Bern

Tierschützer nehmen Berner Schafzüchter ins Visier

Von Marc Lettau. Aktualisiert am 04.08.2011 4 Kommentare

Die Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg reagiert mit Unverständnis auf die Strafanzeige.

Die Schäflein und der Wolf: Eine Tierschutzorganisation wirft Berner Schafzüchtern vor, die Tiere wissentlich dem Wolf ausgeliefert zu haben.

Die Schäflein und der Wolf: Eine Tierschutzorganisation wirft Berner Schafzüchtern vor, die Tiere wissentlich dem Wolf ausgeliefert zu haben.
Bild: Adrian Moser

Schafscheid

Mit ihrer Strafanzeige gegen die Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg trifft der Verein Wildschutz Schweiz einen empfindlichen Nerv der Region am Fusse des Gantrisch.

Die Schafhaltung ist dort zwar kein bedeutender Landwirtschaftszweig mehr, aber ein identitätsstiftender.

So ist der alljährliche Schafscheid in Riffenmatt seit 1662 ein bedeutendes Volksfest. Die Herden der Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg werden dort «geschieden», also auf ihre Besitzer verteilt.

Der Schafscheid gilt sogar als Anwärter für die sich im Aufbau befindliche Unesco-Liste der lebendigen Traditionen. Sollte die Schafzuchtgenossenschaft künftig aber keine Schafe mehr sömmern, bliebe der Schafscheid wohl ohne Schafe.

Dass sich ein Verein namens Wildtierschutz Schweiz fürs Wohl des Wolfes einsetzt, ist ziemlich naheliegend. Doch der Verein betont momentan auch sein Mitgefühl fürs Schaf. In seiner gegen die Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg gerichteten Strafanzeige steht nämlich zunächst das Wohl des Schafes ganz im Vordergrund: Der Verein sagt, die Schafhalter hätten vorsätzlich Tierschutzbestimmungen verletzt.

Laut der dem «Bund» vorliegenden Strafanzeige wird der Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg Misshandlung der Tiere und deren «qualvolle Tötung durch Unterlassen» vorgeworfen. Verletzt worden seien die grundsätzlichen, im Tierschutzgesetz festgehaltenen Tierhalterpflichten, wonach Tierhalter für die Bedürfnisse ihrer Tiere in bestmöglicher Weise Rechnung zu tragen haben.

Es geht halt doch um den Wolf

Politische Brisanz kommt der Anzeige aber gleichwohl wegen des Wolfs zu. Letztlich wirft der Verein der Schafzuchtgenossenschaft nämlich vor, Schafe wissentlich dem Wolf ausgeliefert zu haben. Die Schafhalter hätten ihre Tiere unbehirtet auf dem Stierengrat (Gemeinde Boltigen) sömmern lassen, obwohl aus den Vorjahren die Gefahr bekannt war, dass Wölfe Teile der Herde reissen würden. Der zuständige Herdenschutzbeauftragte Ueli Pfister habe der Genossenschaft die Behirtung der Herde auch ausdrücklich nahegelegt. Dennoch «liessen die Schäfer die Schafe, in voller Kenntnis der Gefahren und trotz angebotener Unterstützung durch den Bund, völlig schutzlos».

Warum agieren Bündner in Bern?

Der vor anderthalb Jahren gegründete Verein Wildschutz Schweiz agiert vor allem im Kanton Graubünden, wo er sich in erster Linie den Jägern querlegt. Warum strengen die Bündner Aktivisten ausgerechnet im Bernbiet den juristischen Modellfall zum Herdenschutz an? Vereinspräsidentin Marion Theus sagt, der Verein agiere schweizweit und stelle dabei fest, dass die Akteure im Kanton Graubünden recht gut für die Schaf- und Wolfsthematik sensibilisiert seien. Das bernische Berggebiet sei im Vergleich dazu deutlich «beratungsresistenter». Dass der Verein ausgerechnet auf die Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg ziele, lasse sich erklären: Sie habe eine relativ grosse Herde zu betreuen und reagiere gleichzeitig «mit ziemlich bornierten, problematischen Argumenten» auf die bekannten Herausforderungen. Theis spielt damit auf Aussagen von Johann Kohler an, dem Präsidenten der Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg. Kohler stellte sich im Juli dieses Jahres dezidiert auf den Standpunkt: «Der Wolf ist das Problem und nicht unsere Schafe.» Ergo «muss der Wolf weg».

Schafe sind «in Topzustand»

Gestern unterstrich Kohler auf Anfrage seine Sichtweise zum Wolf: «Wenn dieses Tier nicht da wäre, wäre das Problem nicht da.» Verständnis für die Strafanzeige aus dem Bündnerland hat er keine, denn schliesslich gebe es kein Gesetz, das den Schafhaltern die Behirtung vorschreibe. Der Vorwurf der Vernachlässigung klingt in den Ohren Kohlers «lächerlich». Die Schafe der Genossenschaft seien «in Topzustand». Tatsache bleibt, dass auch heuer gemäss Kohler gut zwei Dutzend Schafe gerissen wurden: Drängt sich da nicht doch eine Verhaltensänderung auf? Johann Kohler kontert, man verkenne die konkrete Situation. Der Stierengrat sei mit über 100 Hektaren sehr gross und gleichzeitig unüberblickbar. Hier sei es auch mit Hunden schwierig, Herden zusammenzuhalten. Gleichzeitig sei die Alpsaison nur drei Monate kurz und eine Alphütte fehle: «Da finden sie keinen qualifizierten Hirten.» Vor allem aber verweist Kohler auf 48 Alpsommer ohne jegliche Probleme. Erst seit drei Jahren schlage der Wolf zu. Seine Hoffnung ist deshalb, «dass er einfach wieder verschwindet».

«Der Wolf wird kommen»

Marion Theus siehts ganz anders: «Der Wolf wird kommen, ob wir dies wollen oder nicht.» Sie ist mit dieser Einschätzung nicht alleine. Auch Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt und somit quasi oberster Wildhüter der Nation, sagte bereits wiederholt, die Zeit arbeite ohnehin für den Wolf. Abgesehen davon ist aber von Schnidrig und Theus kaum Gleichlautendes zu hören. Schnidrig setzt beim Herdenschutz auf den Einbezug der Betroffenen, will Kompromisse schmieden helfen und ist kein Freund juristischer Ausmarchungen rund um den Wolf.

Theus hingegen findet, damit weiche der Bund nur der Tatsache aus, dass er für einen effektiven, flächendeckenden Herdenschutz viel zu wenig Geld bereithalte. Sie findet es nicht länger hinnehmbar, das Schafhalter sogar dann Entschädigungen für gerissene Tiere erhalten, wenn sie ihre Herden nicht schützen. Ginge es nach ihr, müssten Schafhalter, die auf den Herdenschutz verzichten, von jeglichen Subventionen ausgeschlossen und mit einer Busse belegt werden. Ist das nicht zu rigoros? Keineswegs, findet die Bündnerin, denn je umfassender man das Thema anschaue, desto folgerichtiger sei konsequenter Herdenschutz: So sei auch die Gämsblindheit eine der Folgen falscher Schafhaltung. Die Gämsblindheit wird von Schafen auf Gämsen und Steinböcke übertragen. Diese erblinden und stürzen in den Felswänden zu Tode. (Der Bund)

Erstellt: 04.08.2011, 08:47 Uhr

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4 Kommentare

Üelu Schlüchter

04.08.2011, 12:38 Uhr
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Wie kann man nur so uneinsichtig sein und dem Wolf die Schuld zuweisen. Unsere Natur gehört allen Lebewesen, wer etwas züchten will, muss selber besorgt sein um die Sicherheiten dieser Zuchten. Oder geben die Zücheter die Tiere gratis ab? Der Wolf gehört zur Natur so wie auch der Bär. Der Mensch muss umdenken und sich der neuen (alten) Situation anpassen. Antworten


Jutta Maier

04.08.2011, 10:57 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Theus hat vollkommen recht. Schafhalter kümmern sich einen Dreck um ihre Tiere und schiessen in den felsen verstiegene Tiere einfach ab. Im Flachland gäbe es genügend ungenutzte Grünflächen, die Ziegen und Schafe müssen nicht in den Alpenraum gebracht werden. Antworten



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