Bern

Studentenschaft steckt in der Krise

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 02.12.2011 12 Kommentare

Der Widerstand gegen höhere Semestergebühren war flau, die geplante Studibar kommt nicht vom Fleck, und die Studentenzeitschrift «Unikum» wird zur Hälfte für den Müll produziert.

Bild: Orlando

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Sie haben zwar Unterschriften gesammelt, eine Medienkonferenz organisiert und vor dem Rathaus Studentenfutter verteilt. Der Protest gegen höhere Studiengebühren blieb aber flau. Von einem Aufschrei der Basis war nichts zu hören. Es zogen weder wütende Studentenmassen durch die Innenstadt, noch wurden Hörsäle blockiert. Was ist passiert mit den Studentinnen und Studenten? Vertrauen sie neuerdings eher auf die Kraft der sachlichen Argumente denn auf den Druck der Strasse? Sind sie satt und träge geworden ob all der Mitbestimmungsrechte, die frühere Generationen erkämpft haben? Oder stehen sie so unter «Bologna»-Druck, dass sie gar keine Zeit mehr finden, um sich anderweitig zu engagieren?

Wie auch immer. Die organisierte Studierendenschaft der Uni Bern steckt offenbar in einer Krise, wie mehrere aktuelle Vorkommnisse zeigen:

•Semestergebühren: Vergangene Woche hat eine Handvoll Studierender vor dem Rathaus eine Petition mit 5144 Unterschriften gegen die Erhöhung der Semestergebühren eingereicht. So viel sind das nicht, denn an der Uni Bern, der Berner Fachhochschule und an der Pädagogischen Hochschule sind 20'000 Studierende direkt von der Massnahme betroffen. Um die Petition zu unterschreiben, waren lediglich ein paar Klicks im Internet nötig. Clau Dermont, Vorstandsmitglied und Sprecher der StudentInnenschaft der Universität Bern (SUB), interpretiert das Sammelresultat dennoch als «klares Protestzeichen» der Studierenden. Er stellt aber auch fest, dass es mit der Solidarität unter den Studierenden nicht mehr so weit her ist: «Einen Teil der Studierenden kümmern die 150 Franken mehr pro Semester kaum.» Im Oktober war Dermont noch deutlicher geworden: «Ich bin grundsätzlich von der tiefen Beteiligung negativ überrascht», sagte er an einer Sitzung des StudentInnenrats über die Organisation des Widerstands.

•«Unikum»: Die Zeitschrift der Berner Studierenden erscheint sechs Mal jährlich in einer Auflage von 10'000 Exemplaren. Gut die Hälfte muss jedoch regelmässig eingestampft werden, weil niemand die Hefte verteilen will. Laut einer Statistik, die dem «Bund» vorliegt, wurden an der Uni teilweise nur knapp 3300 Hefte verteilt – bei insgesamt über 15'000 Studierenden. Eine Halbierung der Auflage kommt für die SUB nicht infrage. Das Heft sei sonst für Werbekunden nicht mehr attraktiv, so die eigenartige Begründung.

Eine Mitarbeit in der «Unikum»-Redaktion scheint zwar immer noch attraktiv – sie wird mit 25 Franken pro Stunde entlöhnt. Für das Verteilen fühlt sich das Team aber offenbar nicht zuständig. Als Massnahme gegen die Misere schlug die Redaktion vor, zusätzlich Verteilpersonal anzustellen – ebenfalls für 25 Franken pro Stunde. Ehrenamtlich lasse sich niemand rekrutieren. Der Vorstand der Studierendenschaft pochte jedoch auf mehr Engagement der studentischen Redaktion: «Es ist stossend, dass von einigen Redaktionsmitgliedern so wenig Motivation kommt», hielt er gegenüber dem StudentInnenrat fest. Letzte Woche tagte der Rat zu diesem Thema und beschloss: Es bleibt alles beim Alten. Clau Dermont vom SUB-Vorstand will dazu öffentlich nichts mehr sagen.

•Studibar: Schon seit drei Jahren versucht die StudentInnenschaft, die Idee einer eigenen Bar in die Tat umzusetzen. Während zweier Jahre war gar ein Koordinator mit einem 20-Prozent-Pensum dafür angestellt. Diesen Sommer bot sich den Studierenden am Falkenplatz 24 eine einmalige Gelegenheit. Die Berner Fachhochschule bot ihnen praktisch gratis den Raum im Parterre, wo einst das «Soz-Café» untergebracht war, für eine gemeinsame Bar der Uni- und der Fachhochschulstudierenden an. Aus der Eröffnung im November wurde aber nichts. Die Studierenden merkten plötzlich, dass für die Umnutzung eine Baubewilligung nötig ist. Ausserdem wurde endlich ein Businessplan ausgearbeitet, der selbst in der optimistischen Variante ein Defizit vorsah. Auch die öffentliche Studibar sollte nicht etwa von Freiwilligen, sondern von entlöhntem Personal betrieben werden.

Vergangene Woche hat der StudentInnenrat mit Stichentscheid beschlossen, dem Projekt eine Gnadenfrist zu gewähren. Bis Ende Jahr müssen alle offenen Fragen bezüglich Raum und Trägerschaft geklärt sein. Gelingt dies, soll im Herbst 2012 Eröffnung gefeiert werden. Wenn nicht, wird das Projekt beerdigt, das einst zum «Aushängeschild der SUB» hätte werden sollen.

Weitere Beispiele für das Malaise der organisierten Studierendenschaft lassen sich problemlos finden. So schwänzen oft so viele Studierendenratsmitglieder die Sitzungen, dass das Gremium höchstens knapp beschlussfähig ist. An den Wahlen in den Rat beteiligten sich im letzten Jahr zudem trotz einfachem E-Voting lediglich 17 Prozent der Studierenden. Schliesslich wird es auch immer schwieriger, Studierendenvertreter für die zahlreichen Instituts- und Fakultätsgremien zu finden.

Lange Lohnliste

Dem schwindenden Interesse der Studierenden steht eine beeindruckende Organisation gegenüber. Die SUB verfügt jährlich über rund 700'000 Franken. Alle Studierenden liefern pro Semester 21 Franken ab – ausser sie bemühen sich aktiv um einen Austritt aus der SUB. Auf der Lohnliste der Organisation stehen 40 Personen – Sekretariatsmitarbeiter, «Unikum»-Redaktoren oder Vorstandsmitglieder. Vor zwei Jahren hatte SVP-Grossrat Thomas Fuchs an diesem sanft gebetteten Verein gerüttelt und verlangt, dass nur noch Mitglied werde, wer dies explizit wünsche. Ein Aufschrei der Studierenden war auch damals ausgeblieben. Trotzdem liess das Parlament Fuchs schliesslich im Regen stehen, nachdem es seine Forderung zunächst unterstützt hatte.

Doch hatte Thomas Fuchs am Ende doch recht? Er behauptete: «Diese Organisation interessiert doch niemanden, ausser jene, die eine Wohnungs- oder Jobbörse brauchen.» Gibt es innerhalb der Studierenden überhaupt noch selbstloses Engagement für eine gemeinsame Sache, oder ist die SUB nur noch wegen ihrer Dienstleistungen und als Anbieterin bezahlter Nebenjobs interessant? «Eine gewisse Gleichgültigkeit ist schon spürbar», sagt SUB-Vorstand Dermont. Bei den heutigen Studierenden beschränke sich das Engagement teilweise auf das Anklicken von «Gefällt mir»-Buttons. Dermont relativiert jedoch: Unter dem gleichen gesellschaftlichen Phänomen litten auch andere Vereine. Bei den Studierenden müsse man zudem ein gewisses Verständnis aufbringen, dass sie sich nicht mehr so stark engagieren wie frühere Generationen: «Sie stehen unter enormem ökonomischem Druck und seit der Bologna-Reform auch unter Zeitdruck.» Die erhöhten Studiengebühren verstärken diesen Druck nun noch leicht. (Der Bund)

Erstellt: 02.12.2011, 06:51 Uhr

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12 Kommentare

Jutta Maier

02.12.2011, 10:29 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Ich bin froh, muss ich nicht mehr studieren. Kommilitonen zu mobilisieren, war schon vor 20 Jahren schwierig. Seit Bologna ist der Zeitdruck dermassen gestiegen, dass auch Nebenjobs nicht mehr drin liegen. D.h. Werkstudenten gibt es kaum noch, und deshalb stören auch die 300.- zusätzlich im Jahr nicht mehr gross: Studieren ist nur noch was für Reiche und solche, die sich verschulden, à la USA. Antworten


René Müller

02.12.2011, 22:57 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es wäre zu überlegen, ob das "Studieren" nach Bologna das Richtige ist. Sie gehen zur Schule, machen Schule bis zur Matura, gehen zur Schule bis das "Studium" abgeschlossen ist. Bekommen einen "guten Job" mit "Studienwissen", gehen oft unter, oder wechseln zur nächsten Firma. Es sollte nur Werkstudent/innen geben. Habe früher nur Werkstudenten eingestellt. Die waren belastbarer, vielseitiger. Antworten



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