Nicht berühren
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 04.02.2012
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Er sitzt ganz vorne, auf der Sesselkante. Die Knie hat er zusammengepresst, seine Arme hängen wie lose Wäscheleinen zu den Fussgelenken, die Linzertorte hat er kaum angerührt. Eine gute Woche ist vergangen, seit Rudolf Poncet sagte, er wolle seine Geschichte eigentlich nicht erzählen und auch nicht in den Medien kommen. Doch es sei Zeit, dass die Öffentlichkeit informiert werde, nicht wie vor 27 Jahren.
Rudolf Poncet blickt zu seiner Frau, Maria. Sie hat viel erzählt in den letzten Minuten. Vom Könizer Schulheim Landorf, wo sie sich Anfang der Siebzigerjahre kennen lernten, er, der junge Heimleiter, sie, die junge Lehrkraft. Von der Hochzeit, von ihren Kindern und den Heimkindern, von denen einige über Jahre in ihrer Familie lebten.
Dann richtet sich Rudolf Poncet auf. Es geht hier nicht um die guten Zeiten. Es geht um die schlechten.
«So was hört nie auf»
Von 1972 bis 2009 war der heute 65-jährige Rudolf Poncet Heimleiter in zwei Schulheimen der Region Bern. Zweimal wurde er in seiner Laufbahn der sexuellen Handlungen mit Kindern verdächtigt. Das erste Verfahren wurde 1985 aufgehoben, das zweite vor drei Wochen durch einen Freispruch des Regionalgerichts Bern-Mittelland beendet.
Beendet? Poncet winkt ab. So was höre nie auf. «Das bleibt, das klebt» – seine Fingerkuppen streichen über seine Lippen, seine Wangen und finden schliesslich Halt in den Haaren – «irgendwo». Der Verdacht klebt nicht nur an ihm. Er klebt auch in den Köpfen seiner Mitmenschen – seiner Nachbarn und Bekannten, der Eltern der Heimkinder und der Journalisten, kurzum: in der Öffentlichkeit. Dort möchte er jetzt seine Sicht darlegen. Er ist sich bewusst, diese Logik hat einen Haken. Eine Schlagzeile reicht, um einen Verdacht zu wecken. Ein Artikel reicht kaum, um ihn zu beseitigen. «Trotzdem», sagt Poncet.
Der Fall Vincent
Er erinnert sich noch sehr genau an den Tag, als die Polizei ihn verhaftete. Es war der 17. November 1984. Gut fünf Wochen zuvor war in Biel der elfjährige Vincent nicht vom Hockeytraining zurückgekehrt. Zwei Männer, 21- und 18-jährig, hatten ihn entführt, einer war ein ehemaliges Landorf-Kind. «Dr Pädu*», sagt Poncet, als er die Zeitungsschnipsel vom Herbst 1984 auf dem Tisch ausbreitet.
Zwölf Tage befand sich Vincent in der Gewalt der Entführer. Er wurde sexuell missbraucht und Opfer einer Scheinhinrichtung. Nach der Festnahme sagte Poncets ehemaliger Zögling – «dr Pädu» – aus, auch er sei früher sexuell missbraucht worden. Unter anderem von Rudolf Poncet.
«Es war eine Katastrophe», sagt Poncet. «Ich sass im Bezirksgefängnis, getrennt von meiner Frau und unseren fünf Kindern. Auch wenn ich wusste, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, ich hatte unheimliche Angst.» Die Ermittler befragten sämtliche Landorf-Kinder, auch ehemalige. Doch der Verdacht liess sich nicht erhärten. Nach acht Tagen Untersuchungshaft wurde Poncet entlassen. «Als ich das Bezirksgefängnis verliess, war Zibelemärit», sagt Poncet.
Später widerrief der Entführer seine Anschuldigung gegen den Heimleiter, er habe sich selbst entlasten wollen. Im April 1985 wurde das Verfahren offiziell aufgehoben. Im Mai erhielt Poncet ein Schreiben von Regierungsrat Kurt Meyer: Er sei erleichtert, dass die Vorwürfe hätten ausgeräumt werden können. Auch Poncet war glücklich. Er wandte sich wieder seinem Schulheim und seiner Familie zu. Diese Geschichte ist gegessen, dachte Poncet. «Das habe ich immer wieder geglaubt», sagt er, während er die Artikel von 1984 einpackt. «Ich habe mich geirrt. Es hat mich immer wieder eingeholt.»
Journalisten im Garten
Zum Beispiel 2002. Rudolf Poncet hat das Schulheim Landorf inzwischen verlassen und im Weissenheim die Leitung übernommen. Beim Vorstellungsgespräch informierte er den Heimvorstand über die Anschuldigungen von 1984. Auch seine Mitarbeiter wies er darauf hin: «Es gab diese Untersuchung. Aber das Verfahren wurde aufgehoben.»
Im zweiten Jahr seiner Weissenheim-Zeit erhält er eines Nachmittags Besuch. Die Mutter eines Heimkindes. Sie ist aufgebracht. Sie wisse genau, was er mit den Buben mache, sagt sie. Dass er in der Kiste gesessen habe deswegen. Poncet legt ihr alle Dokumente vor. Die Zeitungsberichte, wonach der Entführer ihn entlastete, die Aufhebungsverfügung zum Verfahren, den Brief von Regierungsrat Meyer. Es kommt zur Aussprache mit dem Vorstand des Weissenheims. Die Mutter lässt sich überzeugen. Einmal mehr ist die Sache gegessen.
Dann stehen im August 2009 Journalisten von «20 Minuten» vor Poncets Haus im Liebefeld. Sie haben die Sache wieder ausgegraben. In ihren Artikeln suggerieren sie, Poncet sei ein Wiederholungstäter.
Berührungen am Bauch
Tatsächlich wiederholt sich die Geschichte. Am 13. August 2009 kreuzt die Polizei beim Weissenheim auf. Sie hat Hinweise eines Betreuers erhalten. Rudolf Poncet wird in drei Fällen der sexuellen Handlungen mit Kindern verdächtigt. Die Polizei beschlagnahmt Computer, Fotoapparate und andere Datenträger. Zwei Tage später wird Poncet vom Vorstand des Weissenheims dispensiert. Seine Frau Maria, die in den letzten neun Jahren das Heim gemeinsam mit ihm leitete, übernimmt interimistisch die Verantwortung.
Was genau ihm zur Last gelegt wurde? Rudolf Poncet sagt, er habe zwei Jugendliche am Bauch berührt. Beim einen sei es während einer Tröstsituation passiert, beim anderen nach einer Diskussion über Intimrasur.
Hat er denn damit nicht eine Grenze überschritten? «Ich habe in dieser Grauzone heiminterne Richtlinien verletzt», sagt Poncet. Er bedauere, die Jugendlichen so berührt zu haben. Ja, er sei in diesen Fällen zu unbeschwert gewesen. Doch könne er nur immer wieder beteuern, dass da «nichts Sexuelles war».
Und der dritte Fall? Das sei eine Erfindung eines Kindes gewesen, das Aufmerksamkeit gesucht habe. Die Untersuchungsbehörden hätten es «Erzählung ohne Erlebnishintergrund» genannt.
Nach Jahren: Eine bedingte Busse
In den folgenden Monaten sitzen Rudolf und Maria Poncet abends oft im Wohnzimmer. Er auf der Couch, sie am Klavier. Sie spielt «Das Wohltemperierte Klavier» von Bach. «In diesen Momenten war die Welt in Ordnung», sagt Poncet. In den vielen Stunden dazwischen dreht sich alles. Als es am schlimmsten ist, denkt er sich Fluchtpläne aus, falls er ins Massnahmenvollzugszentrum St. Johannsen kommen sollte. Rudolf Poncet bemüht sich um ein Lachen. Es klingt eine Spur zu schrill.
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ziehen sich hin. Auf den Datenträgern werden keine strafrechtlich relevanten Inhalte gefunden. Doch es ergeben sich immer wieder neue Hinweise. Er sei gerne zu den Befragungen gegangen, sagt Poncet. «Im Büro des Untersuchungsrichters zählte nicht, was die Leute draussen über mich sagten oder dachten. Dort konnte ich zur Sache sprechen. So seltsam es klingen mag, das gab mir Sicherheit.»
Im Sommer 2011, nach fast zwei Jahren, erhält Poncet Bescheid. Es kommt nicht zur Anklage. Er wird mit einer bedingten Busse bestraft wegen sexueller Handlungen mit Kindern. Ausserdem soll er die Verfahrenskosten tragen. Poncet ringt mit sich. «Es war verlockend. Alles wäre auf einen Schlag vorbei gewesen.» Dann erhebt er Einspruch. «Hätte ich den Strafbefehl angenommen, wäre das ein Schuldeingeständnis gewesen», sagt er.
Das Regionalgericht Bern-Mittelland urteilt am 9. Januar 2012: Der inzwischen pensionierte Heimleiter wird vollumfänglich freigesprochen. Mangels Tatbestand und mangels Beweisen.
Das Heimparadox
Nun kommt Poncet ins Grundsätzliche: Man könne ein Kind nicht erziehen, ohne ihm Zuneigung zu zeigen. Klar brauche es Ordnung und Strenge. Doch ein Heim sei keine Kaserne. Auch Heimkinder hätten ein Bedürfnis nach Nähe. «Sind sie betrübt, muss man sie in die Arme schliessen dürfen. Sind sie übermütig, zeigen sie das, indem sie Körperkontakt suchen. Es sind Kinder. Die kann man nicht einfach wegschieben. Ein Berührungsverbot ist keine Lösung.» Und auch das ist ihm wichtig: «Das Heimpersonal befindet sich in einer paradoxen Situation.» Einerseits verlange die Gesellschaft, dass Kindern in Not geholfen wird. Andererseits unterstelle diese Gesellschaft dem Heimpersonal bei Berührungen sofort unlautere Absichten oder sexuelle Motive. «Schutzbefohlene dürfen nicht Opfer von Missbrauch werden, aber das Personal auch nicht Opfer falscher Beschuldigungen.»
Er habe gelernt, damit zu leben, dass ihm der Verdacht wohl auf alle Zeiten anhafte, sagt Poncet zum Schluss. «Damit, dass Kindern ihre Bedürfnisse verweigert werden, kann ich mich nicht abfinden.»
Rudolf Poncet weiss, was die Öffentlichkeit jetzt denkt: verdächtig.
*Name der Redaktion bekannt. (Der Bund)
Erstellt: 04.02.2012, 11:07 Uhr
Bern
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