Bern

Progr: Viel Energie, aber keine ordnende Kraft

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 16.12.2009 1 Kommentar

Der Progr ist im Umbruch: Noch Geschäftsführerin Beate Engel erklärt.



«Wir wollen markieren, dass eine neue Ära beginnt»: Die scheidende Progr-Geschäftsführerin Beate Engel. (Valérie Chetelat)

«Wir wollen markieren, dass eine neue Ära beginnt»: Die scheidende Progr-Geschäftsführerin Beate Engel. (Valérie Chetelat)

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Das deutliche Ja des Berner Stimmvolks zum Progr ist schon sieben Monate alt. Ist die Euphorie noch da?

Beate Engel: Für viele Leute im Umfeld des Progr war die Abstimmung der Höhepunkt dieses Jahres. Der Abstimmungskampf erwies sich als enorm intensiv für alle Beteiligten. Allerdings konnten sich die Akteure nur eine kurze Atempause gönnen – anschliessend musste die Stiftung die Neuorganisation des Progr aufgleisen. Bei so viel Arbeit kann man nicht erwarten, dass die Euphorie ewig anhält.

Die Übergangsphase endet am 31. Dezember. Wie sehen die neuen Strukturen des Progr aus?

Da ist zunächst die Stiftung Progr. Ihre Aufgabe ist es, das Gebäude zu sanieren, zu unterhalten und als Atelierhaus zu bewahren. Dann hat sich der Verein, der die Mieter vertritt, neu formiert. Dagegen wird das Team, das den Progr in den letzten fünf Jahren gelenkt, organisiert und kuratiert hat und das ich als Mitglied der Abteilung Kulturelles geleitet habe, auf Ende 2009 aufgelöst.

Welches Organ übernimmt künftig diese Aufgaben?

Im neuen Progr ist sehr viel Energie vorhanden, aber es gibt keine übergeordnete Organisation mehr, die das Kulturprogramm koordiniert. Bis jetzt hat die Stadt Bern den Kulturbetrieb finanziert. Dieses Geld entfällt. Weil die Mittel fehlen, wird per Januar das gedruckte Progr-Monatsprogramm eingestellt. Weiter wird es nur noch einen minimalen Web-Auftritt geben. Die Stiftung muss nun mit dem Mieterverein und den Veranstaltern im Haus ausarbeiten, was ihre Vorstellungen vom Progr sind – etwa, in welcher Form künftig Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird und wie die kulturellen Aktivitäten im Haus aussehen. Es wurden bereits verschiedene Arbeitsgruppen gegründet, die Diskussionen stehen aber erst am Anfang.

Wie wird der Betrieb künftig finanziert?

Das ist noch nicht sicher. In einem ersten Schritt werden auf Anfang Jahr die Ateliermieten leicht angehoben. Mit der Vermietung von Veranstaltungsräumen liesse sich auch mehr Geld einnehmen. In diesem Bereich hat der Progr in den letzten Jahren viele neue Kunden gewonnen. So hatten wir hier vor Kurzem eine Ausstellung der Post. Der Progr hat sich zu einem beliebten Veranstaltungsort und Festivalzentrum entwickelt. Durch solche Nutzungen können zusätzliche Einnahmen generiert werden. Dafür braucht es aber Investitionen und eine grössere Administration.

Die Ateliermieten steigen. Gilt das auch für die «Turnhalle»?

Es gibt unterschiedliche Mietansätze für verschiedene Räume. Die «Turnhalle» steht seit Monaten in Verhandlungen mit der Stiftung und wird viel mehr bezahlen müssen. Dieses Geld fliesst aber in die Stiftung, also in den Gebäudeunterhalt, und nicht in irgendwelche Programmaktivitäten.

Einige Künstler hatten gehofft, dass die «Turnhalle» die Ateliers und den Kulturbetrieb quersubventionieren könnte.

Das sind Vorstellungen von Leuten, die nicht wissen, dass man mit der «Turnhalle» während des Tages nicht viel Geld verdient und die Konzerte sogar ein Verlustgeschäft darstellen. Die «Turnhalle»-Crew hat in den vergangenen Jahren extrem viel für den Progr geleistet. Ohne sie wäre der Progr nicht das, was er heute ist. Zu bedenken ist ausserdem, dass für die «Turnhalle» in den nächsten Jahren viele Investitionen anfallen.

Schon nach fünf Jahren Zwischennutzung erscheint morgen das erste Progr-Buch. Ist das nicht ein bisschen früh?

Nein, das finde ich nicht. Es ist so viel passiert in den letzten Jahren. Mit diesem Buch wollen wir markieren, dass nun eine neue Ära beginnt. Die Zwischennutzungszeit ist vorbei, die Stiftung übernimmt das Ruder. Der Progr wird sich in eine andere Richtung entwickeln, in viele verschiedene Richtungen sogar. Das Buch soll aber nicht nur die jüngste Vergangenheit des Progr beschreiben, sondern auch ein Leitfaden sein für andere Städte, die ähnliche Zwischennutzungen erwägen.

Was zeichnet das Modell Progr aus?

Der Anstoss kam von oben. Die Stadt Bern hat den Künstlern ein Geschenk gemacht. Daraus hat sich eine starke Initiative entwickelt. Nach nur fünf Jahren kann sich die Stadt zurückziehen und stolz darauf sein, was sie ausgelöst hat.

Der neue Progr wirkt noch ein bisschen führungslos.

Das stimmt. Ich glaube aber, dass man der Stiftung die Zeit lassen muss, sich zu finden. Die Leute, die sich in der Stiftung engagieren, sind ja grösstenteils Künstler und haben noch viel anderes zu tun. Immerhin wurde vor ein paar Tagen eine administrative Leiterin eingestellt, die die Stiftung entlasten wird. Allen Beteiligten liegt viel daran, dass der Progr besser und nicht schlechter wird. Da sich noch keine geregelten Strukturen herausgebildet haben, dauert es länger, bis ein neues Profil erkennbar ist. Immerhin gibt es im Haus eine lebendige Gesprächskultur und viele Menschen mit guten Ideen. Ich bin jedenfalls gespannt zu sehen, was hier in fünf Jahren los sein wird. (Der Bund)

Erstellt: 16.12.2009, 08:30 Uhr

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1 Kommentar

Jean Bergier

16.12.2009, 12:11 Uhr
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In fünf Jahren? Eine weitere, mit Staatsgeld mühsam über Wasser gehaltene, Investitionsruine! Schon jetzt blättert der Lack sichtbar ab, der Betrieb und Unterhalt eines solchen Baus hat halt mit künstlerischen Ambitionen nichts zu tun! Antworten



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