Bern

Scanner wertet Stimmzettel falsch aus

Von Samuel Thomi. Aktualisiert am 23.05.2014 10 Kommentare

Das neue elektronische Auszählverfahren in Bern funktioniert nicht einwandfrei. Bei einem Besuch am letzten Abstimmungssonntag entdeckte ein Kritiker gleich zwei Fehler.

Unlesbar für den Scanner: Das unterste Kreuz wurde «leer» gezählt.

Unlesbar für den Scanner: Das unterste Kreuz wurde «leer» gezählt.
Bild: zvg

Software ordnet Scans nicht korrekt zu

Um Stimmzettel elektronisch auszuwerten, werden sie gescannt und als Schwarzweiss-Bild mit einer Erkennungsnummer gespeichert. Diese wird auch auf den Stimmzettel gedruckt, um die Datei jederzeit dem Original zuordnen zu können. Hierzu wird der Scan auf dem Bildschirm abgerufen. Der Haken: Hinter der angezeigten Nummer steckt nicht in jedem Fall die gesuchte Datei, wie am Sonntag bemerkt wurde. Manchmal produziert der Scanner aus unerklärlichen Gründen gleichnamige Dateien.

«Auch wenn dies keinen direkten Einfluss aufs Abstimmungsresultat hat, so zeigt ein solcher Designfehler einen informatiktechnischen Hauruckstil, der nichts in einem E-Counting-System zu suchen hat», kommentiert Markus Kühni. «Bei einem so sensitiven System wäre zu erwarten, dass jedes Bild mit einer fälschungssicheren Kryptografie-Nummer verzeichnet wird, was eine Verwechslung unmöglich machen würde.» Durchs Band scheine Manipulation «sehr einfach und bleibe mit so kleinen Stichproben verborgen».

Betriebskonzept verschwunden

Inzwischen beschäftigt das E-Counting auch die Politik. Auf einen offenen Brief des parteilosen Kühni folgten kritische Fragen im Stadtrat. Vertreter von AL/GPB/PDA verlangen ein Kommission. Unter Ein- bezug Kühnis solle diese sicherstellen, dass die Auszählung nach der «überstürzt erfolgten Einführung» des E-Counting sicher und überprüfbar sei. So lange sei das E-Counting auszusetzen: «Das uneingeschränkte Vertrauen in die Korrektheit der Ergebnisse muss höchste Prio- rität haben (der «Bund» berichtete).»

Der Gemeinderat hat die Motion noch nicht beantwortet. Sonst aber handelte die Stadt: Mit Publikwerden der Kritik wurde das E-Counting-Betriebskonzept kurzum von der Homepage entfernt.

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Nun aber zeigt sich: Der Scanner und die Software, welche die Stadt beim sogenannten E-Counting einsetzt, haben Mängel. Konkret: Am letzten Sonntag interpretierte die elektronische Auszählung bei der Gripen-Abstimmung eine Nein-Stimme als «leer». Und eine ganze Reihe von Scans wurde bei der Nachkontrolle am Bildschirm von der Software mit falschen gescannten Stimmzetteln verknüpft.

Systematischer Fehler?

«Dass dieses deutliche Kreuzchen vom Scanner nicht erkannt wird, ist für mich absolut nicht nachvollziehbar», sagt Markus Kühni. In einem offenen Brief kritisierte der Informatikingenieur schon Anfang Jahr das E-Counting. Am Sonntag nun wurde er von der Stadt zur Besichtigung in den Erlacherhof eingeladen. Die Stadt konnte den Kritiker aber nicht überzeugen, der Schuss ging nach hinten los.

Markus Kühni geht es bei seiner jüngsten Kritik weniger ums konkrete Kreuzchen, sondern vielmehr ums Prinzip. Wird bei 50 zufällig getesteten Zetteln eine Stimme falsch erkannt, sei auf alle am Sonntag abgegebenen Zettel mit 1000 falsch erfassten Stimmen zu rechnen: «Die Stichprobe war derart lächerlich klein, da müsste es schon ein wahnsinniger Zufall sein, wenn es sich um einen Einzelfall handelte.» Kühni ist sich zwar bewusst, dass auch beim herkömmlichen Auszählen von Hand Fehler nicht ausgeschlossen sind. «Sie bleiben aber meist auf einzelne Stimmen beschränkt, unabsichtliche Fehler gleichen sich aufgrund der Streuung gegenseitig wieder aus.» Ganz anders bei einem systematischen Fehler eines Scanners oder einer Software: «Da sind immer gleich alle Stimmen potenziell betroffen.» Im jetzigen Fall geht es um alle blasseren Kreuze, die der Scanner nicht lesen kann, da er nur Schwarz/Weiss erkennt.

Stimme ging nicht verloren

Stadtschreiber Jürg Wichtermann war beim E-Counting ebenfalls dabei. Er bestätigt auf Anfrage, dass der Scanner bei der Stichprobe ein Kreuzchen nicht erkannt hat. «Wir konnten den Fehler jedoch manuell beheben», womit die Nein-Stimme gegen den Gripen nicht verloren ging. Weil die Stadt am Sonntag nicht mehr Leer- oder ungültige Stimmen als andere Gemeinden aufgewiesen habe, «können wir ausschliessen, dass es sich um einen systematischen Lesefehler» des Scanners handle. Das Problem der Software beziehe sich nur auf die Darstellung am Bildschirm und habe auf die Auswertung der Abstimmung keinen Einfluss. Zudem verweist der Stadtschreiber auf die Stadt St. Gallen, wo ein ähnliches System zum elektronischen Auszählen seit Jahren in Betrieb ist.

Diese Beschwichtigung reicht Markus Kühni nicht: «Es ist nicht auszuschliessen, dass dort in den letzten Jahren ebenfalls Tausende Stimmen nicht erkannt wurden.» Denn in St. Gallen werde nicht systematisch überprüft, ob der Scanner von Bürgern ausgefüllte Abstimmungszettel richtig erkenne; Berns Verantwortliche schrieben Kühni extra, man habe mit der Bundeskanzlei zusätzlich zu den Tests beim Einrichten des Scanners die Stichproben-Verifikation vereinbart, und erst dabei seien am Sonntag die Fehler aufgeflogen.

Keine falschen Scans in St. Gallen

Auf Nachfrage heisst es in St. Gallen, bisher sei kein Fall bekannt, bei dem ein Kreuz falsch interpretiert worden sei. In den Anfängen vor sechs Jahren sei es «ab und zu etwas schwierig gewesen, die Scanner richtig einzustellen und das Papier auszuwählen», so Stephan Wenger rückblickend. «Dank der Erfahrung haben wir das heute sehr gut im Griff», sagt der Sekretär des Stimmbüros. Vom zweiten Problem in Bern, dass die Scan-Datei der Stimmzettel bei der Nachkontrolle auf dem Bildschirm falsch verknüpft worden sei, hat Stephan Wenger hingegen noch nie gehört. Alles habe bis jetzt immer übereingestimmt.

Am Sonntag war auch ein Informa- tiker der Softwarefirma im Erlacherhof, als Markus Kühni die Fehler beobachtete. Wie Kühni berichtet, konnte dieser das Problem zwar beim zweiten Anlauf erklären, «die Begründung lässt aber die Qualität der Software in einem wenig schmeichelhaften Licht erscheinen». Für den «Bund» war beim Unternehmen niemand erreichbar. Stadtschreiber Jürg Wichtermann sagt aber: «Wir stehen laufend in Kontakt mit der Softwarefirma und werden auch diesmal beim Debriefing der Abstimmung prüfen, was man verbessern kann.» Er zweifle aber nicht generell an der elektronischen Auszählung, halte sie sogar für exakter als das Auszählen von Hand: «Beim vorliegenden Problemfall war die Markierung offenbar derart fein, dass wir sie bei der Vorsortierung der Stimmzettel hätten aussortieren müssen.»

Eine Lehre sei, dass die Vertreter des Stimmausschusses künftig mehr als kritisch eingestufte Stimmzettel aussortierten und durch scanbare Duplikate ersetzten. Dass in Bern weiterhin Computer auszählen, daran hält die Stadt aber fest. Ebenso bleibt Markus Kühni bei seiner Haltung. Er, der jüngst auch mit Recherchen zur Sicherheit des AKW Mühleberg für Aufsehen sorgte, fühlt sich vielmehr in seiner Kritik bestärkt: «Abgesehen von konkreten Fehlern hat das System keine Sicherung gegen systematische Fehlfunktion oder Manipulation.» Die Tests im Voraus seien nachweislich ineffektiv. Markus Kühnis Befund: «Auch wenn jeder Zettel korrekt gescannt, erkannt und nachkontrolliert würde, könnte die Software immer noch falsch zusammenzählen.» (Der Bund)

Erstellt: 23.05.2014, 11:00 Uhr

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10 Kommentare

Ike Conix

23.05.2014, 12:05 Uhr
Melden 38 Empfehlung 4

Florida hätte noch ein paar günstige Lochkartenleser abzugeben. Antworten


Hans Huber

23.05.2014, 11:42 Uhr
Melden 29 Empfehlung 5

Markus Kühni sollte von der Softwarefirma bezahlt werden weil er ihre Bananensoftware testet... Antworten



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