So wird der AKW-Unfall geprobt
Von Simon Thönen. Aktualisiert am 15.01.2011 2 Kommentare
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16. Oktober 2009, mitten in der Nacht – der fiktive Störfall im Atomkraftwerk Mühleberg beginnt: Infolge einer Kette von Pannen werden die Brennstäbe im Reaktor nicht mehr ausreichend gekühlt. Um 03.15 Uhr alarmiert das Werk den Pikett im Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) und in der Nationalen Alarmzentrale (NAZ). Um 03.35 stuft der Diensthabende im Ensi das Geschehen als gravierend ein. Um 03.45 Uhr wird die Notfallorganisation des Ensi aufgeboten, 03.50 die NAZ.
So rollte die «Gesamtnotfallübung Medea» im AKW Mühleberg an. Alle zwei Jahre proben Dutzende von Spezialisten, ob sie sich richtig verhalten würden, falls doch passierte, was laut Ensi und den AKW-Betreibern derart unwahrscheinlich ist, dass man es nahezu ausschliessen kann: ein Unfall, der zu radioaktiver Verstrahlung der Umgebung führt.
«Nach Checklisten bewältigen»
Traditionsgemäss erhalten diese Übungen Namen aus der antiken Mythologie. Diese war nach Medea benannt: jener Frau, die aus Rache an ihrem untreuen Ehemann ihre zwei Kinder ermordet. «Medea beging eine Kurzschlusshandlung», sagt der stellvertretende Übungsleiter Martin Haller: «Das Ziel der Übung war, genau dies zu vermeiden. Auch ein sehr unwahrscheinlicher Störfall soll sauber, geordnet und nach Checklisten bewältigt werden.»
Haller ist stellvertretender Ausbildungschef im Bundesamt für Bevölkerungsschutz, «Medea» war seine erste nukleare Notfallübung. Haller baute zwei Elemente aus der Realität in das fiktive Szenario ein: Erstmals wussten die rund achtzig Beteiligten – wie bei einem Störfall – nicht, wann die Alarmübung beginnt. Neu war auch, dass er «Medea» unter echten meteorologischen Bedingungen durchspielen liess.
«Minimaler Austritt»
Dennoch, das nukleare Störfallszenario war bei weitem kein Super-GAU: Eine Kernschmelze wie 1986 in Tschernobyl und teilweise 1979 im amerikanischen AKW Harrisburg hätte verhindert werden können. Erst acht Stunden nach Beginn des Störfalls, zwischen 11 und 12 Uhr, hätten wegen Überdruck im Reaktor radioaktive Gase in die Umwelt abgelassen werden müssen. «Der Austritt wäre minimal gewesen», sagt Haller.
Aber: Das Drehbuch von Haller forderte die Übenden. Die Feuerwehr fragte an, wie lange sie einen – ebenfalls fiktiven und vom Störfall unabhängigen – Schulhausbrand in Golaten löschen dürfe. Fiktive Journalisten standen bereits um 7 Uhr in Mühleberg vor den Werktoren. Greenpeace demonstrierte auf dem Bundesplatz. Vieles mussten die Notfallspezialisten gleichzeitig entscheiden, etlichen Anordnungen gingen heftige Fachdiskussionen voraus.
Wie stets bei solchen Übungen fehlte aber die grosse Unbekannte und der Hauptfaktor in der Katastrophe: die Bevölkerung. Denn «Medea» war eine sogenannte Stabsübung, «beübt» wurden die Betriebsleitung im Kernkraftwerk Mühleberg sowie die Verantwortlichen des Bundes und der Kantone Bern und Freiburg. Sogar die Gemeindebehörden waren nur am Rand einbezogen.
Der Gemeindepräsident von Wohlen, Eduard Knecht, machte mit – damals noch als Chef des Gemeindeführungsstabs. Auf Gemeindeebene sei es «eine Checklisten-Übung» gewesen, sagt er. Man habe festgestellt, dass die Alarmierung von kantonalem Führungsstab zu Gemeinde, Zivilschutz und Feuerwehr funktionierte. «Wir konnten zurückmelden, dass wir bereit sind – und damit war die Sache für uns erledigt.»
Bei Sirenengeheul: Radio hören
Knecht wird nachdenklich bei der Frage, was geschähe, wenn der Unfall mit der radioaktiven Wolke sich in der Realität ereignen würde. «Auf eine Kernmantel-Explosion in Mühleberg wäre kaum jemand vorbereitet, schon gar nicht auf Gemeindeebene», sagt er. Die Rolle der Gemeindebehörden sei bei einem Unfall in einem Kernkraftwerk ohnehin beschränkt. «Die Führung im Ernstfall läge auf nationaler Ebene, informiert würde die Bevölkerung vor allem mittels Sirenen und Radio.»
Bei «Medea» hätten die Sirenen ein erstes Mal um 8.45 Uhr geheult. Der «Allgemeine Alarm» hätte bedeutet, dass ein «Entweichen» von radioaktiven Stoffen «nicht mehr ausgeschlossen werden kann». Wer in der Gefahrenzone 1 oder 2 wohnt und noch ein Telefonbuch besitzt, hätte dort nachlesen können, was er tun muss: Radio hören, Anweisungen befolgen, Nachbarn informieren, Ruhe bewahren. Das Radio würden die meisten wohl von sich aus einschalten.
Berner und Freiburger «tauchen»
Dort, wo ein Durchzug der radioaktiven Wolke zu erwarten wäre, hätte die Bevölkerung sich darauf vorbereiten müssen, zu «tauchen», wie es im Fachjargon heisst. Konkret: den nächstgelegenen Keller oder Schutzraum aufsuchen, Fenster und Türen schliessen, Jodtabletten, Radio und Lebensmittel mitnehmen. Bei «Medea» hätten die Sirenen um 10.50 Uhr einen weiteren «Allgemeinen Alarm» ausgelöst: Zehn Minuten später wären die radioaktiven Gase aus dem AKW Mühleberg entwichen. Bei «Medea» musste zuerst die Bevölkerung der Stadt Freiburg «tauchen», doch um 15 Uhr drehte der Wind Richtung Bern. «Über 550 000 Menschen – unter anderem die Einwohner der Stadt Bern mitsamt dem Bundesrat – hätten vorsorglich einen Keller oder Schutzraum aufsuchen müssen», bilanziert die NAZ. Aufgrund der angenommenen schwachen Strahlung bei «Medea» wäre dies nicht nötig gewesen, sagt Haller. «Die Übungsteilnehmer haben im Zweifel zugunsten der Vorsicht entschieden.»
Keller oder doch Flucht?
In Kellern ist der Schutz vor Radioaktivität 30 bis 50 Mal besser als im Freien, und das Schlucken der Jodtabletten kann verhindern, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichert. Aber hätten sich Berner, Freiburgerinnen und Wohlener so verhalten? Knecht ist skeptisch. Er vermutet, viele würden wohl versuchen, mit ihrer Familie im Auto zu fliehen. Die Reaktion der einzelnen Menschen in einem Ausnahmezustand sei schwer vorherzusagen. «Vielleicht überleben in Katastrophen ja auch gerade jene, die selber denken und handeln.»
Der Blick in den eigenen Keller gibt zu denken. Böte der schlecht isolierte, zugige Keller wirklich mehr Schutz als die Wohnung mit den modernen Fenstern? Und: Wäre es nicht doch besser, sofort im Auto oder im Zug zu fliehen, wenn die Wolke erst Stunden später käme? Oder stünde man dann schutzlos im Stau, wenn sie kommt? Wie viel Zeit bliebe, um Angehörige zu suchen? Soll man doch telefonieren, bevor das Netz zusammenbricht? Ohne die Bevölkerung lässt sich ein Störfall kaum proben.
Übungen mit Einbezug der Bevölkerung seien dennoch nicht sinnvoll, finden sowohl Haller wie Knecht. «Entweder würden die Leute meinen, es sei ein Ernstfall, und dann gäbe es ein Chaos», sagt Knecht. «Oder sie würden die Übung einfach nicht ernst nehmen.» Haller räumt jedoch ein, dass «Medea» «einmal mehr gezeigt hat, wie schwierig es ist, die Echtsituation eines KKW-Störfalls mit all seinen Konsequenzen darzustellen». Und wenn es doch passieren würde – und vielleicht gravierender als Haller es im «Medea»-Drehbuch angenommen hat? «Wir müssten so gut wie möglich tun, was wir geübt haben», sagt Haller, «wir hätten keine Wahl.» (Der Bund)
Erstellt: 15.01.2011, 11:08 Uhr
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2 Kommentare
Viel mehr als in dieser Trockenübung wird im Ernstfall auch nicht geschehen. Der Zivilschutz z.B. kann bei einem atomaren Unfall gar nicht aufgeboten werden, da sich die Leute selber in Sicherheit bringen müssen. Die Schutzräume sind teils gar nicht zugänglich. Nur regelmässige Übungen inkl. Bevölkerung (analog Japan) können die Abläufe optimieren und die Bevölkerung auf den Ernstfall vorbereiten. Antworten
Man kann und darf sich einen solchen Ernstfall gar nicht vorstellen. Also wird die Gefahr doch besser gleich ausgeblendet und das Risiko kleingeredet, dann gehts doch allen gleich besser... Risiko setzt sich nicht nur aus der kleinen Eintretenswahrscheinlichkeit zusammen, sondern auch aus den unermesslich gigantischen Auswirkungen. Antworten
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