Bern
Nordquartier wehrt sich gegen Fanmärsche
Von Matthias Ryffel. Aktualisiert am 12.09.2012 8 Kommentare
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Der Petardenrauch verzog sich nach den Fanmärschen beim Cupfinal im Mai rasch – und mit ihm die öffentliche Kontroverse. Jetzt rückt das Thema wieder auf die Agenda: Der Dialog, die Quartierkommission des Nordquartiers, macht Druck auf den Berner Gemeinderat.
Die Quartierkommission verlangt von der Stadtregierung, die Fanmärsche auf die dafür vorgesehene Strecke zwischen Bahnhof Wankdorf und Stade de Suisse zu zwingen. Die Begründung: «Fanzüge mitten durch ruhige Wohnquartiere zu später Stunde beeinträchtigen die Lebensqualität der Anwohner in krasser Weise (Lärm, Littering, wildes Urinieren).» Gemeint sind Fanmärsche vom Hauptbahnhof zum Stade de Suisse und retour; «vor und vor allem nach Fussballspielen und Eishockeymatches».
Die Spitze des Eisberges
Fanmärsche zu später Stunde vom Stadion zum Hauptbahnhof? Nach Eishockeymatches? Die Formulierung lässt stutzen. Fanmärsche auf der Strecke Hauptbahnhof-Stade de Suisse gab es in Bern in den letzten Jahren bei drei Anlässen: Zuletzt am Cupfinal zwischen Basel und Luzern. Davor marschierten zweimal die Basler-Fussballfans, jeweils im Rahmen der Fussballmeisterschaft. Keiner dieser Märsche fand nach 22 Uhr statt, keiner im Zuge von Eishockey-Spielen.
Natürlich seien die Fanmärsche nur die «Spitze des Eisberges», räumt Yves Robert, Co-Präsident des Dialog auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet ein. Würden sie aber toleriert, sei das ein Signal: «Man nimmt es hin, wenn Fans nach den Matches grölend und urinierend durchs Quartier marschieren, und Flaschen in Gärten werfen.» Es sei dann nicht entscheidend, ob sich solche Szenen im Rahmen eines Fanmarsches abspielten, oder am Sonntagnachmittag nach dem Meisterschaftsspiel.
Fanmarsch: «Kein Menschenrecht»
«Ich habe vollstes Verständnis für die Haltung des Quartiers», sagt der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). Es sei aber nicht nur das Nordquartier betroffen: «Sachbeschädigung und Urinieren ist entlang der gesamten Fanwalk-Strecken ein Problem.» «Es gibt ja Leute, die sagen, der Fanwalk sei ein Menschenrecht. Da bin ich anderer Meinung.»
Schon im Mai formulierte Sicherheitsdirektor Nause das Ziel, Fanumzüge bei Meisterschaftsspielen in Zukunft zu verhindern. Dabei bleibt er: «Keine Fanwalks bei regulären Meisterschaftsspielen.» Bei Cup-Finalen könne man allenfalls noch diskutieren, sagt Nause.
Ob die Probleme des Nordquartiers mit einem Verbot von Fanmärschen zu lösen sind, darf man sich fragen. Kleinere Fangruppen, die nach einem Meisterschaftsspiel auf dem Heimweg lärmen oder wild urinieren, sind damit nicht in den Griff zu kriegen. Was also verspricht sich die Quartierkommission von dem Schritt an die Öffentlichkeit? Dialog Co-Präsident Robert sagt, man wolle der Stadt den Rücken stärken, wenn sie gegenüber andern Akteuren wie Stadionbetreibern, Klubs und den SBB auftreten muss.
Konkordat: Ratifizierung «zwingend»
Der Berner Sicherheitsdirektor bestätigt, dass der ganze Perimeter rund ums Stadion bis zum Bea-Expo-Gelände von Veranstaltungen schon relativ stark betroffen sei. «Deshalb ist es oberste Pflicht der Behörden, unnötige Zusatzbelastungen wie Fanwalks in den Griff zu kriegen.» Gegen die Probleme des regulären Spielbetriebes habe man schon viel unternommen: Etwa mit der Verschärfung der Zutrittskontrollen, dem Ausbau der Fanarbeit, Einschränkungen beim Alkoholausschank und Massnahmen gegen Pyros. Die Quintessenz sei aber: «Überflüssige Belastungen wie Fanmärsche muss man reduzieren.»
In der Vergangenheit scheiterte dies an den anreisenden Fans. Sie zwangen die SBB, die Extrazüge zum Bahnhof zu führen – mit der Drohung, andernfalls in normalen Zügen anzureisen. Um dies zu verhindern, gilt es laut Nause zuvorderst, das revidierte Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen zu unterzeichnen. «Dies wird uns erlauben, für Risikospiele Auflagen zu stellen und so die An- und Abreise der Fans festzulegen.»
Voraussichtlich im kommenden Frühjahr wird der Grosse Rat darüber befinden. Für Nause ist die Ratifizierung «zwingend». Ob er mit diesem Instrument in der Hand ein Meisterschaftsspiel auch tatsächlich abbrechen würde, wenn die Fans von einem Marsch nicht abrückten, darüber will der Sicherheitsdirektor nicht spekulieren. «Es geht darum, die gesetzlichen Grundlagen in den Händen zu haben, um die Rahmenbedingungen von Spielen festzusetzen.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.09.2012, 16:15 Uhr
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8 Kommentare
"Zu später Stunde" - die mir bekannten und im Bund erwähnten Fanmärsche waren doch alle am Nachmittag/frühen Abend? Cup-Final war der Marsch doch gegen 18Uhr, die zwei Basler-Spiele waren doch entweder am Sonntag um 16:00 Uhr, oder sonst war Anpfiff um 19:45 Uhr? Wer da von "zu später Stunde" spricht.. macht sich doch ziemlich lächerlich.. Antworten
Allmendstadion: Baujahr 1961, Wankdorfstadion: Baujahr 1951. Wie viele der sich jetzt hier enervierenden Anwohner haben wohl schon vor diesen beiden Daten dort gewohnt? Ich vermute mal weniger als 5 Prozent davon...Immer mehr Leute erwarten scheinbar, dass man in der Stadt so ruhig lebt wie auf dem Land. Die Folgerung daraus ist aber nicht dass der halt in einer Stadt vorkommende Lärm verschwindet Antworten
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