit den einen oder anderen Aufreger – Stadttheater, Kunsthalle, Oppenheim-Brunnen –, aber wirklich debattieren darüber mag dann doch niemand. Sonst aber ruht die Kulturpolitik. Obwohl viel zu tun wäre und nicht unerhebliche Veränderungen in der Kulturförderung anstehen. «Was wir machen müssen, und das steht oben auf der Agenda, ist eine Standortbestimmung mit Blick auf 2016», sagte Veronica Schaller, die Leiterin der Abteilung Kulturelles, in der «Berner Zeitung». 2016 tritt das kantonale Kulturförderungsgesetz in Kraft, «mit einigen Unbekannten für die Stadt».

Die Zeit drängt

Im Sommer 2014 muss der künftige Standort der Kulturstadt Bern bestimmt sein. Viel Zeit für Grundsatzdebatten bleibt nicht. Und schon gar nicht für die oft geforderte neue Kulturstrategie. Die wird es auch nach dem nächsten Sommer kaum geben, weil dann die Zeit wieder drängt. Das revidierte Gesetz kommt zwar erst 2016, der politische Prozess über die Leistungsverträge 2016–2019 mit den Subventionsnehmern – dem weitaus grössten Posten der öffentlichen Kulturausgaben – beginnt aber ein Jahr früher. Bis dahin müssen die wichtigen Entscheide getroffen sein.

Wenn schon keine Grundsatzdebatte geführt und keine Strategie entwickelt wird, gehörten zumindest die latent konfliktträchtigen Themen auf die Agenda der Kulturpolitik: In der absurden Debatte um die Sanierung des Stadttheaters waren kulturkritische Töne zu hören, die stutzig machten. Sie sollte man nicht überhören, auch wenn es 2011 in der Volksabstimmung über die Kulturverträge eine solide Mehrheit für das Stadttheater gegeben hat.

Die Forderung des Jungfreisinns, die Kunsthalle zu schliessen, wurde als schon fast unanständig empfunden. Das ändert nichts daran, dass die legendären Zeiten der Kunsthalle über ein halbes Jahrhundert zurückliegen und ihre öffentliche Wahrnehmung heute tatsächlich eher marginal ist. Eine Neupositionierung des Instituts wäre die beste Antwort auf die Jungpartei. Das würde allen etwas bringen: der Kunsthalle selber, der Berner Kunstszene, dem internationalen Publikum, der Stadt.

Die Liste lässt sich fortsetzen: Wenn das Nachtleben-Konzept an der Nägeligasse einen Musikclub vorschlägt, steht plötzlich der Gaskessel auf der Abschussliste – als ob man ein Jugendzentrum auf einen Discoraum reduzieren könnte. Dennoch wäre der Vorschlag eine gute Gelegenheit für eine vor allem unter Jugendlichen geführte Diskussion über die Ansprüche an ein heutiges Jugendzentrum. Oder: Das Kino Kunstmuseum braucht eine neue Spielstätte, sonst geht Bern ein einmaliges Filmangebot verloren. Doch ob es diesen Ort geben wird, hängt entscheidend von der seit über 40 Jahren, seit der Eröffnung des Kellerkinos, unbeantworteten Frage ab, ob und in welcher Form sich die Stadt an einem Kino beteiligen soll.

Fragen, Herausforderungen, Aufträge: Gebündelt, beantwortet und umgesetzt ergibt sich aus ihnen – und damit aus kulturpolitischen Prozessen der Veränderung und Erneuerung – auch eine Art Kulturstrategie. Aber Sinn macht das nur, wenn alle aktiv dabei sind: Kultur, Stadt und Politik. Nicht nur der Kanton, auch die Stadt braucht eine Kulturoffensive.

*Bernhard Giger war Kultur- und Lokaljournalist beim «Bund» und bei der BZ, er dreht Spiel- und Dokumentarfilme und ist seit 2009 Leiter des Berner Kornhausforums, das in diesen Tagen sein 15-Jahr-Jubiläum feiert. (Der Bund)

Erstellt: 27.10.2013, 09:24 Uhr

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