Strassenkunst mit Klebehaftung

Das «Kleistern», bei dem Plakate an städtische Fassaden geklebt werden, erfreut sich zunehmender Beliebtheit unter Künstlern. Trotzdem: «Es gibt noch zu viele leere Wände», sagt einer von ihnen.

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Einmal musste er wirklich rennen. Vor der Polizei weg, das ganze Equipment zurücklassen bei einer vielversprechenden Wand. Damals war er allerdings in Zürich unterwegs, zusammen mit anderen Urban-Art-Künstlern, und er wollte schlicht kein Risiko eingehen. In Bern aber ist ihm ähnliches noch nie passiert. Dafür muss er in Kauf nehmen, dass das Wetter oder die städtischen Putzequipen seinem Werk zu Leibe rücken.

Paste-Ups, so heissen die aufgekleisterten Plakate, tauchen in Bern derzeit nicht nur am Mani-Matter-Stutz auf. An allen Ecken und Enden der Stadt schmücken sie Hausfassaden: Da schleicht sich ein Fuchs Richtung Viktoriaplatz, spielt ein Saxofonist an der Unitobler auf, blickt ein kleiner Junge stolz von der Backsteinwand im Progr-Innenhof herunter.

«Die Szene ist in den letzten Monaten viel dynamischer geworden», sagt Stine Meyer, die vor zwei Jahren die Facebook-Gruppe StreetArt Bern gegründet hat. Die Mitglieder der Gruppe lichten mit ihren Handykameras und Fotoapparaten auffällige Kunstwerke im öffentlichen Raum ab und laden die Fotos auf die Seite. Hunderte Fotos von Graffitis, Paste-Ups und Stickern hat die Galerie zu bieten. «Auf den Strassen gibt es nicht nur Stickers und Kleister», monierte ein Mitglied kürzlich die fast schon stiefmütterliche Behandlung des herkömmlichen gesprayten Graffitis auf der Seite.

Ein Vergehen wie Wildplakatieren

Anstatt sich mit der Spraydose an Hausfassaden zu schaffen zu machen und dabei Gefahr zu laufen, erwischt zu werden, geschieht beim Paste-Up der zeitraubende Teil der Arbeit im Atelier. Einmal vorbereitet, ist das Plakat fix an die Wand geklebt. Der Street-Art-Künstler bewegt sich in einer Grauzone – am ehesten begeht er eine Ordnungwidrigkeit im Rahmen des Wilplakatierens, was eine Busse nach sich ziehen kann: «Eine Person, die in flagranti beim unerlaubten Anbringen von Plakaten ertappt wird, muss seine Personalien angeben», so Andreas Hofmann, Mediensprecher der Kantonspolizei.

Deponiere der betroffene Liegenschaftseigentümer jedoch einen Strafantrag, müsse die Person mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung oder Verstoss gegen das Reklamereglement der Stadt Bern rechnen. Da sich der wasserlösliche Kleister aber meist ohne Rückstände entfernen lässt, dürfte es in den meisten Fällen schwer sein, eine Sachbeschädigung nachzuweisen.

Anonym bleiben

Trotzdem will er anonym bleiben, der Künstler, der seit eineinhalb Jahren die Wände Berns mit seinen Werken versieht. Nicht einmal sein Pseudonym will er in der Zeitung lesen, auch wenn es unter Street-Art-Liebhabern längst ein offenes Geheimnis ist, wer hinter den mittel- bis grossformatigen Schablonenbildern steht. Seine Sujets reichen von sozialkritisch bis augenzwinkernd, zeigen mal einen vom System geknechteten Sträfling, mal ein Baby mit gestreckten Mittelfingern.

Zwischen der Idee zum Sujet und dem fertigen Plakat steht die Schablone, das Negativ des Bildes. Mit dem Cutter schnitzt er die filigranen Umrisse und Schattierungen ins Bild, um sie später mit der Spraydose auf die Unterlage zu bannen. Er kommt nicht aus der Sprayerszene, ist aber mit der Hip-Hop-Kultur gross geworden. Seine kreative Ader lebte er bereits beruflich aus – im «grafischen Bereich». «Die Fusion der beiden Elemente brachte mich zur Street Art. Es war eine logische Entwicklung», sagt er.

Auch am helllichten Tag

«Das Paste-Up soll eine Allianz mit der Umgebung eingehen», sagt der Künstler. Ist das Bild von Wind und Wetter geschützt, kann es problemlos mehrere Monate intakt bleiben. Mit seinen Bildern will er die Passanten zum Schmunzeln bringen, nicht zur Weissglut treiben. Dass er nicht den Geschmack aller Passanten trifft, liegt auf der Hand. An die 50 Bilder, schätzt er, würden in der Stadt von ihm noch hängen, wenn keins weggemacht worden oder dem Wetter zum Opfer gefallen wäre.

Hat der Künstler in seinem Atelier wieder eine Handvoll Plakate auf Lager, geht er auf Tour. Anders als die meisten Sprayer ist er nicht auf die Nacht angewiesen. «Am helllichten Tag habe ich mindestens schon so viele Bilder geklebt wie in der Nacht», sagt er. «Am Tag machst du dich mitunter fast weniger verdächtig, je nach Wand, die du dir aussuchst». Mit der fertigen Kleistermischung, einem Kübel und einer Bürste ausgestattet, geht er auf die Suche nach geeigneten Wänden. Eine gute Wand ist leicht porös, das Poster haftet dann besser. Zwei, drei kleistergetränkte Bürstenstriche später hängt es an der Wand.

Die Stadt ist die Leinwand

Dass eines seiner Bilder von einem anderen Strassenkünstler überklebt wird, geschieht kaum je. Einen Konkurrenzkampf, ähnlich dem in der Sprayerszene, stellt der Mann nicht fest. Eher schliessen sich zwei Künstler zusammen, um gemeinsam Wände zu bespielen.

Gute Beziehungen unterhält der Berner Street-Art-Künstler mit Zürchern und Baslern, die Paste-Up-Szene dort ist älter und eingespielter. In Bern seien derzeit etwa drei bis vier wirklich aktive Künstler am Werk, das erkenne man am Stil. Wer den Mani Matter gemalt hat, weiss er allerdings nicht – auch wenn er eine Vermutung hegt. In Bern sei einiges am Laufen im Moment. «Doch es hat noch Raum für weitere Künstler», sagt er. «Es gibt noch zu viele leere Wände».

(DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.04.2012, 14:43 Uhr)

Die Stadt macht keinen Unterschied

Mit welchen Mitteln ihre Schulhäuser und Verwaltungsgebäude verschönert oder verunstaltet werden, ob mit Spray oder aufgeklebtem Packpapier, macht für die Stadtbauten keinen Unterschied. «Wenn ohne Einwilligung des Eigentümers etwas an der Fassade verändert wird, gehen wir von Vandalismus aus», sagt René Tschanz, Geschäftsbereichsleiter des Immobilienmanagements der Berner Stadtbauten.Das Bild wird nicht nur entfernt, sondern auch der Polizei gemeldet. Das Kleistern nennt er ein «relativ neues Phänomen», dafür hätten grossflächige Graffitis abgenommen.

Auch bei der Tiefbaudirektion macht man grundsätzlich keine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Formen der Urban Art: Sobald ein Graffiti oder ein illegales Wandplakat gemeldet wird, wird es weggemacht. Je besser das Bild also mit seiner Umgebung verschmilzt, je weniger es als Fremdkörper auffällt, umso besser stehen die Chancen, dass es hängen bleibt.

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