Bern

Pflegefälle beissen sich allein durch

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 25.08.2010 1 Kommentar

Die Spitex Bern scheint Patienten zu verlieren, weil diese ab 2011 mehr für die Pflege bezahlen müssen. Das wiederum könnte Steuer- und Prämienzahler teuer zu stehen kommen. Der Grosse Rat kann das Blatt noch im September wenden.

Modell Leistungsart Kosten


Erstmals erhärtet sich der Verdacht, dass Pflegebedürftige im Kanton Bern lieber auf die Spitex verzichten, als nächstes Jahr mehr Geld aus dem eigenen Sack für die Pflege zu Hause auszugeben – dies könnte letztendlich Steuer- und Prämienzahler teuer zu stehen kommen. Bei der für die Stadt Bern und Kehrsatz zuständigen Spitex-Organisation stellt man besorgt fest, dass die Pflegestunden im Juni um 1,5 Prozent zurückgegangen sind. «Die Zahlen für Juli und August dürften ähnlich aussehen», sagt Direktor Marcel Rüfenacht.

In den Jahren zuvor und bis zum Juni 2010 hatten die Pflegestunden stets zugenommen. Just vor zwei Monaten gab die kantonale Gesundheitsdirektion (GEF) aber bekannt, dass sich die Patienten ab 2011 mit maximal Fr. 15.95 pro Tag an den Kosten für Pflege beteiligen müssen – und somit bis zu dreimal mehr als heute bezahlen werden (siehe Fallbeispiel). Die bernische Regierung will auf diese Art jährlich 15 Millionen Franken sparen (wir berichteten).

Braucht es neue Pflegeheime?

«Wir gelten in der ganzen Schweiz als Vorzeige-Spitex, viele unserer Angebote werden in anderen Kantonen kopiert. Dass wir die Abwälzung der Kosten auf die Patienten jetzt schon so stark zu spüren bekommen, verheisst nichts Gutes», sagt Rüfenacht. Die Spitex Bern rechnet wegen der neuen Pflegefinanzierung 2011 mit Umsatzeinbussen von bis zu 5 Prozent und will deshalb 14 bis 20 Stellen abbauen – allerdings über natürliche Fluktuationen. «Existenziell gefährdet sind wir nicht», hält Rüfenacht fest. Die Argumentation der Spitex-Organisationen – bei den anderen im Kanton lässt sich der in der Stadt möglicherweise feststellbare Trend noch nicht anhand von Zahlen festmachen – zielt denn auch nicht nur auf den Erhalt ihrer heutigen Strukturen ab: Die finanzielle Beteiligung der Patienten führe dazu, dass sich der Mittelstand, dessen Pflegekosten die öffentliche Hand nicht übernehme, vermehrt gegen die Spitex entscheide, schliesslich früher ins Pflegeheim müsse und dort Staat und Prämienzahler viel mehr koste, heisst es vielmehr.

«Wir betreuen nicht nur schwere Fälle, sondern viele Leute, welche sich auch gegen die Spitex entscheiden können», sagt Rüfenacht. Diese Menschen würden dann eine Zeit lang von Familienangehörigen betreut. «Aber ohne unsere Arbeit in Sachen Gesundheitsprävention und die Entlastung, die wir Angehörigen bieten, werden sie früher oder später schwerer krank – und somit teurer – als mit der Spitex. Dann reichen auch bald einmal die bestehenden Pflegeheime nicht mehr aus.» Zudem widerspreche die Entscheidung von Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) der kantonalen Devise in der Alterspolitik, die da lautet «ambulant vor stationär». Eine Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums gibt der Spitex recht: Effiziente Präventionsprogramme und Massnahmen zum Erhalt der Selbstständigkeit könnten das künftige Kostenwachstum im Gesundheitswesen etwas eindämmen, steht dort.

Bei der GEF zeigt man sich indes überrascht darüber, dass Patienten wegen der neuen Art der Finanzierung angeblich jetzt schon auf Spitex-Leistungen verzichten. «Sollten sich die Neuerungen aber tatsächlich als kontraproduktiv herausstellen, wären Anpassungen nötig. Im Moment gehen wir noch davon aus, dass es höchstens in Einzelfällen Probleme geben wird», sagt Stabschef Jean-Philippe Jeannerat. Perrenoud wolle nun zwei Motionen zum Thema kurzfristig auf die Traktandenliste für die Septembersession setzen. Der Regierungsrat dürfte zwar an den Beiträgen der Patienten festhalten – allerdings nicht aus Überzeugung, sondern weil er zum Sparen gezwungen ist.

Andere dagegen begrüssen die Kostenbeteiligung der Pflegebedürftigen. «Ich kann mir zwar vorstellen, dass die Folgen jetzt schon spürbar sind und es im Einzelfall Probleme geben könnte», sagt Gesundheitsökonom Heinz Locher. «Aber langfristig lässt sich die Spitex nur finanzieren, wenn auch Patienten ihren Beitrag leisten.» Wer selber zahle, überlege sich zudem genau, welche Leistungen er wirklich brauche. «Und heute sind ältere Menschen oft noch gut in Form und können durchaus ihren Partner pflegen.» (Der Bund)

Erstellt: 25.08.2010, 08:34 Uhr

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1 Kommentar

Hans Abbühl

25.08.2010, 22:14 Uhr
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Die Kernsätze stehen im Abschnitt des Gesundheitsökonomen Heinz Locher. Es geht sicher nicht darum, die Spitex und deren Organisation in jetziger Grösse erhalten zu müssen. Banken haben Tausende von wertvollen/wertschöpfenden Stellen streichen müssen, die den Steuerzahler nichts gekostet haben. Wenn im Zuge der Krise das Gesundheitswesen auch endlich drankommt, ist das recht und billig. Antworten



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