Schweiz im Krieg

«Übrigens ist Bern eine Hölle»

Bern war während des 1. Weltkriegs eine Drehscheibe der Politiker, Diplomaten, Agenten und Pazifisten. Im Hotel Bellevue verliefen die Fronten «quer durch den Esssaal». Die Lageberichte im «Bund» gehörten damals zur Pflichtlektüre.

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Mitten im 1. Weltkrieg feierten am 2. Juli 1917 in Bern drei Männer Geburtstag. Der erste war der Schriftsteller Hermann Hesse, der an diesem Tag 40 Jahre alt wurde. Er lebte damals als deutscher Staatsangehöriger in Bern, kümmerte sich um die deutschen Kriegsgefangenen unter anderem in Frankreich und konnte dank dieser Tarnung auch bei Friedensbemühungen vermitteln. Mit von der Partie war der mit ihm befreundete linksliberale Politiker und Reichstagsabgeordnete Conrad Haussmann, der auf deutscher Seite eine Friedenslösung anstrebte.

Der dritte Mann schliesslich war der «Bund»-Redaktor Hermann Stegemann, der als Deutscher 1901 in der Schweiz eingebürgert worden war und mit seinen viel beachteten Kommentaren «Zur Kriegslage» den «Bund» zur Pflichtlektüre der Regierungen und Heeresleitungen in den europäischen Hauptstädten machte.

600 Kommentare «Zur Kriegslage»

Stegemann war als Nachfolger des 1911 verstorbenen Feuilletonchefs Josef Viktor Widmann an den «Bund» gewählt worden. Angesichts seiner angeschlagenen Gesundheit durfte er das Feuilleton «aus der Ferne» in seinem Haus in Merligen betreuen, während ein «Gehilfe» in der Redaktion «den täglichen Dienst besorgte» (wie er in seinen «Erinnerungen» schreibt). Die Nachrichten flossen im Zeitalter vor der Einführung des Radios noch gemächlich, und so erfuhr Stegemann erst am Morgen des 29. Juni 1914 per Telefon aus Bern von seinem Redaktionskollegen Karl Müller, dass am Vortag der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau in Sarajevo einem Attentat zum Opfer gefallen waren.

Da Stegemann enge Beziehungen zu den politischen und militärischen Spitzen in der Schweiz und Deutschland pflegte, übernahm er nach Kriegsausbruch im Spätsommer die Kriegsberichterstattung des «Bund». Zuerst mehrere Monate anonym, dann namentlich gezeichnet, verfasste er rund 600 Kolumnen «Zur Kriegslage». Er tat dies nach eigenen Worten «mit der Absicht, den Ausbruch und den Verlauf des Krieges mit Betrachtungen zu begleiten, die die Geschichte erklären und die Entwicklung ins richtige Licht stellen sollen.»

Auch in Deutschland beachtet

Während der ersten Kriegsmonate erschien der «Bund» jeden Tag in der gleichen Aufmachung, mit dem seitenbreiten grossen Titel «Der europäische Krieg» auf der Frontseite und dem Stegemann-Kommentar an der Spitze der ersten Spalte. Die Auflage stieg von 28'000 auf 45'000 Exemplare, nicht zuletzt weil der «Bund» wegen seiner objektiven Berichterstattung durch den «Strategemann» (wie sein Spitzname lautete) auch in Deutschland regen Absatz fand.

Bezeichnend für den Charakter von Stegemanns Berichten war das Urteil des stellvertretenden deutschen Generalstabschefs Helmuth von Moltke, der ihm sagte: «Ich schätze Ihre Analysen sehr, auch wenn sie mir schmerzlich sind.» Dass Stegemann später eine Zeitlang mit Hitler sympathisierte, steht auf einem anderen Blatt.

Pazifistische Tobler-Werbung

Ein anderes Berner Presseorgan, das im 1. Weltkrieg für Aufsehen sorgte, war «Die Freie Zeitung». Sie erschien von 1917 bis 1920 zweimal wöchentlich und wurde von deutschen Publizisten geprägt, die sich in die Schweiz abgesetzt hatten, insbesondere vom Schriftsteller Hugo Ball und vom Philosophen Ernst Bloch. Zu den Mitarbeitenden der ersten Stunde gehörten aber auch Schweizer wie der Berner Autor C. A. Loosli, der u.a. einen mehrteiligen Beitrag über den «Niedergang des Freisinnes in der Schweiz» beisteuerte.

«Die Freie Zeitung» bezeichnete sich im Untertitel als «Unabhängiges Organ für Demokratische Politik», nahm aber klar Stellung gegen die deutsche Militärführung und den Kaiser und für die Entente und Frankreich, so dass bis heute spekuliert wird, sie sei von dieser Seite finanziert worden.

Im Zentrum stand für «Die Freie Zeitung» die Kriegsschuldfrage, wie Hugo Ball in einem programmatischen Beitrag festhielt. Darum: «Kein Friede, keine Verständigung, keine Internationale, ehe Preussen in Deutschland aufgelöst, die Soldaten- und Jesuitendynastien beseitigt und die Aufhebung Österreichs im Sinne des Selbstbestimmungsrechtes seiner verschiedenen Völkergruppen erreicht wären.»

Frucht der Tätigkeit bei der «Freien Zeitung» war 1919 das Buch «Zur Kritik der deutschen Intelligenz», in dem Ball den Protestantismus Luthers und den preussischen Militarismus als Ursache des deutschen Übels ortete. Zu dieser Zeit machte Ball, der vor seinen politisch-publizistischen Berner Jahren aktiv in der Zürcher Dada-Bewegung mitgewirkt hatte, eine weitere Wandlung durch, und zwar zu einem mystisch-frommen Katholizismus.

Treibende Kraft hinter der «Freien Zeitung» war der frühere deutsche Konsul Hans Schlieben. Aber während zwei Jahren zeichnete formell der spätere Buchhändler und Verleger Hans Huber «Für die Herausgabe und den Inhalt verantwortlich». Gedruckt wurde «Die Freie Zeitung» bei der Druckerei Fritz Haggenmacher in Laupen, die 1918 von der Schokolade-Fabrik Tobler erworben wurde und unter dem Namen Polygraphische Gesellschaft für Tobler Verpackungen und Werbematerial druckte. Der Firmen-Inhaber Theodor Tobler war Pazifist, und vom Oktober 1917 bis zum Oktober 1918 erschien in praktisch jeder Ausgabe der «Freien Zeitung» ein Inserat für Tobler-Schokolade, und zwar häufig mit pazifistischen Illustrationen des Berner Grafikers Hans Eggimann, der mit Theodor Tobler befreundet und (wie dieser) Freimaurer war. 1925 übernahm Hans Huber von der Polygraphischen Gesellschaft den Ernst Bircher Verlag in Bern, den er als Buchhandlung und Verlag unter seinem Namen weiter führte und ausbaute. Hans Huber bestätigte 1941 in seiner Gedenkrede auf Theodor Tobler im Rotary-Club Bern, Tobler habe ihn während des Weltkriegs öfters in seinem Redaktionsbüro besucht und ihre «vorerst nur politischen Beziehungen» hätten sich dann zu «einer wahrhaft herzlichen Freundschaft» erweitert und vertieft.

Zerstrittene Kriegsgegner

Nicht alle, die sich im 1. Weltkrieg als Pazifisten verstanden, waren mit dem aggressiven Kurs der «Freien Zeitung» einverstanden. Nachdem diese im Juli 1918 kurz nacheinander zwei Angriffe gegen Romain Rolland und Hermann Hesse publiziert hatte, schrieb deren Schriftstellerkollege und Freund Stefan Zweig empört: «Nach den unfairen, geistlosen und im schlechtesten Sinne plumpdeutschen Angriffen der ‹Freien Zeitung› auf Romain Rolland und Hermann Hesse halte ich ein Zusammenarbeiten mit allen, die jener politisch einseitig orientierten Gruppe angehören, für unmöglich.»

Adressiert war der Brief an den Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried, der mit seiner Zeitschrift «Friedens-Warte» in Bern Zuflucht vor der Zensur gefunden hatte und sich um eine Zusammenarbeit unter den Pazifisten bemühte. Er war dabei im Grunde ebenso erfolglos wie das ihm nahestehende Internationale Friedensbüro, das seinen Sitz in Bern hatte und durch interne Querelen weitgehend gelähmt war. Ein geplanter «Konvent der Intellektuellen» scheiterte 1918 an unüberwindlichen Gegensätzen unter den Kriegsgegnern.

Prominente Persönlichkeiten

Immerhin: Alfred Hermann Fried konnte seine pazifistischen Beiträge häufig in der NZZ publizieren, die damals ausgiebig Vertreter aller Kriegsparteien sowie Kriegsgegner zu Wort kommen liess und ein «Kampfplatz der Meinungen» war (wie der ehemalige «Bund»-Redaktor Gustav A. Lang in seiner gleichnamigen Dissertation 1968 festgestellt hat).

Und in Bern fand Fried auch einen Gesinnungsfreund im Schriftsteller René Schickele, der die Herausgabe der Zeitschrift «Die Weissen Blätter» wegen der Zensur in Deutschland ebenfalls in die Schweiz verlegt hatte. Schickele hatte trotz seiner kriegsfeindlichen Haltung Kontakte zur Kaiserlich-Deutschen Gesandtschaft in Bern, vor allem zum Kunstsammler und Diplomaten Harry Graf Kessler, der den Auftrag hatte, die deutsche Kulturpropaganda in der Schweiz zu organisieren und Friedensmöglichkeiten zu sondieren.

Kessler schrieb in seinem Tagebuch, die Fronten zwischen den verfeindeten Mächten seien im Hotel Bellevue «quer durch den Esssaal» verlaufen. Schickele (dessen 1918 in Bern entstandenes Drama «Am Glockenturm» dem Zytglogge den Titel verdankt) und Kessler wohnten beide im gleichen Haus an der Junkerngasse 19 und begegneten sich deshalb öfters.

Zu ihrem Umfeld in Bern gehörten zeitweise weitere prominente Persönlichkeiten aus Politik und Kultur: die Schriftstellerin Annette Kolb (die ihre Berner Erlebnisse im Roman «Zarastro» erzählte), der Verleger und Galerist Paul Cassirer mit seiner Frau, der Schauspielerin Tilla Durieux, der Architekt und Entwerfer Henry van de Velde und der zum Kriegsgegner gewordene ehemalige Krupp-Direktor Wilhelm Muehlon, der den Landsitz «Hofgut» in Gümligen erworben hatte, dort ein offenes Haus für Gäste aller Schattierungen führte und eine Zeitlang zum Beispiel Ernst Bloch finanziell unterstützte.

Diplomatisch-geheimdienstlich

Hermann Hesse kannte zwar Kolb, Schickele und Muehlon persönlich gut, spielte aber in diesem Kreis nach eigenem Bekunden keine Rolle und wird bezeichnenderweise auch in Kesslers detailreichem Tagebuch nicht erwähnt. Hermann Hesse habe «nur gesinnungsmässig dazugehört, aber nicht praktisch», bestätigte ein halbes Jahrhundert später der hochbetagte Ernst Bloch. Ball und Hesse lernten sich erstaunlicherweise überhaupt erst 1920 kennen, als beide ins Tessin übergesiedelt waren, wo sie enge Freunde wurden und Ball die erste Hesse-Biographie verfasste.

Für den Elsässer René Schickele und für Annette Kolb als Tochter eines Deutschen und einer Französin waren die Friedensbemühungen zwischen den beiden Kriegsparteien ein existenzielles Anliegen. Kein Wunder also, dass sie sich auch auf das diplomatisch-geheimdienstliche Parkett wagten. So arrangierte Annette Kolb am 3. Dezember 1916 im Hotel Bären in Bern ein Treffen zwischen Emile Haguenin, dem Leiter des französischen Pressebüros in Bern, und Harry Graf Kessler, mit René Schickele als Zeugen im Nebenzimmer. Die Rollen der Akteure waren damals nicht immer ganz klar, und viele Beteiligte spielten eine Doppelrolle.

Was Stefan Zweig am 20. April 1918 in einem Brief an Romain Rolland zur Bemerkung veranlasste: «Übrigens ist Bern eine Hölle. Alles ein einziger Wirrwarr; die Revolutionäre sind gleichzeitig noch Agenten ihrer Regierung, die Journalisten Spione, und die meisten Leute dort leben schon so lange dieses Doppelleben, dass sie nicht mehr wissen, welcher Idee sie mit ihrem Wesen eigentlich dienen. Die moralische Verderbtheit hat mich erschreckt.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.06.2014, 15:16 Uhr

«Bund»-Redaktor Hermann Stegemann.

Das «Bund»-Morgenblatt vom 31. August 1914 (vergrössern durch klicken).

Das «Bund»-Abendblatt vom 10. September 1914 (vergrössern durch klicken).

Das «Bund»-Abendblatt vom 16. Dezember 1914 (vergrössern durch klicken).

«Kriegsberichte und die aufklärenden Artikel zur Kriegslage»: So warb der «Bund» 2014 um Abonnenten.

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Der Autor

Thomas Feitknecht war von 1970 bis 1990 «Bund»-Redaktor (und vier Jahre Londoner Korrespondent), anschliessend von 1990 bis 2005 Leiter des Schweizerischen Literaturarchivs (SLA) der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern.

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