Strom vom Wildbach statt aus AKW
Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 01.04.2011 3 Kommentare
Interaktiv
Kommentar: Mehr Klarheit bei der Wasserkraft
SVP und BDP versuchten es gestern mit einem Winkelzug im Grossen Rat und gaben sich plötzlich als Aussteiger aus der Atomenergie. Nach der nuklearen Katastrophe in Japan müssten die Schweizer AKW vielleicht bald vom Netz gehen, und deshalb sollte der Kanton der Wasserkraft zu einer Erfolgswelle verhelfen, so der Tenor. Allerdings wollten die Bürgerlichen hernach eine Strategie kippen, mit deren Hilfe jährlich einige Hundert Gigawattstunden an zusätzlichem Strom aus Wasserkraft möglich wären. Die Begründung für ihre Ablehnung: Es brauche noch ehrgeizigere Ziele. Deshalb das ganze Vorhaben abzuschiessen, ist indes unlogisch – zumal der Kanton keine Obergrenze bei der Stromproduktion vorschreibt. Nur die FDP wirkt nach Fukushima in Energiefragen einigermassen kohärent.
Den Stimmen der Freisinnigen ist es denn auch zu verdanken, dass Bern nun über eine vom Parlament abgesegnete Karte verfügt, die zeigt, wo Wasserkraft erwünscht ist und wo nicht. Damit werden freilich auch in Zukunft einige Projekte heiss umstritten vor Gericht enden. Aber wenigstens weiss man nun, über welche Gewässer gar nicht mehr diskutiert werden muss. Diese klarere Ausgangslage hilft, den Ruf der Wasserkraft wiederherzustellen – er hat unter dem durch Subventionen ausgelösten Boom gelitten. Auch nach Japan muss nicht jeder Wildbach verbaut werden. Die kleinen Wasserkraftwerke werden nie eine tragende Rolle spielen, sondern immer nur eine Ergänzung darstellen. Sie machen im Bernbiet zwar 80 Prozent aller Anlagen aus, produzieren aber nur einen Bruchteil des Stroms. Umso wichtiger ist es, die Leistung bestehender Werke zu steigern. Und entschieden auf einen Mix aus erneuerbaren Energien und effizienter Energienutzung zu setzen.
Sarah Nowotny
Die nukleare Katastrophe im japanischen Fukushima schlägt auch im Kanton Bern Wellen. Der Grosse Rat forderte gestern mehr Wasserkraft für den Fall, dass das Atomkraftwerk in Mühleberg abgeschaltet werden muss. Bauen wird der Kanton freilich keine Anlagen. Aber die Wünsche des Parlaments könnten Auswirkungen haben auf die neue Karte, die nach erbitterten Streitereien zwischen Energiekonzernen, Umweltschützern, Fischern und Touristikern erstmals zeigt, welche Gewässer für die Stromgewinnung angezapft werden dürften und welche tabu sind (siehe rechts). Vorläufig waren 89 Grossräte mit ihr und der dazugehörigen Strategie einverstanden, 44 sagten Nein. Hintergrund der neuen Regeln für den Umgang mit Wasser – «unserem vielleicht kostbarsten Gut», wie Baudirektorin Barbara Egger-Jenzer (SP) sagte – sind allerdings nicht die Geschehnisse in Japan.
Seit der Bund vor zwei Jahren begann, Strom aus erneuerbaren Energien zu subventionieren, sind unverbaute Wildbäche im wahrsten Sinne des Wortes potenzielle Geldquellen. Gleichzeitig werden immer zahlreichere Skipisten beschneit, und die Industrie braucht mehr Kühlwasser. Auch in der Landwirtschaft steigt laut dem Kanton der Wasserbedarf.
Verbindlich nur für Behörden
Deshalb will sich Bern von nun an bei seinen 12 600 Kilometern an Fliessgewässerstrecken unter anderem an folgende Grundsätze halten – und damit den haushälterischen Umgang mit Wasser fördern:
• Bis spätestens 2035 ist bei der Stromproduktion aus Wasserkraft eine jährliche Erhöhung um mindestens 300 Gigawattstunden geplant. Zum Vergleich: Das AKW Mühleberg produziert pro Jahr etwa 3000 Gigawattstunden. Allerdings müssen dieses Ziel und möglicherweise die Karte mit den Ampel-Farben auf Wunsch des Grossen Rats bis Ende 2012 aktualisiert werden, sodass 500 Gigawattstunden erreicht werden können. Laut dem kantonalen Amt für Wasser und Abfall lässt sich im Moment nicht sagen, wo die Obergrenze bei der aktuellen Karte liegt. Es ist aber offenbar nicht ausgeschlossen, dass bereits 500 Gigawattstunden möglich sind.
• Die Beschneiung ist nun letzte Priorität bei der Nutzung von Wasser. Kunstschnee darf nur dann hergestellt werden, wenn gezeigt werden kann, dass seine Produktion ökologisch vertretbar ist. Für Beschneiungsanlagen soll Wasser in Speicherseen und Reservoirs gespeichert werden.
• In der Landwirtschaft müssen die Nutzung von Grundwasser und die Speicherung von Regenwasser stärker berücksichtigt werden.
Die Annahme der Strategie bedeutet auch die Aufhebung des 2009 von Egger verhängten Moratoriums für kleine Wasserkraftwerke. «Denn mit ihr und der Karte haben wir die dringend benötigten Planungsgrundlagen», sagte die Regierungsrätin. Dass es dazu kommen würde, war zu Beginn der Parlamentsdebatte alles andere als klar. «Seit Japan haben wir neue Vorzeichen. Bei Atomstrom besteht ein Restrisiko», sagte Hans Rösti (Kandersteg) – als SVP-Grossrat Mitglied einer AKW-freundlichen Partei.
Vor diesem Hintergrund seien zu viele Gewässer auf der Karte rot oder orange eingezeichnet und damit nicht oder kaum nutzbar für die Stromgewinnung. «Darum lehnen wir die Strategie ab.» Dieser Argumentation schlossen sich BDP und EDU an. «Ohne Strategie bleibt das Moratorium bei den Wasserkraftwerken bestehen», warnte EVP-Grossrat Hans Kipfer (Thun). «Wenn uns etwas an der Wasserkraft liegt, können wir das Papier nicht zurückweisen», sagte FDP-Grossrat Peter Sommer (Wynigen). «Jedes Gewässer, das länger als 500 Meter ist, wurde angeschaut. Alle Interessengruppen haben mitgewirkt und sind Kompromisse eingegangen», sagte Markus Meyer (SP, Langenthal), Präsident der bernischen Fischer. Eine Rückweisung bewirke eine totale Blockade. «Die Umweltverbände würden sich in diesem Fall weiterhin vor Gericht gegen Wasserkraftwerke wehren.» Karte und Strategie sorgten für Rechtssicherheit, sagte Rita Haudenschild (Köniz) im Namen der Grünen. Die Rückweisung wurde mit 80 zu 68 Stimmen abgelehnt.
Damit verfügt Bern nun über ein Papier, das für die kantonale Verwaltung verbindlich ist – nicht mehr und nicht weniger. Wer gegen ein bestimmtes Projekt Einsprache erheben will, kann das weiterhin tun. So weit könnte es etwa bei den Trümmelbachfällen im Lauterbrunnental oder beim Laubeggfall im Simmental kommen – beiden Gewässern fehlt auf der Karte das Prädikat schützenswert, bei beiden wehren sich Umweltschützer gegen eine Nutzung. «Japan hat unsere Haltung nicht grundlegend verändert», sagte Jan Ryser von Pro Natura auf Anfrage – sein Verband hatte die Karte in der Vernehmlassung verrissen. «Es muss Grenzen geben bei der Nutzung von Gewässern, zumal wir mit kleinen Wasserkraftwerken unser Energieproblem nicht lösen können.» (Der Bund)
Erstellt: 01.04.2011, 12:31 Uhr
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3 Kommentare
Von Atomkraftkritikern die lauthals die Abschaltung der Schweizer AKW verlangen wäre nun auch ein Umdenken gefragt. Nur leider lässt sich ein solches nicht feststellen. Mehr Winkraft, mehr Solarenergie, mehr Wasserkraft, mehr Naturschutz, mehr Landschaftsschutz, Denkmalpflege nicht vergessen und und und ... Antworten
Alle wollen elektrische Energie, Keiner will mehr den Strom aus Kernkraftwerken und bei allen anderen Arten der Stromproduktion haben immer die Selben etwas dagegen - soll der Strom rationiert werden? soll er so teuer werden, dass nur noch Wenige ihn sich leisten können? Wohl beide Varianten nicht im Sinne der Linken und Grünen Vertreter und Verteterinnen - also macht dieses Papier verbindlich Antworten
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