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Bern

«Unser Land kann nicht nur aus den Wirtschaftszentren bestehen»

Von Simon Thönen. Aktualisiert am 08.07.2010 3 Kommentare

Der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät, einer der Initianten der Hauptstadtregion, und seine Briger Amtskollegin Viola Amherd erklären, was sie sich von diesem Projekt erhoffen. Sie wehren sich gegen das Abseitsstehen ihrer Regionen.

Die Briger Stadtpräsidentin Viola Amherd (CVP) im Gespräch mit Alexander Tschäppät. (Adrian Moser)

Die Briger Stadtpräsidentin Viola Amherd (CVP) im Gespräch mit Alexander Tschäppät. (Adrian Moser)

Herr Tschäppät, mit der Hauptstadtregion Schweiz haben Sie der Beamtenstadt Bern endlich ein positives Etikett als «politisches Entscheidzentrum» verpasst. Zufrieden?

Alexander Tschäppät: Unser Land kann nicht nur aus den Wirtschaftsräumen Zürich, Basel und Genf/Lausanne bestehen, es braucht eine politische Schaltzentrale. Es ist schön, dass man dies nun begriffen hat. Aber natürlich steht die Hauptstadtidee erst am Anfang.

Was aber nützt das neue Gebilde den Partner-Kantonen und -Städten, die nun mit Bern die Gründung der Hauptstadtregion vorbereiten?

Tschäppät: Es gibt viele Räume, die einen engen Bezug zu Bern haben, die man aber weder den drei wirtschaftlichen Metropolitanräumen noch dem ländlichen Raum zuordnen kann. Mit diesen suchen wir jetzt die Gemeinsamkeiten. In einigen Bereichen gibt es die Hauptstadtregion schon: Das Inselspital und die S-Bahn versorgen einen Raum über die Kantonsgrenzen hinaus. Nun prüfen wir, bei welchen Themen zusätzliche Projekte und Strukturen Sinn machen.

Frau Amherd, für das Oberwallis ist der Rest der Schweiz die «Üsserschwiz», warum will Brig-Glis nun zum politischen Zentrum der Schweiz gehören?

Viola Amherd: Das Oberwallis gehört zu keiner der Metropolitanregionen, mit der neuen Raumordnung des Bundes drohten wir ins Abseits zu geraten. Zudem sind wir als Deutschsprachige im Kanton in der Minderheit. Die Hauptstadtregion ist für uns eine interessante Plattform für gewisse Themen. Ein Beispiel: Das Oberwallis ist zu klein, um für Firmen ein gutes Weiterbildungsangebot in deutscher Sprache anzubieten.

Das politische Zentrum der Schweiz ist räumlich in Stadt und Agglomeration Bern konzentriert. Ist die Hauptstadtregion nicht zu gross?

Tschäppät: Die Grösse ist sicher ein Thema, der Espace Mittelland ist ja an seiner Übergrösse gescheitert. Die Bundesstadt liegt bereits in einem grossen Kanton. Man kann durchaus fragen, ob etwa ein Oberhasler sich zur Hauptstadtregion zählt. Auch deshalb wollten wir die Idee nicht einfach in einem bernischen, sondern in einem grösseren Rahmen starten. Ob die Zusammenarbeit funktioniert, das werden wir nun gemeinsam herausfinden.

Herr Tschäppät, Sie haben stets betont, dass Rosinenpicken in der Hauptstadtregion erlaubt sei. Freiburg wünscht ein Bundesamt als Rosine. Setzen Sie sich dafür ein?

Tschäppät: Es liegt nicht in meiner Kompetenz, Bundesämter zu verteilen. Ich kann verstehen, dass man nun einmal Bestellungen aufgibt, aber diese Diskussionen kann man erst führen, wenn die Hauptstadtregion funktioniert. Persönlich bin ich der Ansicht: Freiburg ist nur 17 Zugminuten von Bern weg, es gehört zum Raum Bern. Wir werden uns künftig den Luxus kaum mehr leisten können, über die Verschiebung von Arbeitsplätzen in diesem Raum zu streiten.

Ich höre da ein gewisses Verständnis für den Freiburger Wunsch nach einem Bundesamt heraus.

Tschäppät: Selbstverständlich würde ich als egoistischer Stadtpräsident gerne alles hier behalten. Aber es wäre nicht ehrlich, wenn wir einerseits einen funktionalen Hauptstadtraum fordern, in dem ein Geben und Nehmen stattfindet, und andererseits alles Positive bei uns behalten wollten.

Frau Amherd, auch Brig ist mit der Neat näher an Bern gerückt. Wollen Sie auch ein Bundesamt?

Amherd: Wir haben noch keine Bestellung aufgegeben. Es ist nicht so, dass wir uns direkte Vorteile von der Hauptstadtregion erhoffen, wir streben eine Zusammenarbeit in Bereichen an, die das Oberwallis voranbringen. Allerdings – wenn Meteo Schweiz in Brig wäre, dann würden vielleicht unsere Wetterprognosen besser stimmen (lacht).

Tschäppät: Der Verteilkampf wird in erster Linie zwischen den Grossregionen stattfinden. Der Bund arbeitet nicht einfach so eine neue Raumordnung aus, diese wird Konsequenzen haben. Da kann es den Städten um Bern nicht gleichgültig sein, wie gut Bern etwa an das Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen ist. Da funktionieren dann die Funktionsräume – oder eben nicht.

Die Raumplaner des Bundes haben die Hauptstadtregion als gleichwertig mit den Metropolitanregionen anerkannt. Aber nur auf Bewährung – falls sie ihre Nützlichkeit beweist.

Tschäppät: Bezüglich des Nachweises der Nützlichkeit bin ich zuversichtlich, in etlichen Bereichen funktioniert die Hauptstadtregion ja schon heute. Aber die Debatte um Inhalte beginnt nun erst, sie wird nicht einfach werden. Viele Kantone wie das Wallis oder Solothurn orientieren sich auch an anderen Grossregionen.

Es gibt nun Arbeitsgruppen, eine für Landwirtschaft. Ist dies das richtige Thema für eine Hauptstadtregion?

Amherd: Landwirtschaft ist für das Oberwallis ein wichtiges Thema, auch im Zusammenhang mit dem Tourismus.

Tschäppät: Das sind bloss erste Arbeitsgruppen für die thematische Debatte. Natürlich hat das Thema Landwirtschaft auch eine psychologische Funktion. Man kann im Agrarkanton Bern schlecht von vornherein sagen: Dies ist kein Thema. Andererseits werden wir wohl das Thema Gesundheitsbranche aufnehmen, obwohl wir dazu noch keine Arbeitsgruppe haben. Die inhaltliche Diskussion steht wirklich erst am Anfang. Aber natürlich ist zu erwarten, dass die Arbeitsgruppe Hauptstadtfunktion eine zentralere Rolle spielen wird.

Gibt es nicht doch zwangsläufig einen Konflikt zwischen den ländlich orientierten Kantonen und den Städten?

Tschäppät: Konkurrenz zwischen Regionen auch innerhalb der Hauptstadtregion ist nichts Schlechtes. Aber natürlich geht es beim Projekt Hauptstadtregion in erster Linie um Themen, die sich um Politik und Service public drehen. Dies dürfte in den Städten auf mehr Interesse stossen. Aber Bildungsstätten für Verwaltungspersonal etwa sollen auch Gemeindeschreiber ausbilden. (Der Bund)

Erstellt: 08.07.2010, 09:43 Uhr

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3 Kommentare

hans meister

08.07.2010, 11:33 Uhr
Melden

Und da habe ich immer gedacht der Sonderfall Schweiz habe keine Hauptstadt, sondern nur eine Bundesstadt. de facto ja, de jure nein... Antworten


Mario Imhof

08.07.2010, 10:10 Uhr
Melden

Grössere nicht gewachsene, sondern konstruierte Regionen/Gebilde sind alle gescheitert. Auch die EU. Wer soll diese Fantasy-Region bezahlen? Antworten



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