Bern

Strasse ohne Trottoir

Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 29.09.2011 1 Kommentar

Zwölf Kilometer lang ist die Freiburgstrasse. Sie führt von der Stadt aufs Land. Es ist keine schöne Strasse, aber eine spannende. Ein Spaziergang von Bern bis Flamatt – und der Beginn einer Serie.

1/6 Die Freiburgstrasse als Hauptverbindung zwischen Stadt und Land.
Bild: Adrian Moser

   

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Montagmorgen, es ist Herbst geworden. Eine Menschentraube verlässt den Inselbus, drei gehen an Krücken, einer trägt einen stechenden Blick und fragt die Vorbeigehenden nach Zigaretten – und einer hat was vor. Ich will der Freiburgstrasse entlanglaufen, vom Anfang bis zum Ende – von der Inselspital-Kreuzung, wo die Freiburgstrasse aus der Laupenstrasse entspringt, bis nach Flamatt, wo hinter der Sense der Kanton Freiburg liegt. Jede Strasse hat etwas, was man Seele nennen könnte. Dieses Etwas versuche ich auf den nächsten zwölf Kilometern einzufangen, zu Fuss.

Was an der Freiburgstrasse gleich auffällt: dass sie kaum auffällt. Beginnt sie doch verstohlen und unbemerkt. Anders etwa als die Murtenstrasse, die von derselben Kreuzung stolz und vierspurig abgeht. Fragt man die Leute, wo die Freiburgstrasse ihren Anfang nimmt, sind manche unsicher, manche irren sich. Ihre wahre Grösse offenbart die Freiburgstrasse erst in Ausserholligen, kurz vor der Autobahnunterführung, wo sie sich zur Hauptstrasse und zur grossen Verbindungsachse Richtung Westen mausert.

Die Insel als Stadt in der Stadt

Durchwandert man den Inselspital-Komplex, wird der Grund für den unbemerkten Auftakt der Freiburgstrasse augenscheinlich: Die ganze Aufmerksamkeit fällt nämlich diesem weitläufigen, undurchschaubaren Konvolut aus 130 Jahren Baugeschichte zu; die Insel ist eine Stadt in der Stadt. Hier wird geboren und gestorben auf wenigen Quadratmetern. Die Insel ist ein Quartier für sich, mit eigener Postleitzahl. Es ist auch der lebendigste Teil der Freiburgstrasse, wie sich später noch weisen wird, im Minutentakt schüttet der Bus neue Besucher aufs Trottoir und saugt sich wieder auf mit den Wartenden der Insel-Haltestation.

Schon am Kreisel hinter dem Inselspital, wo die Freiburgstrasse einen seltsamen Knick macht, ist das Gewusel auf dem Gehsteig zu Ende. An diesem Montagmorgen, an dem der Regen immer stärker wird, ist wenig los. Ein kleiner Bub im Regentenü und seine Mutter, die einem Bagger zuschauen. Ein Mitarbeiter von Jasijanantha Reisen, der gerade sein Auto zuschliesst. Die einzigen Menschen, die mir auf mehreren Hundert Meter begegnen. Die Freiburgstrasse erinnert bald an ein Zitat des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa, eines passionierten Flaneurs, der auf seinen Notizzettel kritzelte: «Eine menschenleere Strasse ist nicht etwa eine Strasse, auf der niemand geht, sondern eine Strasse, auf der Menschen gehen, als wäre sie menschenleer.» In der Jackentasche stosse ich überraschend auf ein angebrochenes Kaugummi-Päckchen – ich bin froh um etwas Unterhaltung. Zwei bis drei Stunden wird die Wanderung wohl dauern. Nachdem die Freiburgstrasse den Autobahnviadukt in Ausserholligen unterquert hat, nimmt sie den Charakter an, den man ihr zuschreibt. Eine Strasse mit viel Industrie und Autogewerbe, grau und hässlich. Nur noch das Wetter überbietet die Trostlosigkeit: Es schüttet jetzt aus Kübeln.

Ascom und Swiss Oil

Nach der Sportanlage Bodenweid, wo ein Lehrer alle Vorurteile von wegen Kuschelpädagogik widerlegt und seine Schüler durch den Regen rennen lässt, folgt ein gut gesichertes Gebäude. Es beherbergt ein trauriges Kapitel Berner Industriegeschichte. Es handelt sich um die letzte Division der Ascom in Bern – auch die Abteilung Security Communications soll nun verkauft werden, wie die Leitung im letzten Monat mitteilte. 25 Mitarbeiter verbleiben künftig noch in der Bundesstadt, vor 24 Jahren zählte die einst so stolze Ascom hier noch 6000 Arbeitsplätze. Ob so viel Vergänglichkeit muss ich einen zweiten Kaugummi aus der Hosentasche klauben.

Bei der ersten von unzähligen Tankstellen hängt ein interessantes Poster einer mir bislang unbekannten Ölmarke: Midland Swiss Oil. Da reiten vor dem geistigen Auge Cowboys durch Niederbipp. Einige Schritte weiter: Bala Auto Service, der mit einem Jesus-Helgen um Kunden wirbt. Zwischen Ausserholligen und Niederwangen ist die Freiburgstrasse ohnehin eine Automeile. Hier gibt es grosse Markenvertreter, LKW-Mechaniker, Hinterhof-Grümscheler, Occasion-Händler mit unterschiedlichen Migrationshintergründen. Unter den unzähligen Schriftzügen und Firmenlogos sticht ein Wort ins Auge, das mir bislang leider noch nie begegnet ist: Einspritzausrüstung.

Beim Bahnhof Bümpliz-Süd findet sich das vielleicht einzige besetzte Haus an der Freiburgstrasse. Eine versprayte Lotterbude. Interessanter: Ansonsten ist die Geranium-Dichte hier unerwartet hoch. Die Häuser liegen zwar zwischen Eisenbahnstrecke und viel befahrener Hauptstrasse – aber wahrscheinlich gerade deswegen richten die Anwohner sich hinter Thuja-Hecken ihre kleinen, aufwendig gepflegten Paradiese ein.

Verwischte Grenzen

Auf die Frage, wo die Stadt endet, stellte im «Bund» der Kornhausforum-Leiter Bernhard Giger fest, der dem Thema eine Ausstellung widmete: «Die Stadt endet heute weit ausserhalb der politischen Grenzen.» Das zeigt sich an der Freiburgstrasse deutlich: Die Grenze zwischen der Stadt Bern und Niederwangen (Gemeinde Köniz) ist nur auf dem Papier erkennbar. Und am Ortsschild, das zwischen Nummer 510 und 512 liegt. Die Welt dahinter und davor ist dieselbe: Einfamilienhäuser, Kleingewerbe und Läden, die für die Zukunft etwas Hoffnung gebrauchen können. Etwa Modellbau Hope, mit den vergilbten Ausstellungsmodellen im Schaufenster.

In Niederwangen verpasse ich leichtfertig erste Verpflegungsmöglichkeiten. Das Wetter ist nicht besser geworden. Erst in solchen Momenten bringt man der Erfindung der Regenhose die Wertschätzung entgegen, die sie verdient hätte.

Wie erkennt man, dass in einer Firma der Feierabend stets gemeinsam begangen wird? Die Metallveredelung Liechti (Nr. 540) hat die Antwort: wenn die Autos der Angestellten in einer Seitengasse parkiert sind und nur kollektiv herausgefahren werden können.

Kühe und SVP-Plakate

Gefühlt endet die Stadt hinter Niederwangen. Hier verliert die Freiburgstrasse nämlich ihr Trottoir. Auf dem ersten Stück Kulturland stehen die erste Kuh und das erste SVP-Wahlplakat. Ein harter Bruch nach dem industriell-urbanen Niederwangen. Für den Regenflaneur beginnt eine gefährliche Phase. Nun rauschen die Autos mit achtzig Sachen vorbei. In der Wiese zu laufen, ist keine Alternative: Turnschuhe mögen kein nasses Gras.

Auf der Strecke nach Oberwangen trifft man auf Gebäude, die Biberburgen ähneln. Die Eingänge der Biber finden sich unter Wasser und sind nur tauchend zu erreichen. Zu diesen Häusern hingegen kommt man nur per Automobil. Es sei denn, man läuft am Strassenrand und wird von den vorbeifahrenden Lenkern wie ein Velofahrer auf der Autobahn angestarrt – oder wie ein Geisteskranker auf der Kurve. Hoffentlich werde ich in den Verkehrsmeldungen auf DRS 1 nicht erwähnt. Kaugummi Nummer vier.

Oberwangen empfängt die Besucher mit einem Friedhof. Etwas erschüttert nehme ich zur Kenntnis, dass die Freiburgstrasse auch in Oberwangen keinen Gehsteig hat. Gibt es hier denn keine Schulkinder? Hinter Oberwangen zum ersten Mal ein Anschein von wahrhafter Natur: Vier Graureiher landen auf einem Feld neben der Autobahn.

Poesie des Strassenrandes

Als Wandler auf einem grauen Strich durch fettes, grünes Kulturland wird der Blick geschärft für die Poesie des Strassenrandes. Da etwa, die Red-Bull-Dose im Feld, was erzählt sie für eine Geschichte? Oder das Beauty-Messe-Plakat, das vor der monströsen Karl Kaufmann Recycling AG einen ziemlich subversiven Eindruck macht. Oder der überfahrene Feuersalamander, grosses Drama im Kleinen. Die Öde erhält etwas Hypnotisches, wenn man sich auf sie einlässt, denke ich, als ich mir den fünften Kaugummi zuführe, um meine unbändige Lust auf einen Kaffee zu unterdrücken. Das Restaurant bei der Station Thörishaus hat leider Betriebsferien. Immerhin lässt der Regen nach.

Endlich, wieder ein Trottoir in Thörishaus. Mir kommt der erste Fussgänger seit Ausserholligen entgegen. Ein Pensionär, der seinen Hund Gassi führt. Wir beäugen uns misstrauisch. Als ob man sich verdächtig macht, wenn man auf dieser Strasse spazieren geht. «Eine Strasse, auf der Menschen gehen, als wäre sie menschenleer.»

Ich brauche jetzt wirklich Kaffee. Meine Hoffnung heisst Hirschen: Die Beiz kenne ich vom Vorbeifahren – beziehungsweise deren Schild. «Indische Spezialitäten» steht dort nämlich unter dem urschweizerischem Traditionsnamen. Doch auch der Hirschen hat – Betriebsferien. Aber ich finde doch noch Erlösung – im gegenüberliegenden Café Sarina, wo ein «Blick» und eine Schale warten. Die Kellnerin zeichnet ein Clowngesicht in den Milchschaum. Dabei höre ich drei älteren Herren zu, die sich an einer Stange festhalten und über österreichischen Schlager fachsimpeln.

Am Ende der Anfang

Koffeinspeicher aufgefüllt, Kaugummi eingeworfen, da stosse ich auf Thörishaus’ geheimnisvolles, numerologisches Rätsel. Die Hausnummern der Freiburgstrasse, die fast die Zahl 1000 erreichen, werden urplötzlich wieder kleiner. Die Gebäude werden neu nummeriert – aber seltsamerweise wird von Flamatt her hochgezählt.

Es gibt halt Dinge, die man auf Anhieb nicht versteht. Etwa, warum der Mensch in einer Bungalowsiedlung glücklich werden kann. Aber das geht, die Freiburgstrasse beweist es an ihrem äussersten Ende (die je nach Perspektive freilich auch ihren Anfang darstellt): beim Campingplatz Thörishaus, auf dem Hunderte jedes Wochenende zehn Quadratmeter Freiheit geniessen. Betrachtet man die dunkel lackierten Satteldach-Häuschen, käme man schwerlich auf die Idee, dass das Wort Bungalow aus dem Nordindischen stammt («Haus nach bengalischer Art»). Die Freiburgstrasse: ein guter Ort, um Vorurteile fallen zu lassen.

Ich überquere die Sense. Im Kanton Freiburg erwartet mich die Sonne.

(Der Bund)

Erstellt: 26.09.2011, 07:25 Uhr

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1 Kommentar

Herbert Hasler

30.09.2011, 09:34 Uhr
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Super Artikel! Ein wahrer Hochgenuss! Antworten



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