Kirchgänger demonstrieren – für den Erhalt einer lebendigen Kirche

Über tausend Menschen marschierten gestern 
durch Bern, um für ihre Kirche ein Zeichen zu setzen.

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Die Kirche macht Sinn – darin waren sich die gut tausend Menschen einig, die gestern in einer friedlichen Demonstration zum Rathaus marschierten, um sich bei der Politik Gehör zu verschaffen. Denn die bernische Landeskirche steht unter Druck: Einerseits muss sie bis 2019 schrittweise 27,5 Pfarrstellen abbauen, andererseits gelangt die Kirche in regelmässigen Abständen unter Beschuss, da der Kanton die Pfarrlöhne durch die ordentlichen kantonalen Steuern finanziert.

Die Organisatorinnen – vier reformierte Pfarrerinnen aus dem Oberaargau – wollten mit dem Marsch gegenüber der Kantonsregierung gestern ein Zeichen setzen und zeigen, dass die Kirche «­aktiv und lebendig» ist. Die Initiantinnen übergaben deshalb dem ­Kirchendirektor Christoph Neuhaus (SVP) und der Grossratspräsidentin Béatrice Struchen (SVP) 4000 Karten. Auf diesen hatten Kirchenmitglieder notiert, weshalb die Kirche für sie Sinn macht. Die meisten vor dem Rathaus verlesenen Botschaften gingen in Richtung Sinnstiftung, Zusammenhalt und Gemeinschaft sowie Orientierung im Alltag. Es sei wichtig zu wissen, dass die Kirche ganz viel leiste, was nicht gemessen und auch nicht mit Geld beziffert werden könne, so eine der Organisatorinnen.

Genau dies versucht der Kanton gegenwärtig jedoch zu tun. Er erstellt auf Ende Jahr einen Bericht, der das Verhältnis zwischen Staat und Kirche erläutern soll. Es gehe darum, die Leistungen der Kirche zu quantifizieren, so der Kirchendirektor Neuhaus. «Wir möchten wissen, was uns die Kirche kostet und was sie wert ist.»

Keine Zeit, trotz Todesfall

Für die gestern Anwesenden zumindest ist die Kirche wertvoll, weshalb sie auch die Sparvorgaben des Grossen Rats bedauern. Es handle sich zwar nicht um einen Protest gegen die Sparmassnahmen, so die Pfarrerin und Mitorganisatorin Sandra Kunz. Trotzdem macht sich der finanzielle Engpass an der Basis bemerkbar: Eine Pfarrerin beispielsweise beklagte, ihr fehle es immer mehr an Zeit für ihre Aufgaben: «Wenn jemand stirbt, möchte ich für die Angehörigen Zeit haben – da kann ich nicht mit dem Spardruck argumentieren.»

Ein anderer Mitmarschierender sorgt sich darüber, dass aufgrund von Fusionen von Kirchgemeinden das Vertrauensverhältnis zwischen Pfarrer und Gemeinde verloren gehen könnte. Wiederum andere betonen, dass die Kirche ausserhalb der Gottesdienste sehr viel leiste, was der Staat nie erbringen könnte.

Der Kanton in der ewigen Schuld

Im vom Regierungsrat erstellten Bericht soll ebenfalls erwogen werden, wie der Kanton zukünftig mit der Pfarrerbesoldung umgehen soll. Dass der Kanton jährlich rund 70 Millionen für die Pfarrer­löhne aufwendet, hat einen Grund: Vor zweihundert Jahren gingen die Kirchengüter in den Besitz des Kantons über. Dieser verpflichtete sich im Gegenzug, – auf «ewig»– , wie Neuhaus sagt, die Pfarrerlöhne zu berappen.

Deshalb sprachen viele der Anwesenden von einer Schuld, die der Kanton gegenüber der Kirche habe. Sie möchten deshalb den Kanton auch in Zukunft in der Verantwortung sehen. Unter Politikern jedoch formiert sich Widerstand, weil einigen von ihnen die Pfarrerbesoldung durch den Kanton ein Dorn im Auge ist.

Laut Kirchendirektor Neuhaus lautet die Frage nun, wie man mit dieser allfälligen Schuld umgehen will und ob man sich daraus lösen könne. Jedoch: «Eine Rückabwicklung des Inventars ist beinahe unmöglich, denn seit der Übergabe wurden kirchliche Gebäude verkauft, weshalb der Überblick fehlt.»

So oder so: Die Kirche wird uns noch lange beschäftigen – die einen im Alltag, die anderen in der Politik. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.09.2014, 15:49 Uhr)

Die Kirchengegner meinen es ernst

Staat und Kirche sollen im Kanton Bern vollständig getrennt werden. Weil die Anstrengungen auf dem Weg dazu jedoch zu wenig rasch Früchte tragen, will ­Franziska Schöni-Affolter, Präsidentin der GLP-Fraktion, mit Gleichgesinnten eine Volksinitiative lancieren («Bund» vom Freitag). Dabei ist die Idee, mit einer Initiative Druck zu machen, nicht neu: Bereits vor vier Jahren liebäugelten die Freidenker damit, liessen das Vorhaben aber fallen. Nur: Was änderte sich seither? «Damals wollte man vor allem die juristischen Personen von der Kirchensteuer entbinden», sagt Vorstandsmitglied Michael Köpfli.

Nach dem kürzlichen Nein zu einer Initiative in Zürich sehe man jedoch, dass dies schwierig zu kommunizieren sei. «Aufgrund der Debatte in den letzten Jahren sind wir überzeugt davon, dass das Unverständnis über die Bezahlung der Pfarrerlöhne durch den Kanton wächst», so Köpfli. Und der Stadtberner GLP-Politiker ergänzt: «Wenn der Staat Leistungen an die Kirche übergibt, etwa im sozialen Bereich, soll er nur über Leistungsverträge dafür bezahlen.» Werde eine Initiative lanciert, müsse diese jedoch breit abgestützt sein; Freidenker oder GLP allein schaffen das nicht.

Nebst Sympathien von Einzelpersonen haben die Kirchenkritiker bereits eine weitere Zusage: Mit Verweis auf das Parteiprogramm kündigt der Vizepräsident der Berner Piratenpartei auf Derbund.ch an, die Initiative zur Trennung von Staat und Kirche zu unterstützen. (sat)

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