«Pendeln muss finanziell weniger attraktiv werden»
Von Simon Thönen. Aktualisiert am 21.07.2011 3 Kommentare
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Ramon Schwab
Schwab ist Assistent am Geografischen Institut der Universität Bern. Der diplomierte Geograf befasst sich Siedlungsgeografie und entwickelt gegenwärtig ein System zur Kategorisierung von Landschaftstypen.
Die Zürcher S-Bahn hat Randgebiete zu attraktiven Wohnregionen gemacht und dort den Siedlungsdruck erhöht. Zeigt sich dieser Effekt auch bei der kleineren Berner S-Bahn?
Es gibt einen Hinweis, dass die S-Bahn die Zersiedelung begünstigt: Bei den Mietwertkategorien, die das durchschnittliche Mietzinsniveau zeigen, liegen Gemeinden mit S-Bahnhof um zwei bis drei Kategorien höher als vergleichbare Gemeinden. Grafenried an der S 8 nach Solothurn ist zum Beispiel in der Kategorie 12, Etzelkofen ohne S-Bahn-Anschluss nur in der Kategorie 10. Autobahnanschlüsse dürften allerdings einen noch stärkeren Effekt auf die Attraktivität von Gemeinden haben.
Welches sind die Folgen, wenn Randgebiete dank besseren Verkehrsanschlüssen attraktiv werden?
Die Gemeinden begrüssen dies, weil sie so mehr gute Steuerzahler erhalten. Andererseits haben die Neuzuzüger oft kaum einen Bezug zur ortsansässigen Bevölkerung, sie engagieren sich zum Beispiel eher weniger in den Vereinen, die für das Dorfleben wichtig sind. Dennoch will verständlicherweise kaum eine Gemeinde auf die Entwicklungschancen verzichten, die sich dank Neuzuzügern eröffnen.
Dies beschleunigt die Zersiedelung. Wie liesse sich diese bremsen?
Verhindern lässt sich die Entwicklung wohl kaum. Wenn man das Pendeln weniger attraktiv machen will, geht es wahrscheinlich nur über das Portemonnaie. Im Raum steht der Vorschlag von Bundesrätin Leuthard, die Steuerabzüge für das Pendeln einzuschränken.
Der Vorschlag hat einen massiven Aufschrei der Empörung ausgelöst.
Es ist natürlich sehr unpopulär, und es weckt den geballten Widerstand der Hauseigentümer und Pendler, aber wahrscheinlich ist es der richtige Weg. Vor allem die Steuerabzüge für das motorisierte Pendeln sind enorm. Ich pendle selber und fahre jeweils von meinem Wohnort mit dem Roller zum Bahnhof Wynigen und dann mit der Bahn an meinen Arbeitsplatz in Bern. Die Steuerabzüge für diese Fahrt mit dem Roller sind grösser als jene für die längere Bahnfahrt. Insbesondere das Pendeln mit dem Auto könnte so weniger attraktiv gemacht werden.
Aber auch beim öffentlichen Verkehr stellt sich die Frage, ob man mit stets attraktiveren Verbindungen das Pendeln fördert.
Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist an sich sehr sinnvoll, ich wäre sehr dagegen, dies nun wieder einzuschränken. Eine andere Frage ist, ob man diesen Ausbau mit Preisaufschlägen bei der Bahn finanzieren soll, wie es gegenwärtig diskutiert wird. Aber auch hier gibt es eine Schmerzgrenze: Wenn die Bahnpreise zu hoch werden, steigen die Bahnpendler wieder auf das Auto um, was das schlechteste Ergebnis wäre.
Dennoch: In der Region Bern rechnen Planer mit einer Steigerung des öffentlichen Verkehrs um 60 Prozent bis 2030. Ist das finanzierbar?
Man wird beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs früher oder später an Grenzen stossen. Er bleibt aber die umweltfreundlichste Art des Pendelns. Und das Pendeln wird nicht einfach so verschwinden. Der Bedarf an Wohnraum steigt schon nur wegen der Zuwanderung. Wenn man die Zersiedelung stoppen will, müsste man auch über eine Begrenzung der Zuwanderung sprechen, auch wenn man dies vielleicht nicht so gerne hört. Andererseits steigt die Wohnfläche pro Person weiterhin an. Es wird mehr zusätzlichen Wohnraum brauchen, als die Kernstädte bieten können.
Was kann die Raumplanung bieten, deren Hauptaufgabe es ist, die Zersiedelung einzudämmen?
Auf Gemeindeebene wird man das Problem nicht lösen können, es braucht mehr Zusammenarbeit. Aufgabe der Kantone ist es, diese zu fördern und die Gemeinden mit dem nötigen Nachdruck zur Kooperation zu ermuntern.
Auch die Kooperation zwischen den Kantonen klappt nicht. Freiburg will nun eine eigene S-Bahn bauen.
Auch da wäre es zwingend nötig, dass sich die Nachbarkantone Bern und Freiburg koordinieren, zum Beispiel im Rahmen der Hauptstadtregion.
Sie sind daran, ein Instrument für die Raumplanung zu entwickeln. Wie sieht dieses aus?
Wir versuchen, mit einem geografischen Informationssystem eine Landschaftstypisierung nach rein formalen Kriterien zu entwickeln: Zum Beispiel untersuchen wir, wie dicht die Häuser beieinanderstehen, wie der Raum mit Strassen erschlossen ist und wie Menschen diese formalen Kriterien wahrnehmen und zu einem Landschaftsbild verarbeiten.
Was kann man so erkennen?
Generell stellen wir fest, dass der Umfang von Siedlungen im Verhältnis zu ihrer Fläche zunimmt. Anders gesagt: Die Siedlungsflächenformen werden komplexer, die Siedlungen fransen immer mehr aus, was als Hinweis auf die zunehmende Zersiedlung interpretiert werden kann.
Unterscheiden sich Stadt und Land aus der Vogelperspektive noch?
Durchaus. In den meisten ländlichen Gebieten dominieren Streusiedlungen und gewundene, verästelte Strassen. Kernstädte, vom historischen Zentrum im engen Sinn einmal abgesehen, und Agglomerationen unterscheiden sich hingegen kaum, wenn man unsere Kriterien zugrunde legt: Die Siedlungsdichte ist hoch, die Strassenzüge sind charakteristisch verwinkelt.
Wie könnte man diesen Stadt-Agglomerations-Raum gestalten?
Die Grenzen zwischen Bern und zum Beispiel Ostermundigen, Ittigen und Bolligen sind Scheingrenzen, aus meiner Sicht ist dies ein Raum. Eine Grossgemeinde Bern könnte diesen sinnvoller gestalten.
Grossbern wird kaum rasch gegründet werden. Was kann die Stadt jetzt tun, um attraktiver zu werden?
Sie muss für Familien mehr grössere und dennoch bezahlbare Wohnungen bieten. Dazu muss in der Stadt dichter und auch vermehrt in die Höhe gebaut werden, was politisch nicht einfach umsetzbar ist.
Was halten Sie vom Projekt einer Waldstadt im Bremgartenwald?
Da kann man verschiedener Meinung sein. Persönlich wäre ich nicht sehr erfreut, weil ich dort joggen gehe. Aus raumplanerischer Sicht sieht es aber vielleicht anders aus. Da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass das Projekt Waldstadt Sinn macht. (Der Bund)
Erstellt: 21.07.2011, 10:49 Uhr
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3 Kommentare
Mit einer sicheren Arbeitsstelle lässt sich gut Plaudern. Wo soll eine 4 köpfige Familie mit netto Fr. 3'200.- im Monat den Wohnen? In den Städten Bern, Zürich, Basel, Genf, oder Agglomeration wo 60% des Lohnes für die Miete drauf gehen? Langsam geht mir das ewige, ab von der Welt, Akademiker geschwafel auf die Nerven. Zudem wachsen die Kinder auf dem Land erst noch besser auf, als in der Stadt. Antworten
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