Noch stehen Mehlwürmer 
nicht auf dem Speisezettel

Insekten und künstliches Fleisch werden als Ersatz für den Verzehr toter Tiere propagiert. In der Lebensmittelbranche ist man skeptisch.

Insekten und künstliches Fleisch werden als Ersatz für den Verzehr toter Tiere propagiert. In der Lebensmittelbranche ist man skeptisch.

Insekten und künstliches Fleisch werden als Ersatz für den Verzehr toter Tiere propagiert. In der Lebensmittelbranche ist man skeptisch. Bild: Urs Jaudas (Archiv)

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Mehlwürmer, Heuschrecken und Grillen auf dem Teller: Was bei zwei Milliarden Weltbürgern als Proteinlieferant auf der Speisekarte steht und von der Welternährungsbehörde gar als Mittel im Kampf gegen Hungersnöte proklamiert wird, ist in der Schweiz noch Zukunftsmusik. Von alternativen beziehungsweise futuristischen Ernährungsformen inspiriert ist die Berner Kunststudentin und Grafikdesignerin Andrea Staudacher.

Sie hat 2013 ein Buch zum Thema Insekten als Nahrungsmittel publiziert. «Mein Koch- und Informationsbuch soll ein erster Anstoss sein, unseren Fleischkonsum und unsere Essgewohnheiten zu hinterfragen», sagt Staudacher zu ihren Beweggründen. «Unter den Rezepten finden sich Klassiker wie Hamburger, aber auch vom asiatischen Raum inspirierte Eigenkreationen», so die Studentin über ihr Werk.

Vermarkten verboten

Staudacher ist mit ihrem Interesse nicht alleine: In der Schweiz gibt es einige Unternehmer und Initianten, wie beispielsweise das Start-up für Insektenzucht Essento, der Züchter Urs Fanger oder Grimiam, ein Verein, der informieren und sensibilisieren will. Sie alle sprechen von innovativen Lösungsansätzen und Geschäftsideen. Für eine Vermarktung in der Schweiz sind ihnen aber die Hände gebunden. «Zurzeit wird die Aufnahme von einigen wenigen Insektenarten in die Lebensmittelgesetzgebung geprüft. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen», so Eva van Beek, Sprecherin vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.

«Die Anhörung der Revisionsentwürfe wird voraussichtlich im ersten Quartal 2015 erfolgen.» Noch fehle der Nachweis, dass Insekten unbedenklich für die Gesundheit seien, sagt sie weiter. Dies ist eine wesentliche Hürde bei einer allfälligen Zulassung von Insekten als Nahrungsmittel. Europaweit lägen bisher nicht genügend wissenschaftliche Studien vor, die aufzeigen können, welche Insekten man bedenkenlos essen kann, so das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in seiner Stellungnahme.

Der Fleischkonsum in der Schweiz lag 2013 bei rund 52 Kilogramm Fleisch und 9 Kilogramm Fisch pro Kopf. «Diese Zahl schwankt konstant, in Schwellenländern schaut es anders aus. Dort steigt mit dem Wohlstand auch der Fleischkonsum an», sagt Heinrich Bucher, Direktor Proviande. «Würde der Rest der Bevölkerung auch so viel Fleisch verzehren wie die westliche Welt, hätten wir ein grosses Versorgungsproblem.» Proviande empfehle den gemässigten, bewussten Fleischkonsum und unterstütze die Absatzförderung für einheimische Produkte. Insekten als proteinhaltige Alternative zu Fleisch findet Bucher interessant, «vor allem in Bezug auf Tierfutter. Insekten statt Soja, das wäre ein spannender Ansatz.»

Die futuristischere Variante

Andrea Staudacher, die im Progr ein Atelier mietet, beschäftigt sich jedoch nicht nur mit Heuschrecken und Mehlwürmern – im Rahmen ihrer Arbeit «Mmh or Hmm» setzt sie sich mit einer etwas futuristischeren Alternative zum herkömmlichen Fleisch auseinander: im Labor künstlich hergestelltes Fleisch, sogenanntes In-Vitro-Meat. Seit sechs Jahren forscht Wissenschaftler Mark Post in Holland an dieser Methode. «Wir werden irgendwann dazu gezwungen sein, unsere Essgewohnheiten radikal zu ändern.

Einerseits mit Verzicht, andererseits durch die Entwicklung unserer Nahrungsmittel durch den technischen Fortschritt», so Staudacher. In Bern versuchte sie an Veranstaltungen über künstlich hergestelltes Fleisch zu informieren. Dabei würden die Vor- und Nachteile, Herausforderungen und der Forschungsstand beleuchtet, sagt Staudacher. Ihr Wunsch: Erkenntnis durch Erlebnis. Der Betrachter soll eine eigene Meinung zu künstlich hergestelltem Fleisch bilden, eine vorgefasste Meinung überdenken – oder vielleicht gar ändern.

Gefragte Lösungen

Noch unsicher ob dieser Entwicklung ist Heinrich Bucher von Proviande: «Ich setze ein grosses Fragezeichen, ob künstlich erzeugtes Fleisch in der Bevölkerung jemals Akzeptanz finden wird. Innovative und brauchbare Ideen zur Nahrungsversorgung, wie die Foodwaste-Bewegung, sind aber sicher aktueller und nötiger denn je», so Bucher.

Wer sich bezüglich künstlichem Fleisch und Insekten bereits entschieden hat und den konsequenten Weg geht, zumindest was den Schutz der Tiere betrifft, sind die Veganer. «Wir als Vegane Gesellschaft Schweiz sind grundsätzlich dagegen, Tiere für menschliche Zwecke auszubeuten. Die Frage, ob das Protein von herkömmlichen Nutztieren oder von Insekten kommt, stellt sich uns gar nicht erst», so Cristina Roduner, Mediensprecherin der Gesellschaft. (Der Bund)

Erstellt: 06.10.2014, 07:50 Uhr

IVM Fleisch aus dem Labor

In-Vitro-Meat (IVM) ist im Labor hergestelltes Fleisch, das unabhängig von einem lebenden Organismus gewachsen ist. Myoblasten als Ausgangszellen werden aus dem Tier schmerzfrei via Biopsie entnommen. Die Zellen vervielfältigen sich, wachsen in einer Nährlösung zu Muskelzellen heran. Elektronische Impulse stimulieren den Muskel und man erhält, nach heutigem Forschungsstand, sechs Wochen später echtes Fleisch. Eine Studie von 2010 der University of Oxford zeigt, dass IVM im Vergleich zur Viehzucht den Energieverbrauch in Europa um 35 bis 60 Prozent, den Ausstoss von Treibhausgasen um 80 bis 95 Prozent und die Flächennutzung um 98 Prozent senken könnte.

Entomophagie: Insekten essen

Entomophagie, das Essen von Insekten, wird seit Jahrtausenden auf der ganzen Welt praktiziert. Bisher vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika. Die Proteine und Nährstoffe von Insekten sind qualitativ sehr hochwertig, vergleichbar mit Fisch und Fleisch. Insekten sind zudem reich an Ballast- und Mineralstoffen. Ausserdem erzeugt die Zucht von Insekten deutlich weniger Treib­hausgase als die Produktion von anderen tierischen Proteinen, und die Insektenzucht benötigt weniger Platz als die herkömmliche Tierzucht: Die Produktion von 1 Kilogramm Protein aus Mehlwürmern benötigt weniger als 40 Prozent der Fläche der Geflügelproduktion.

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