Pulver macht Druck bei Stadttheater und BSO
Von Brigitta Niederhauser & Alexander Sury. Aktualisiert am 02.07.2010 1 Kommentar
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Die Zusammenführung von Stadttheater und Berner Symphonieorchester beschäftigt die Politik schon seit drei Jahren. Sie haben als Vertreter des Subventionsgebers Kanton die Stossrichtung des jüngsten Berichts begrüsst. Was macht Sie so zuversichtlich, dass sich endlich eine Lösung abzeichnet?
Ich sage nicht, dass wir bereits eine Lösung haben. Aber der Durchbruch ist zum Greifen nah. Ich erinnere daran, dass wir es mit zwei selbstständig gewachsenen, traditionsreichen Kulturinstitutionen zu tun haben. Vor diesem Hintergrund darf niemand die Erwartung hegen, dass ein Zusammengehen unterschiedlicher Kulturen rasch und reibungslos über die Bühne geht.
Auch nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit ist bei beiden Institutionen von einem Wirgefühl noch immer wenig zu spüren.
Ziel des Projektes ist es, Stadttheater und Symphonieorchester zu stärken und der Kultur in Bern neuen Schwung zu geben. Das Leitungsgremium mit je drei Mitgliedern vom Stadttheater und vom Symphonieorchester arbeitet seit einem Jahr konstruktiv daran. Die Vorgespräche mit den Mitgliedern des Leitungsgremiums haben mich überzeugt, dass der Wille bei allen Beteiligten da ist, die noch anstehenden Probleme zu klären. Es gibt noch Fragen nach der genauen Struktur der neuen Institution und zum Inhalt des Leistungsauftrags. Ein Wirgefühl braucht aber Zeit und wird erst langsam entstehen.
Bei der Stadttheater-Belegschaft herrscht der Eindruck vor, dass vor allem das Theater bluten muss, während das BSO kaum Abstriche an seinem bisherigen Leistungsauftrag in Kauf nehmen muss.
Wie kommen Sie darauf?
Immerhin ist die Rede davon, dass die Zahl der Aufführungen im Musiktheater von 100 auf 70 reduziert werden soll. Das BSO jedoch kann weiter wie bisher 15 Doppelkonzerte machen. Ist da die Frustration des Stadttheaters nicht verständlich?
Mir ist wichtig, dass wir in dieser Diskussion zwei Dinge nicht miteinander vermischen: Struktur und Leistungsauftrag. Das eine ist die Strukturfrage, also die Organisation der neuen Institution. Im Zwischenbericht wird skizziert, dass das BSO eine bestimmte Anzahl an Orchesterstellen und das Stadttheater auf verwaltungstechnischer Seite Stellen abbauen muss. Dafür würde das Schauspielensemble um mehrere Stellen erhöht.
Das BSO hat laut Leistungsvertrag 97 Vollstellen, faktisch sind es derzeit 99, fast gleich viel wie das Zürcher Tonhalle-Orchester, das immerhin 100 000 Zuschauer vorweisen kann. Die Rede ist von einer Reduktion um etwa 5 Stellen. Ist das nicht zu wenig?
Es war nie das Ziel, das Symphonieorchester um jeden Preis zu verkleinern. Wenn man es bei der Umsetzung der Fusion schafft, beim Symphonieorchester weniger Stellen als angenommen abzubauen und gleichzeitig beim Schauspiel den Bestand leicht zu erhöhen, finde ich das für die Kultur positiv.
Und was ist mit dem Leistungsauftrag der neuen Organisation?
Hier ist ein anderes Denken nötig. Die Politik muss die Qualitätsvorgaben der neuen Organisation formulieren, nicht unbedingt aber die genaue Anzahl von Aufführungen. Wie genau die vorhandenen Mittel eingesetzt werden, darüber soll in erster Linie die neue Organisation entscheiden können. Das sind die Fachleute, nicht wir Politiker. Für mich ist deshalb ohne weiteres denkbar, dass wir die Mindestanzahl der Aufführungen, zu denen das Musiktheater verpflichtet wird, künftig tiefer ansetzen als heute. Es ist ja klar, dass die Ensembles und die Produzenten möglichst viel spielen wollen! So könnte dieser Freiraum auch genutzt werden, in dem in einer Saison mal ein paar Aufführungen weniger gemacht werden, um in der nächsten Saison über die Mittel für eine aussergewöhnliche Produktion verfügen zu können. Keinesfalls sollten wir festlegen, dass in einer Saison genau so und so viele Aufführungen, etwa noch wann und wie, gemacht werden müssen.
Das Stadttheater befürchtet unter anderem, dass sich das BSO bei weniger Musiktheateraufführungen noch mehr aufs Sinfonische konzentrieren kann und das Ungleichgewicht so noch verstärkt wird.
Ich verstehe diese Ängste aus gewerkschaftlicher Sicht. Jeder hat Angst davor, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Kulturpolitisch kann ich die Befürchtungen der beiden Institutionen jedoch nicht nachvollziehen: Das ist ein Denken, das noch von der heutigen Situation geprägt ist. Hier das BSO, dort das Stadttheater. In der neuen Organisation wird es vier Sparten geben und eine Person an der Spitze, die dafür sorgen muss, dass alle vier Sparten optimal fliegen.
Die Politik beschränkt sich auf Qualitätsvorgaben?
Ja. Wir wollen eine hohe Qualität bei der Sinfonie mit einer nationalen bis internationalen Ausstrahlung, und wir wollen eine qualitativ hochstehende Oper mit einer Mindestanzahl an Aufführungen.
Kantonaler Kulturminister zu sein in Zeiten schrumpfender Kulturausgaben...
...ist eine Herausforderung, die oft nicht einfach ist. Ich muss aber korrigieren: Der Kanton hat für die fünf grossen Institutionen in Bern - Stadttheater, Symphonieorchester, Historisches Museum, Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee - für die nächste Subventionsperiode wieder den gleichen Subventionsbetrag vorgesehen – plus Teuerung. Dies ist angesichts der angespannten Finanzlage keine Selbstverständlichkeit. Ich habe den Vertretern von Symphonieorchester und Stadttheater ans Herz gelegt, diesen Kontext stärker zu berücksichtigen.
Jürg Keller ist bereits der dritte Projektleiter, der sich an einer Zusammenführung von Stadttheater und BSO die Zähne ausbeisst. Für das Hickhack zwischen den beiden Institutionen hat die Öffentlichkeit immer weniger Verständnis. Ist es nicht an der Zeit, dass die Politik, also die Subventionsgeber, endlich ein Machtwort spricht?
Wie gesagt: Das Zusammenführen zweier Kulturen in einem solchen Prozess braucht Zeit. Wir haben innerhalb kurzer Zeit grosse Fortschritte gemacht. Ich habe aber in den letzten Wochen intensive Gespräche geführt mit dem Leitungsgremium und dabei deutlich zum Ausdruck gebracht, was die Subventionsgeber wollen.
Die Zeit der freundlichen Appelle und Ermahnungen ist vorbei?
Wir haben dem Leitungsgremium den verbindlichen Auftrag gegeben, uns bis Mitte Juli einen Vorschlag zu machen, wie die Fusion realisiert werden kann. Wir sind jetzt in einer entscheidenden Phase, und deshalb plädiere ich noch für ein wenig Geduld. Klar ist aber: Wenn bis Mitte Juli keine tragfähige Lösung präsentiert wird, werden wir handeln müssen.
Es wird also so oder so...
...im Verlauf des nächsten Jahres eine neue juristische Person geben, mit der man die neuen Leistungsverträge abschliesst. Und die Verträge der beiden Institutionen mit ihren Mitarbeitern werden in die neue Organisation überführt. Ich kann nicht ausschliessen, dass es eine gewisse Übergangsphase wegen dieser komplexen juristischen Überführung braucht. Und der Vertrag muss ja noch von den Subventionsgebern genehmigt werden. Aber das ist alles machbar.
Diese neue Organisation wird also noch 2010 gegründet?
Richtig. Entweder mit den beiden Organisationen zusammen – was ich mir natürlich wünsche – oder allein von den Subventionsgebern. Ein Stiftungs- oder Verwaltungsrat muss dann eingesetzt werden: Wichtig wird die Zusammensetzung sein, wählen doch diese Persönlichkeiten den Chef der neuen Institution.
Es ist schwer vorstellbar, dass jemand vom Symphonieorchester oder vom Stadttheater diese Funktion übernehmen wird. Favorisieren Sie eine unbelastete Persönlichkeit von aussen?
Sie muss in einem Bewerbungsverfahren korrekt ermittelt werden. Das kann sehr wohl jemand von aussen sein. Wichtig ist, dass die beste zur Verfügung stehende Person gewählt wird.
Ein Streitpunkt sind auch die 4,9 Millionen Franken, die das BSO für Orchesterdienste beim Stadttheater erhält. Das BSO betrachtet sie als sein Geld, während das Stadttheater daran interessiert ist, über diesen Betrag frei zu verfügen.
In der neuen Organisation wird das Geld nicht mehr fix zugeteilt. Und auch wenn die Zusammenführung aus irgendwelchen Gründen noch scheitern sollte, würde es nicht so weitergehen wie bisher. Ich glaube nicht, dass wir in einem solchen Szenario gleich viele Opernaufführungen hätten wie bisher. Und das BSO würde künftig auch nicht mehr über diese 4,9 Millionen Franken verfügen können. Es würde so oder so für beide Institutionen nachhaltige Veränderungen geben.
Mitunter hat man den Eindruck, dass Sie und der städtische Kulturchef, Stadtpräsident Alexander Tschäppät, die Situation unterschiedlich beurteilen. Ziehen Sie beide beim Projekt «Neues Theater Bern» am gleichen Strick?
Ja, ich stehe mit Alexander Tschäppät in einem regen Austausch. Es ist richtig, dass ich gegenüber der Öffentlichkeit mit Stellungnahmen zurückhaltend gewesen bin und zunächst einmal das Leitungsgremium habe arbeiten lassen. So hat jeder seinen Stil. Meine Haltung ist die, dass ich denjenigen, die einen Auftrag umsetzen müssen, nicht ständig im Lösungsfindungsprozess dreinreden will.
...im Gegensatz zu Alexander Tschäppät...
...das haben Sie gesagt. Ich will in diesem Prozess Vertrauen schaffen. Es kursieren beim «Neuen Theater Bern» viele diffuse und teils auch leicht auszuräumende Ängste. Ich kann mich gut erinnern, wie vor etwa einem Jahr Vertreter des Symphonieorchesters aufgeregt auf mich zugekommen sind, weil das Orchester angeblich auf 60 Stellen reduziert werde. Ich wusste nicht, woher diese Zahl stammte. Von unserer Seite wurde ein solcher Abbau nicht einmal ansatzweise erwogen. So fürchtete das Symphonieorchester, es solle in ein Provinzorchester verwandelt werden. Das Symphonieorchester hatte damals Ängste, die von jemandem aufgenommen und beantwortet werden mussten, der politisch legitimiert ist.
Und das haben Sie getan?
Ja, ich habe öffentlich Stellung genommen und mit dem Stiftungsrat des Symphonieorchesters das Gespräch gesucht. Diese Angst scheint jetzt nicht mehr virulent zu sein, dafür hat jetzt das Musiktheater Angst, man wolle die Oper provinzialisieren. Deshalb war ich letzte Woche am Personalanlass des Stadttheaters, um auch hier eine Vertrauensbasis zu schaffen. Es muss in diesem Prozess klar sein: Wir haben ein tolles Kulturangebot in Bern, und das wollen wir stärken – nicht schwächen!
Sie wollen stärker als politischer Verantwortungsträger antreten?
Ja, das ist meine Absicht. Es ist halt ein komplexes Subventionsgefüge, an dem Kanton, Stadt und Region beteiligt sind. Da gibt es keine bestimmte Person, die das Projekt personifizieren kann. Ich habe mir deshalb vorgenommen, das Projekt «Neues Theater Bern» in der Öffentlichkeit noch sichtbarer zu begleiten.
«Reduce to the max» lautet Ihr Motto in Zeiten der Finanzknappheit. Gefragt sind intelligente Kooperationen, das geschickte Nutzen von Synergien.
Absolut einverstanden. Ich würde gerne als Kulturminister mehr Geld in die Kultur stecken. Aber gerade in den nächsten Jahren ist eine Erhöhung der Kulturausgaben extrem schwierig. Darum ist innovative Zusammenarbeit ein Gebot. Die Kulturinstitutionen muss man hin und wieder daran erinnern, dass sie einen öffentlichen Auftrag von uns haben und wir klare, transparente Strukturen fordern.
Verglichen mit anderen Kantonen mit einer grossen Zentrumsstadt gibt der Kanton Bern mit 50 Franken pro Kopf und Jahr eher wenig für Kultur aus. Stört Sie das?
Da wäre mehr möglich, richtig. Ich persönlich würde mehr Mittel für die Kultur einsetzen. Gleichzeitig muss ich sagen, dass die Kultur nicht nur eine Frage des Geldes ist. Natürlich kann das Opernhaus Zürich eine Cecilia Bartoli verpflichten und wir nicht. Aber ist es für Bern das primäre Ziel, mit solchen Stars aufzuwarten? Das Angebot einer elitären Kultur auf höchstem Niveau interessiert mich weniger, in dieser Liga können wir eh nicht mitspielen. Wobei wir bei den Museen von den Besucherströmen her näher bei der internationalen Liga sind. Für mich dient Kultur in unserer Hauptstadtregion auch dazu, um über Sinnfragen nachzudenken und Distanz zum Alltag zu gewinnen. Dazu muss es Angebote im Kulturbereich geben, die zu lustvollen Reflexionen einladen und Publikum anziehen.
Gerade beim Stadttheater ist der Zuschauerschwund dramatisch.
Theater und Symphonieorchester sind gefordert, mit innovativen Ideen Brücken zum Publikum zu bauen. Manchmal habe ich aber das Gefühl, hierzulande werde das lokale Kulturangebot zu wenig geschätzt. Ich habe in den letzten Monaten bewusst eine Reihe von Aufführungen aller Sparten besucht: Da wird Hervorragendes geboten. Und übrigens: Soweit ich weiss, weist mindestens die Sparte Schauspiel sehr gute Zahlen aus.
Leuchttürme im Berner Kulturangebot sind das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum, die ab 2012 wegen ihrer nationalen Ausstrahlung zu 100 Prozent vom Kanton finanziert werden. Können wir uns das ZPK und das Kunstmuseum zusammen überhaupt leisten?
Ja. Wir wollen ein gutes Kulturangebot im ganzen Kanton und in der Stadt Bern national ausstrahlende Kulturleuchttürme. Aber damit die Kultur auch gesellschaftliche Fragen reflektieren und aufnehmen kann, brauchen wir eine starke kulturelle Präsenz von verschiedenen Institutionen in Bern. Man muss den Menschen hier auch Schauspiel und Tanz anbieten – mit Ensembles, die den Puls der Stadt spüren und aufnehmen.
Haben Sie immer noch Anspruch an den Bund, dass dieser sich an der Hauptstadtkultur stärker finanziell beteiligt?
Alexander Tschäppät und ich müssen beim Bund wieder einmal vorstellig werden. Es wäre aber etwas billig, zu behaupten, wenn der Bund mehr als die Bundesmillion an die Berner Kultur zahlte, wären in Bern alle Probleme gelöst.
Könnte die Zusammenführung von BSO und Stadttheater Modellcharakter für weitere Fusionen und Kooperationen im Kanton haben?
Ich möchte die Zusammenführung von BSO und Stadttheater nicht eins zu eins auf das ZPK und das Kunstmuseum übertragen. Und doch: Auch die Museen könnten beim Zusammengehen Synergien nutzen und einen neuen kulturellen Elan lancieren. Ich bin derzeit auch mit ZPK und KMB im Gespräch. Aber im Moment haben wir alle Hände voll zu tun mit Theater und Sinfonieorchester. Hier liegt angesichts der komplexen Verschachtelung zwischen Orchester und Theater mit den bekannten Problemen bei der Disposition eine gemeinsame Organisation auf der Hand. In Biel passiert der gleiche Fusionsprozess mit Theater und Orchester. Aber dass wir jetzt den ganzen Kanton nach Fusionsmöglichkeiten durchforsten, sehe ich weniger. Wichtig ist für mich, dass wir optimale Strukturen schaffen.
Sollte man auch eine stärkere Zusammenarbeit der Kantone in gewissen Kultursparten wagen? Etwa die oft diskutierte Ballettkooperation zwischen Luzern und Bern?
Diese Möglichkeiten wird die neue Organisation prüfen müssen. Im Ballett sind Kooperationen denkbar. Für mich ist aber nicht zentral, ob ein sogenanntes Nationalballett international mithalten kann. Mir ist wichtiger, dass das Tanzensemble hier in Bern eine Ausstrahlung hat und die Menschen bewegt. Und das tut es.
Bewegte Zeiten hat das kantonale Amt für Kultur hinter sich: Es gab viele Abgänge und Kritik am Führungsstil der Amtsinhaberin. Ist wieder Ruhe eingekehrt?
Es waren schwierige Jahre nach dem plötzlichen Tod des früheren Amtsleiters. Es gab Trennungen von Personen in leitenden Funktionen. Für mich ist die Führung entscheidend: Und da habe ich das Gefühl, dass es mit Anita Bernhard als Amtsleiterin sehr gut läuft. Wichtig ist auch der Informationsaustausch zwischen uns und den Kulturinstitutionen. Ich habe unsere Präsenz in den Stiftungs- und Verwaltungsräten so organisiert, dass ich auf dem Laufenden bin. Das war zu Beginn meiner Arbeit hier nicht so. Jetzt kann ich Kulturpolitik machen und bin näher dran. Ich habe allerdings jetzt auch mehr Sorgen, weil ich mehr weiss.
Aber beim Projekt «Neues Theater Bern» nehmen Ihre Sorgen ab?
Ich bin optimistisch und spüre, dass bei den Beteiligten das Vertrauen wächst. Das Ziel ist, wie gesagt, zusammen mit dem Symphonieorchester und dem Stadttheater etwas Neues aufbauen, das beiden einen Aufbruch ermöglicht. (Der Bund)
Erstellt: 02.07.2010, 13:50 Uhr
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