Bern
Nette Boxer, böser Finger
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 06.07.2012 1 Kommentar
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So richtig gespannt darauf, wie viel der Wladimir Klitschko nun genau wiegt, ist im mit einigen Dutzend Boxer-Wiege-Schlachtenbummlern besetzten Bierhübeli niemand. Fit sieht er ohnehin aus. Sein Gegner Tony Thompson ebenso. Seine zwischenzeitlich aufkommende linde Wohlstandskorpulenz hat der Amerikaner sich in den letzten Wochen offensichtlich erfolgreich wegtrainiert.
Müssen die Boxer in anderen Gewichtsklassen zuweilen kurz vor der Wiege-Zeremonie noch eiligst in ungastlichen Dampfbädern die letzten Gramme ausschwitzen, um die vorgeschriebene Gewichtslimite nicht zu überschreiten, erübrigt sich dies in der nach oben offenen Schwergewichtsklasse. Das Wiegen ist hier zum Ritual verkommen, das bestenfalls Stoff für die Sekundärbeiträge der beteiligten Fernsehanstalten liefert. Deshalb lässt man sich zuweilen auch mal etwas einfallen, was die Aufmerksamkeit steigern könnte.
Verrückt für die Quoten
Von Muhammad Ali ist überliefert, dass er beim Wiegen vor seinem Kampf gegen Sonny Liston dermassen wunderlich aufgetreten sein soll, dass ihn alle Anwesenden kurzerhand für verrückt erklärten und die Wettquote gegen ihn auf 7:1 hinaufschnellte. Ali gewann den Kampf und gab später zu, den ganzen irrsinnigen Tobsuchtsanfall bis aufs kleinste Detail inszeniert zu haben – um seinen Gegner zu verwirren. Und Klitschko-Bruder Vitali bekam letzthin vom Box-Hallodri Dereck Chisora während des Wiegens eine schallende Ohrfeige verpasst – die Medienaufmerksamkeit war gewaltig, wer jedoch behauptete, es habe sich um ein plumpes Bühnenstück gehandelt, wurde vom Klitschko-Manager per Gerichtsentscheid zum Verstummen gebracht. Angedrohtes Strafmass: 6 Monate Gefängnis oder 250 000 Euro Strafe.
Im Berner Bierhübeli kommt es zu keinen Keilereien, Scharmützeln und Zuchthausandrohungen. Alle bleiben freundlich, der deutsche Moderator wird nicht müde, Bern als Sport-Stadt zu bezeichnen, der amtierende Berner Tourismusdirektor hatte die gleiche Stadt im Vorfeld als „Event-Stadt“ betitelt, zum Glück hat ihnen niemand verraten, dass Bern auch genauso gut als Musical- oder Blues-Stadt bezeichnet werden könnte. Aber egal.
Thompsons Mini-Eklat
Auf der Bühne hat sich mittlerweile auch Michael Buffa eingefunden. Der einstige Autoverkäufer und Dressman, der es kraft seines urheberrechtlich geschützten Ringsprecher-Schlachtrufs „Let’s get ready to rumble“ zum 400-fachen-Dollarmillionär gebracht hat. Beim Wiegen geizt er jedoch mit seinem Lieblings-Ruf, verleiht dem Happening indes allein durch seine Präsenz und durch seinen schicken Anzug ein klein bisschen Glamour. Die Wiege-Schlachtenbummler jedenfalls sind begeistert. Begeistert sind sie auch, als Wladimir Klitschko und Tony Thompson sich mit nackten Oberkörpern auf die Waage stellen und sich hernach am Bühnenrand böse in die Augen schauen.
Die Fotografen und RTL-Kameramänner zeichnen das zufrieden auf, noch zufriedener sind sie, als sich der Herausforderer Tony Thompson dann doch noch darum bemüht, für einen kleinen Quasi-Eklat zu sorgen: Nach dem Böseblickeduell mit Klitschko zeigt er dem Publikum den Stinkefinger und verlässt grusslos die Bierhübeli-Bühne. Dumm nur, dass er nach seinem furiosen Abgang sogleich wieder auf dieser erscheinen muss. Weil da ein weiterer bernischer Gross-Event ansteht: das Auslosen der Handschuhe, die er am Kampfabend tragen soll.
Ach ja, fast vergessen: Wladimir Klitschko bringt 113 Kilos auf die Waage. Bei Tony Thompson sind es 111 Kilo Lebendgewicht. (Der Bund)
Erstellt: 06.07.2012, 16:16 Uhr
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