Bern
SF im vormodernen Bern
Von Benedikt Sartorius. Aktualisiert am 20.08.2012 2 Kommentare
Das Fernsehstudio in der Kramgasse
Ja nicht winken! Wer am Samstagabend in der Stadtberner Kramgasse unterwegs war, tat gut daran, Bekannte nur zurückhaltend zu begrüssen. Ein Augenschein bei einer der beliebtesten Livesendungen des Schweizer Fernsehens. Marc Schiess
Winken sei während der Sendung verboten, vernimmt man von der gut gelaunten Sendeleiterin. Diese macht ihr Publikum in der Berner Kramgasse eine halbe Stunde vor dem Finale der Sendung «SF bi de Lüt» in einer Schnellbleiche mit den Fernsehregeln bekannt. Wohl aus einem Anfall von Obrigkeitswiderstand winkt ein älterer Anstösser trotzig aus seinem mit Tüll ausgeschmückten Fenster nach drüben, wo eine Seniorin diesen von den sieben Kameras unbemerkten Sittenverstoss mit einem - wie es aussieht - glucksenden Lachen quittiert.
Als Anwohner hatten die beiden in den letzten Tagen wohl hautnah miterlebt, wie das Schweizer Fernsehen die Kramgasse in ein Fernsehstudio verwandelte (siehe «Bund» vom 15. August). Vielleicht begrüssten sie die Veränderung gar, wurden sie doch fünf Tage lang nicht vom surrenden 12er-Bus geweckt, sondern von brummenden Reportagewagen und Sattelschleppern.
«Surrende Kameras» jedoch gehören der Vergangenheit an. Das grosse Publikum staunt, wie virtuos die Kameramänner mit ihren lautlosen und 30 Kilo schweren Arbeitsgeräten hantieren. Und amüsiert sich, wenn einer unverwandt auf die schöne Moderatorin Susanne Kunz zoomt, während doch längstens Mark Streit im Bild erscheinen sollte. Ein paar hektische Schritte später stimmt die Einstellung wieder, der Berner NHL-Hockeyspieler lacht nun in Nahaufnahme. Läuferqualitäten zeigt zuweilen auch Wanderexperte und Moderator Nik Hartmann, wenn ihm für das Wechseln der Lokalität zwischen zwei Einstellungen nur wenige Sekunden zur Verfügung stehen.
Der aus allen Nähten platzende Kramgasseschlauch scheint so gar nicht für eine Fernsehsendung prädestiniert. Die meisten der Zuschauer sehen das Geschehen auf der von Scheinwerfern gesäumten runden Bühne nämlich tatsächlich «fern» - wären nicht die Grossleinwand und zahlreiche Flachbildschirme. Als kunterbuntes Potpourri verschiedener TV-Klassiker und -Formate konzipiert, darf bei «SF bi de Lüt» auch die Hausband nicht fehlen. Diese spielt sogar live, während bei den auftretenden Bands das eine oder andere Luftgitarrenspiel eher mittelmässigem Laientheater zuzuordnen ist. Auffallend auch, wie nahe die Kameras den Musikern teilweise kommen, die Kameralinsel die Instrumente beinahe verschlingt.
Eine gute Viertelstunde nach 22 Uhr verabschiedet sich Nik Hartmann aus der «weltschönsten Gasse», die Kameraleute gönnen sich etwas Flüssiges. Von den beiden Senioren ist nichts mehr zu sehen. Gut möglich, dass sie hörgerätlos tief und fest schlafen.
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Die Stadt Bern hat verloren – und Schuld waren die Beamten. Dabei hat alles tipptopp begonnen in diesem Finale der grossen Samstagabendprovinzkiste «SF Bi de Lüt Live»: Der Festplatz in der während sechs Tagen besetzten Kramgasse glänzte, der Grill-Ueli heizte gut gelaunt seine Grillmaschinen ein, man zählte die Berndeutschen Verbrechen des Gastgebers Nik Hartmann («Plafä»), das 97-jährige Grosi von Eishockey-Star Mark Streit weckte per Einspieler Sympathien und auch Thomas Fuchs war auf den Festbänken auszumachen – dank ausgebufften Kameraflügen der Fernseh-Technik.
Und wie das scheinbar so üblich ist in dieser Sendung, die Elemente aus den gesammelten Samstagabendkisten dieses Sprachraums zusammenklaubt, gab es neben der versteckten Kamera und Chorkämpfen auch einen Wettpaten in Gestalt von Stadtpräsident Alexander Tschäppät zu erleben.
Tschäppät machte wohlbekannte Bern-Anpreis-Sprüche, erklärte, dass er schon immer für diese Stadt da sein wollte, und dass er natürlich Züri West, Patent Ochsner und Stiller Has obenaus finde. Nur seine berüchtigte Sängerkarriere, die wollte er an diesem Abend nicht wieder aufleben lassen – und dafür benötigte Tschäppät je sieben Beamte aus den sieben Eidgenössischen Departementen.
Das Schmuddelkind in der Idylle
So nahm die auf ein Stammpublikum mit Durchschnittsalter 60 zugeschnittene Live-Sendung ihren klischeehaften Lauf: Bern, das ist die Stadt der Beamten, die Stadt der Gemütlichkeit, die Stadt mit der Aare, mit dem Zytglogge, mit dem Bärenpark (der zwar zu viel kostete und in den immer wieder Leute hinunterfallen, so die Vox Populi), mit dem grauen Sandstein, kurz: ein beinahe vormorderner Ort.
Wenigstens tauchte das Lorraine-Bad im Züri-West-Einspielbeitrag auf, das mitten in der Idylle angenehm schmuddelig, und ja, auch städtisch wirkte. Doch zum Bruch, zum Skandal im Sperrbezirk Altstadt reichte dies dann doch nicht – auch nicht, dass das Idée Suisse Gesicht Nik Hartmann die Lunik-Sängerin Jaël Malli mit ihrem abgelegten Mädchen-Namen ansprach.
«Ein wenig rot»
Das Sofa füllte sich derweil munter mit Gästen: Kuno Lauener setzte sich an den Rand, der Fechter und Berner Sportler des Jahres Fabian Kauter musste noch einmal seine Londoner-Niederlage anschauen, Susanne Kunz machte Werbung für ihr neues Programm, während die Hitze einem zunehmend entnervten Grill-Ueli zu schaffen machte. Wenigstens das Rindsfilet gelang ihm – dank der Kerntemperatur 57 Grad. Das gefiel auch dem Stadtpräsident «sensationell»: «Auch die Farbe stimmt, ein wenig rot, das ist in einer rot-grünen Stadt ideal, super.»
Tschäppät wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass fehlende Beamten der Stadt Bern eine Wettniederlage bescheren – und ihn zum Singen des Mani-Matter-Liedes «Hemmige» zwingen werden. Allerdings genügte ein Brummen des nicht gerade textsicheren Stapis, denn Nik Hartmann übernahm den behäbigen Lead. Man wollte wahrscheinlich doch nicht zu sehr in den Stadtberner Wahlherbst eingreifen.
Übrigens: Hartmanns Gassenverwirrung («Es machte extrem Spass, die Grächtärä zu rocken») zum Schluss der Sendung legt nahe, dass die Aufbauzeit in der Kramgasse von fünf Tagen dann doch zu knapp bemessen war. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.08.2012, 10:00 Uhr
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2 Kommentare
Daran waren nicht die Berner schuld. Ein lausig vorbereiteter Hartmann, ein Stapi der in den für ihn viel zu grossen Schuhen seines Vaters ins Schwimmen kam und eine durch das Fernsehen verschandelte Altstadt.
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