Politische Zwängerei auf dem Buckel der Jugendlichen
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 15.11.2010 2 Kommentare
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Die Oberstufen in der Stadt Bern stehen zurzeit vor einer gewaltigen Herausforderung: Seit Beginn des Schuljahres im August sind über 150 ehemalige Kleinklässler zu Klassenkameraden in Regelklassen geworden. Die Klassen wurden dadurch heterogener und betreuungsintensiver. Zudem müssen die Klassenlehrkräfte ihren Unterricht mit den Heilpädagogen koordinieren, die direkt im Schulzimmer lernschwache Kinder fördern.
Notwendig wurde diese Umstellung durch die vom Grossen Rat beschlossene Teilrevision des Volksschulgesetzes. Diese sieht unter anderem vor, dass lernschwache oder verhaltensauffällige Kinder in der Regel in den «Normalunterricht» integriert werden sollen. In der Stadt Bern wurden die einstigen Kleinklassen jedoch nicht vollständig aufgehoben. So gibt es weiterhin sogenannte Förderklassen, deren Lektionenzahl jedoch reduziert worden ist.
Die geänderten kantonalen Bestimmungen machten eine Teilrevision des Stadtberner Schulreglements nötig. Bei deren Beratung im Stadtrat wurde überraschend eine Neuauflage der Debatte über die Zusammenarbeitsformen auf der Oberstufe lanciert. Einer unheiligen Allianz aus GFL und EVP einerseits sowie SVP, FDP, BDP und CVP andererseits ist es im Mai 2009 gelungen, die Vorlage zurückzuweisen. In der Folge entstand ein Hickhack um die mit der Rückweisung verbundene Auflage an den Gemeinderat, im zweiten Entwurf des Reglements ein «einheitliches, integratives Schulmodell» für die ganze Stadt festzuschreiben.
Letztlich verstanden die Exponenten dieser Allianz jedoch völlig Unterschiedliches unter diesem schwammigen Begriff. SVP und FDP gingen stets davon aus, dass mit einem «integrativen Einheitsmodell» das Modell Manuel mit getrennten Stammklassen von Real- und Sekundarschülern und gemischtem Niveauunterricht in den Hauptfächern gemeint sei. Der GFL/EVP-Fraktion wiederum dürfte bei dieser Worthülse ein effektiv integrativeres Modell mit gemischten Stammklassen vorgeschwebt haben. Bei der zweiten Beratung der Vorlage ist die Koalition denn auch wieder zerbrochen.
Die Teilrevision des Schulreglements wurde vom Parlament verabschiedet, ohne dass an der momentan bestehenden Modellvielfalt in der Stadt Bern etwas geändert worden wäre. SVP und FDP zeigten sich als schlechte Verlierer und lancierten ein konstruktives Referendum (Volksvorschlag), mit dem sie das Einheitsschulmodell «Manuel» nun mittels Volksabstimmung durchsetzen wollen.
Böse Zungen behaupten, das Referendum sei im Februar 2010 nur lanciert worden, um seinen Promotoren eine gute Ausgangslage für die Wahlen in den Grossen Rat von Ende März zu verschaffen. Wahltaktische Überlegungen haben jedenfalls eine Rolle gespielt, als FDP und SVP der BDP die Teilnahme am Referendumskomitee bis nach den kantonalen Wahlen verweigerten. Auffallend ist auch, dass das Beharren der Stadtsektionen von FDP und SVP auf einem Einheitsschulmodell im Widerspruch zur Haltung der jeweiligen Kantonalparteien steht, die ein Volksschulgesetz mitverabschiedet haben, das sich zur Modellvielfalt bekennt. Dies und die beschriebene Entstehungsgeschichte des Volksvorschlags lassen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Anliegens der Initianten aufkommen. Kommt hinzu, dass das Komitee «Starke Volksschule» im Abstimmungskampf zum Teil mit Argumenten kämpft, die schlicht falsch sind. So wurde etwa auf dem Unterschriftenbogen des Komitees unrichtigerweise behauptet, dass die Kleinklassen in der Stadt Bern aufgelöst werden müssten.
Auch bei einem doppelten Nein zur Teilrevision des Schulreglements und zum Volksvorschlag wird die grösstmögliche Integration lernschwacher Kinder in den Regelunterricht weitergehen. Denn dabei handelt es sich um eine kantonale Vorgabe, die zwingend umgesetzt werden muss. Durch ein allfälliges Ja zu einem Einheitsschulmodell Manuel würde die Belastung an den Schulstandorten Lorraine, Stapfenacker und Brunnmatt aber unerträglich, da diese zusätzlich zur Integration einen Wechsel des Schulmodells vornehmen müssten. Für neun der insgesamt zwölf Schulstandorte würde sich aber ohnehin nichts ändern, da in diesen bereits heute nach dem Modell Manuel unterrichtet wird. Der Volksvorschlag entpuppt sich so als unnötige politische Zwängerei, die auf dem Buckel der betroffenen Schülerinnen und Schüler ausgetragen wird. Die vom Stadtrat verabschiedete Teilrevision des Schulreglements ist daher auch in der Stichfrage vorzuziehen. (Der Bund)
Erstellt: 15.11.2010, 07:56 Uhr
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2 Kommentare
Wie die Demonstration von 4000 Lehrerinnen und Lehrern am letzten Freitag gezeigt hat, ist jetzt sicher nicht der Moment, um mit zusätzlichen Änderungen in der Schule noch Öl ins Feuer zu giessen. Schulleiter Sahli beschreibt eindrücklich, dass eine Riesenaufbauarbeit seiner Schule durch den sogenannten "Volksvorschlag" zunichte gemacht würde. Darum ein klares JA zum Beschluss des Stadtrats. Antworten
Besten Dank Herr Ott, dieser Artikel trifft den Nagel auf den Kopf! Der Lehrerinnen- und Lehrerverein vertritt die gleiche Meinung. Es kann nicht sein, dass ein solch wichtiger Entscheid gefällt wird, ohne die Meinung der Betroffenen anzuhören. Deshalb ja zum Schulreglemnt und nein zum Volksvorschlag. Antworten
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