Verbotenes Feuer – als «Ausdruck der Freude» und aus Protest

Vielleicht zündet er heute wieder eine Fackel – obwohl er sagt: «Ich weiss, dass es nicht ungefährlich ist.» Ein Treffen mit einem YB-Ultra.

Feuer und Rauch im Letzigrund: YB-Fans im September während eines Ligaspiels gegen den FC Zürich.

Feuer und Rauch im Letzigrund: YB-Fans im September während eines Ligaspiels gegen den FC Zürich. Bild: Keystone

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Er sitzt bei sich zu Hause auf dem Balkon und ist zufrieden. Am Samstag haben die YB-Fans ein Banner mit der Aufschrift «Chrigu raus» präsentiert. So einig sei man sich noch kaum je gewesen in der Kurve, sagt er – der Trainer Christian Gross müsse gehen. Nun ist er weg. Und vielleicht werden heute im Stadion zur Feier Seenotfackeln aluminiert. Das Zünden von Feuerwerk sei ein «Ausdruck von Freude», sagt der Mann.

Mitte zwanzig ist er, und die YB-Spiele, die er in den letzten zehn Jahren verpasst hat, lassen sich an einer Hand abzählen. Wollte man die Fackeln zählen, die er dabei gezündet hat, reichten zwanzig Hände nicht dafür.

An diesem Morgen hat er sich Zeit genommen, um dem «Bund» zu erklären, warum er und seine Kollegen nicht bereit sind, darauf zu verzichten, im Stadion Feuerwerk zu zünden. Auch jetzt nicht, wo die Rufe nach einem Verbot lauter und lauter werden. Nachdem das Zürcher Derby im Oktober nach Petardenwürfen abgebrochen wurde. Nachdem ein Jugendlicher an einem YB-Spiel durch Funken Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten hatte.

Rational kaum zu erklären

«Ich weiss, dass unsere Position nicht einfach zu vermitteln ist», sagt der Mann. Seine ganze Beziehung zu YB ist schwer zu vermitteln. Warum er Abend um Abend in Werkräumen verbringt und bastelt für Choreografien. Warum er jede Reise auf sich nimmt, um YB zu sehen. Und – eben – warum er sich immer von Neuem strafbar macht, wenn er Pyrotechnika in Stadien schmuggelt und entfacht. Rational sei das alles kaum zu erklären, sagt er. «Ginge es nach dem Kopf, hätte ich YB längst den Rücken gekehrt.» Denn die Mannschaft, die er unterstützt, ist ein Konglomerat aus Söldnern, die kommen und gehen und nicht wissen, wer Mani Matter ist.

Die Spielstätte nennt er «Stadion», weil er «Stade de Suisse» nie in den Mund nehmen würde und weil er auch nicht Wankdorf sagen mag. Das Wankdorf ist das abgerissene Stadion aus einer Zeit, als noch nicht «jeder Eckball gesponsert» war, wie er sagt. Viel ist nicht mehr übrig vom «Mythos YB», den er hochhalten will. Die Farben sind noch da, das Logo. Wenn YB in andern Farben oder mit anderem Emblem auflaufen würde, dann würde er sich abwenden, sagt er. «Das ist die letzte Identifikation.»

«Wir gehen gut damit um»

Das Ehrlichste, das Echteste, was das globalisierte Unternehmen Young Boys noch zu bieten hat, sind seiner Meinung nach die Fans. Niemand sonst stehe so bedingungslos hinter YB wie sie. Bis auf den langjährigen Materialwart Hene Minder sei keiner so lange dabei wie er, sagt der Mann – und da ist es in seinen Augen nur konsequent, sich von niemandem die Regeln diktieren zu lassen, wie man den Verein zu unterstützen hat. Und wie das Fahnenschwenken und das Skandieren von Gesängen sieht er auch das Zünden von Fackeln als eine unverhandelbare Ingredienz des Beistands: «Ich weiss, dass es nicht ungefährlich ist. Aber ich glaube, wir gehen gut damit um.»

Die Gefährlichkeit werde von Politikern und in den Medien «total unverhältnismässig» dargestellt. Die Medien schrieben am einen Tag von «Pyro-Deppen» und am nächsten Tag davon, wie die Fans dem Verein «eingeheizt» hätten. Doch je mehr man sich beim Zünden verstecken müsse, desto gefährlicher werde es. Eine Legalisierung dagegen brächte wenig, wenn sie an zig Bedingungen geknüpft würde. «Wir wollen spontan zünden können.»

Die Höhe der Bussen, die YB für die abgebrannten Fackeln bezahlen muss, sind für ihn kein Argument – diese machten sowieso lediglich einen Bruchteil des Budgets aus. Entscheidend sei, dass innerhalb der Kurve eine Mehrheit das Zünden von bengalischem Feuerwerk nach wie vor befürworte.

«Es ist schon geil»

Die ideologische Rechtfertigung des verbotenen Feuers ist die eine Seite. Die andere Seite ist der Kick. Es sei «schon geil», von einem Tor euphorisiert zu «zünden». Erwischt worden ist er noch nie. Wenn er ein Stadionverbot kriegen würde, wäre das «schlimm», sagt er. Dann bliebe ihm nur noch seine zweite Liebe – seine Freundin. Die sei auch YB-Fan, «zum Glück». YB sei sein Leben, «und wenn sie nicht mögen würde, was ich liebe, wie könnte ich sie dann lieben?», fragt er. «Gezündet» hat die Freundin noch nie. Er hätte nichts dagegen. (Der Bund)

(Erstellt: 01.05.2012, 09:08 Uhr)

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