Bern

Scharfe Kritik an «Spektakelarchitektur»

Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 23.01.2012 1 Kommentar

In Bern-Brünnen werde die Stadtbaukultur zugunsten von «autistischen Einzelentwürfen» vernachlässigt, sagt Alt-Stadtplaner Jürg Sulzer. Bauherrschaft und Architekt eines preisgekrönten Projektes wehren sich.

«Städtebauliches Missverständnis» oder identitätsstiftender Impuls für das Quartier? Das Projekt «à discretion» der Basler Nord Architekten gibt zu reden.

«Städtebauliches Missverständnis» oder identitätsstiftender Impuls für das Quartier? Das Projekt «à discretion» der Basler Nord Architekten gibt zu reden.
Bild: zvg

Das Projektbild zeigt ein Gebäude, das aussieht wie eine kreuzweise angeordnete Scheiterbeige. Alt-Stadtplaner Jürg Sulzer spricht von «aufeinandergestapelter Balkenarchitektur, die nicht stadtraumbildend wirkt».

In einem Schreiben unter dem Titel «Stadtentwicklung Brünnen: verpasste Stadtbaukultur?» geht der Autor des vor über zehn Jahren entwickelten Masterplans Brünnen mit dem Preisgericht und den Architekten des Siegerprojektes im Wettbewerb um das Baufeld 2 in Brünnen hart ins Gericht: «Der jüngst gekürte Wohnbauentwurf ist von städtebaulichen Missverständnissen geprägt», schreibt der Professor für Stadtumbau an der Technischen Universität in Dresden. Die städtebaulichen Chancen des Masterplans hätten darin bestanden, «urbane Stadträume und Stadthäuser» zu gestalten. Es sollte ein kompakt gebautes Wohnviertel entstehen, das Energiesparen durch Anordnung der Häuser erreiche. Mit dem Masterplan habe man keine «Siedlungsplanung» angestrebt, sondern eine Stadtbauarchitektur, die den Bewohnern Identität und Heimat ermögliche, hält Sulzer fest.

«Abgehobene Wettbewerbsjury»

In einzelnen Architekturkreisen und in den zuständigen Stadtgestaltungsgremien stünden hingegen «autistische Einzelentwürfe nach der Devise je extravaganter, desto moderner» im Vordergrund. Moderne Architektur werde als «Gestaltungsevent» zur Erregung einer kurzfristigen Aufmerksamkeit verstanden. Laut Sulzer werden mit dieser Architektur «städtebauliche Pflichten» verletzt, wie sie der Masterplan vorgebe. «Jedes einzelne Haus, jedes Strassengeviert hätte sich mit gestalterischer Kreativität erst einmal einzuordnen, um ein Stadtensemble zu bilden.»

Das einzelne Stadthaus bilde gemeinsam mit anderen Häusern den «Innenraum des Stadtquartiers» und verleihe den Strassen- und Platzräumen ihr Gesicht – so wie dies in der Berner Altstadt seit Jahrhunderten der Fall sei, hält Sulzer fest.

Stadtbaukunst vernachlässigt?

Immerhin werde dank dem städtischen Tiefbauamt zumindest der öffentliche Raum konsequent umgesetzt. «Vielleicht vermag er der sich abzeichnenden Spektakelarchitektur noch eine ordnende Linie zu geben», schreibt Sulzer. In Brünnen gehe es offensichtlich immer weniger um Stadtbaukunst. Stattdessen zeichne sich ein Trend zu «kurzsichtigen Schönheitswettbewerben einer verblichenen Moderne» ab.

Zudem sei das Siegerprojekt «à discrétion» des Basler Architekturbüros Nord «energetisch eher zweifelhaft». Eine «abgehobene Wettbewerbsjury» habe die «grundsolide Baugenossenschaft Brünnen-Eichholz» als Bauherrin mit einem «modernistischen Bauprojekt» im Stich gelassen, schreibt Sulzer.

«Sulzer träumt von Berlin»

Zwischen Bauherrschaft und Wettbewerbsjury gibt es in diesem Fall allerdings eine personelle Kontinuität. Ingenieur Thomas Balmer ist sowohl Präsident der Baugenossenschaft Brünnen-Eichholz als auch Vorsitzender des Preisgerichtes. «Sulzer träumt immer noch vom Städtebau in Berlin mit seinen Hofrandbebauungen», sagt Balmer. Für eine solche Bebauung sei Brünnen jedoch zu klein.

Die Überbauungsordnung sehe vor, dass auf jedem der 21 Baufelder ein öffentlicher Wettbewerb durchgeführt werden müsse. Dieser habe beim fraglichen Baufeld zu einem Ergebnis geführt, «das zuerst verblüfft und je länger je mehr begeistert». Zwar bringe die «aufwendige Konstruktion» tatsächlich einige «energetische Einschränkungen» mit sich. Die Vorteile des Entwurfes wie zum Beispiel die grosszügigen Terrassen, die transparente Bauweise und die gute Ausnutzung der Fläche habe das Preisgericht aber «weit mehr überzeugt», sagt Balmer.

«Wir bauen nicht in der Altstadt»

Entworfen wurde das Bauwerk vom Basler Architekturbüro Nord. Co-Autor Philipp Ryffel kann die Kritik des einstigen Stadtplaners nur zum Teil nachvollziehen. Das Projekt «à discrétion» versuche dem Quartier einen neuen Impuls zu geben und in einer «selbstbewussten Art und Weise» dessen Identität mit zu prägen. «Wir bauen nicht in der Altstadt, wo es ein enges städtebauliches Korsett gibt.» Rund um das Baufeld 2 gebe es zurzeit noch grüne Wiese. «Es gibt wenig kontextuelle Anhaltspunkte ausser dem Gäbelbach.» Der Masterplan Brünnen lege die Strassenzüge, deren Gebäudekanten und die Parzellen fest. «Die Form der Gebäude ist nicht vorgegeben.» Wollte man auf dem kleinen Baufeld eine Hofrandbebauung realisieren, gäbe es «einen Donut» mit zwei Stockwerken. «Dies wäre ein schwaches Statement in der Nachbarschaft der markanten Gäbelbach-Hochhäuser», sagt der Architekt.

Gestaltung wichtiger als Energie

Ryffel weist auf die grossen Terrassen mit einer Grösse von bis zu 90 Quadratmetern hin. Durch die Anordnung der Riegel würden zudem die Aussenräume «mit dem Quartier und der Landschaft verzahnt». Es gehe nicht um ein Gebäude, das sich «introvertiert auf sich selber bezieht», sondern um transparente Wohnräume mit viel Licht und einer Beziehung zum Quartier. Zudem habe das Gebäude keine Rückseite, sondern sei «allseitig bespielbar».

Sulzers energetische Bedenken kann Ryffel hingegen gelten lassen. «Die vielen Oberflächen sind energetisch in der Tat kein Vorteil.» Die räumlichen Aspekte seien dem Architektenteam wichtiger gewesen, sagt Ryffel. (Der Bund)

Erstellt: 23.01.2012, 11:06 Uhr

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1 Kommentar

Fabian Bauer

23.01.2012, 20:14 Uhr
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Die Einwände sind durchaus verständlich, wobei sich gerade dieses Baufeld nicht am besten für eine Randbebauung eignet. Aber was hat Herr Sulzer während seiner Amtszeit erreicht? Mir kommen spontan keine grössere und gelungene Projekte in den Sinn. Ein schönes neues Quartier mit einer städtischen Blockrandbebauung würde Bern gut tun. Das Viererfeld oder Morillon (Köniz) würden sich anbieten. Antworten



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