Sie mischt und macht durchlässig

Bettina Wegenast begann mit klassischen Kinderbüchern und ist jetzt eine «transmediale» Autorin: Heute wird die Gamerin und interaktive Medienreisende von der Stadtberner Literaturkommission ausgezeichnet.

Bettina Wegenast in ihrem Atelier im Berner Ostring.

Bettina Wegenast in ihrem Atelier im Berner Ostring. Bild: Adrian Moser

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Ein unscheinbarer Wohnblock im Berner Ostringquartier: Im vierten Stock öffnet Bettina Wegenast die Tür und bittet herein; in der Einzimmerwohnung hat sie ihr Atelier eingerichtet. «Hier geniesse ich das urbane Bern», sagt sie und schmunzelt, «die Autobahn ist ganz in der Nähe, das Freudenberg-Migros nur einen Steinwurf entfernt.» Mit ihrer Familie lebt die 50-Jährige in einer anderen «Welt», im beschaulichen Berner Obstberg, wo sie auch aufgewachsen ist.

Quicklebendig wirkt dagegen Bettina Wegenasts Arbeit als «transmediale» Autorin. Von sich sagt sie, sie brauche die Zusammenarbeit mit anderen «Bastlern» und könne sich nicht vorstellen, im stillen Kämmerlein an einem Roman zu schreiben. Soeben hat sie in Basel die Proben eines Puppentheaters besucht, zu dem sie die Stückvorlage beigesteuert hat. Einzige Bedingung der Auftraggeber: Im Stück mussten der Frühling und das Eierlegen vorkommen. «Das Puppentheater ist das Comic im Theaterbereich», sagt Wegenast, «da kann es ziemlich absurd zu- und hergehen, man muss nicht immer darauf schauen, ob die Ausgangslage realistisch genug ist.»

Oder da ist ein Grossprojekt, dass Wegenast augenzwinkernd als «gröbere Kiste» bezeichnet: Im Rahmen des letzten Trickfilm-Festivals Fantoche in Baden feierte die erste Szene von «Wenn ich gross bin, werde ich Mortadella» Premiere. Eine «glückliche Verbindung» von Trickfilm, Livezeichnung, Sound, Game und Performance nennt sie die Geschichte des Schweinchens Porcolino. Die Geschichte von Porcolino macht augenfällig: Bettina Wegenast interessiert sich für die Verknüpfung von Genres, sie sucht nach Wegen, wie sie eine Geschichte in verschiedenen Medien gleichzeitig und ohne Verdoppelungen erzählen kann: «Ich frage mich immer: Wann macht welches Medium Sinn?» Selten beschränkt sich eine von Wegenasts Geschichten auf die Seiten zwischen zwei Buchdeckeln. «Neue Medien», sagt sie, «eröffnen immer auch einen neuen Blick auf die Welt.»

Das Schaf im Wolfspelz

Die ausgebildete Lehrerin unterrichtete einige Jahre an einer Kleinklasse und führte von 1991 bis 1998 einen Comicladen in Bern. Über ihre Arbeit als Autorin sagt sie denn auch: «Ich komme vom Comic her und bin stark visuell geprägt.» Als freie Journalistin schrieb sie für eine Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendmedien. Einer schweren Erkrankung wegen musste sie den Comicladen verkaufen. Vorher verspürte sie nie das Bedürfnis zu schreiben. «Als ich krank war, konnte ich nicht viel unternehmen», erinnert sich Wegenast, «ich musste meinem Alltag eine Struktur geben, also fing ich doch an zu schreiben.» Dass sie hauptsächlich für Kinder und Jugendliche arbeitet, habe sich deshalb ergeben, weil sie sich in diesem Bereich am besten ausgekannt habe. Ausserdem sei diese Szene noch «durchlässiger» als das Erwachsenenbuchsegment, man werde weniger schnell festgelegt auf ein bestimmtes Genre».

Für ihre Geschichte «Hannah und ich» über ein Mädchen, dessen beste Freundin bei einem Unfall stirbt, erhielt sie den 1. Preis eines renommierten Short-Story-Wettbewerbs. Die unsentimentale Geschichte über Verlust, Trauer und Weiterleben, bei der auch gelacht werden kann, erschien später auch als Kinderbuch.

Einem grösseren Publikum bekannt wurde sie mit ihrer Geschichte «Wolf sein», die 2004 als Theaterstück von der Theatergruppe Club 111 uraufgeführt wurde. Die hintersinnige Variation des Rotkäppchen-Märchens ohne Rotkäppchen erzählt von drei Schafen, die sich nach dem Tod des Wolfs fragen, wie es jetzt weitergehen soll ohne den Bösewicht. Die Stelle wird ausgeschrieben, und Schaf Kalle bewirbt sich um den Posten. Endlich will er auch mal Schaf im Wolfspelz sein, dunkle Seiten ausleben. Aber die Schafe wissen sich zu wehren, am Ende hilft nur eine «Notoperation».

Bettina Wegenast hat «Wolf sein» auch als Figurentheater-Hörspiel-Performance für Erwachsene eingerichtet, wo sie in diesem «Tischtheater» selbst die Autorin spielt, die von den Figuren immer wieder aus dem Stück rausgeworfen wird.

Direkt mit Kindern arbeitet sie vor allem im Bereich «Creative Gameplay». «Enter! Sara Tannen meets Real Life» heisst die Geschichte einer Action-Heldin, die aus ihrem Spiel gefallen und nun in der fremden Umgebung gelandet ist – Fähigkeiten wie das «Durch-die-Wand-Gehen» nützen hier nichts. Die theatralische Umsetzung von Computerspielelementen wird als «mobiles Stück für Klassenzimmer angeboten». Die Klassenzimmersituation sei dabei ideal, sagt Bettina Wegenast, «weil die Kinder schon mal wissen, dass sie dort zum Lernen sind, und weniger gehemmt sind als in einem Theaterrahmen». Plötzlich platzt diese von einer Schauspielerin verkörperte Figur herein und ist auf die Hilfe der Kinder als «Lernexperten» angewiesen, die Sara für das «Real Life» updaten sollen.

«Teil unserer Lebenswelt»

Die spielerische Reflexion über Wirklichkeit(en) und die gegenseitige Beeinflussung von Realitätsebenen zeichnen auch das Hörspiel «ÜberLeben» für Radio SRF 2 aus; darin schickt die Autorin eine Radioreporterin in die «World of Warcraft» und ins «Second Life», wo sie auf Avatare trifft und für einen Radiobeitrag recherchiert. Wegenast ist überzeugt, dass Kinder beim Gamen auch viel lernen können. Entscheidend ist für sie, dass man hier immer wieder aufs Neue anfangen könne und so an Selbstvertrauen gewinne. «Oft wird Kindern ja eingetrichtert: Wenn du diese Prüfung nicht bestehst und dort versagst, wirst du nie eine Lehrstelle bekommen oder nie ins Gymnasium kommen.»

Natürlich müsse man als Eltern auch hinschauen, was in der «virtuellen Welt» los sei, gewisse Spiele wie Ego-Shooter-Games förderten eskapistische Tendenzen und täten Kindern in einer bestimmten Entwicklungsphase nicht gut. Aber: «Spiele sind Teil unserer Lebenswelt und der unserer Kinder, das ist eine Tatsache.» Ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn nahm sie einmal die Konsole weg – und schenkte sie dem Kinderspital –, weil er sich kaum mehr für etwas anderes interessiert habe. «Mir hat man als Kind auch gesagt, ich könne nicht immer lesen oder fernsehen», sagt sie und lacht.

Bald mit eigenem E-Book-Laden

Zusammen mit der Illustratorin Judith Zaugg hat sie die Geschichte «Izaa us, Mario» im Eigenverlag herausgegeben. Ein Mädchen ist in der Klasse Opfer von Cybermobbing. Als die Situation zu eskalieren droht, muss Leon, die Hauptfigur, Stellung beziehen. Am Ende solidarisieren sich zahlreiche Kinder mit ihrer Klassenkameradin, indem sie zusammen eine «Spielerkette» bilden und gemeinsam im Game «Mario Kart» ein Rennen fahren. Aus der Geschichte einer Aussenseiterin, die übers Gamen integriert wird, will Bettina Wegenast auch einen interaktiven Comic und ein Theaterstück «bauen».

Die Geschichte wurde auch deshalb im Eigenverlag veröffentlicht, weil ihr einstiger Verlag Sauerländer von Fischer übernommen worden ist und dabei Teile des Lagers geschreddert wurden. «Schade», findet Bettina Wegenast, «Sauerländer war einmal das Flaggschiff des erzählenden Kinder- und Jugendbuchs.» Die Rechte an ihren Werken bekommt die Autorin demnächst zurück. Mit der Preissumme des «Weiterschreiben-Stipendiums» will sie einen Teil ihrer Bücher als E-Book herausgeben, vielleicht sogar einen E-Book-Laden eröffnen. Bettina Wegenast will die eine Welt für die andere durchlässig machen, Experimente zwischen und mit den Genres wagen und so in den Köpfen eine belebende Verwirrung stiften. Man kann sie durchaus auch als eine Aufklärerin bezeichnen.

Die Preisverleihung am Mittwoch um 20 Uhr im Rathaus Bern ist öffentlich. (Der Bund)

(Erstellt: 13.11.2013, 08:46 Uhr)

«Weiterschreiben» 2013: Sterchi, Strässle, Puntas Bernet

Neben Bettina Wegenast erhält auch der Berner Autor Beat Sterchi («Blösch», «Ging Gang Gäng») von der Stadtberner Literaturkommission ein Stipendium «Weiterschreiben» in der Höhe von 15000 Franken. Ein Spezialpreis in der Höhe von 5000 Franken geht an den Literaturwissenschaftler Thomas Strässle – er ist Co-Leiter des Y-Instituts der Hochschule der Künste Bern — für seine essayistischen Arbeiten «Salz. Eine Literaturgeschichte» und «Gelassenheit». Mit einem Spezialpreis geeehrt wird auch der Journalist Daniel Puntas Bernet für seine Arbeit als Gründer und Chefredaktor des Magazins «Reportagen».

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