Nähe, Terroir und viel Zeit zum Geniessen an der Vinaare
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 12.08.2011 1 Kommentar
Nicht jeder Wein hat eine Geschichte. Wenn ein Rebensaft in Containern um die Erde geschifft, zusammengeschüttet, in Fabriken abgefüllt und via Megamarkt zum Endverbraucher gelangt, weiss dieser oft nicht genau, was er da trinkt.
Und dann gibt es den Wein mit Geschichte. Er kommt aus einem ganz bestimmten Weinberg, in dem die Weinstöcke die Mineralien des Bodens aufnehmen: Kalk, Schiefer, Lava. Natürliche Hefebakterien übernehmen die Vergärung. Der Rebensaft ruht in Fässern aus Kastanienholz oder Eiche. Er lässt sich nicht hetzen. Tricks gibt es nicht. Der Wein hat Terroir, man kann ihn verorten. Solche Tropfen werden derzeit an der Vinaare in Bern degustiert, an diesem kleinen Weinfestival. Seit 2005 wird es alle zwei Jahre durchgeführt.
Bauchgefühl ist wichtig
Nicht nur die Weine sind da, auch die Leute, die sie «gemacht» haben, wenn der Ausdruck hier angebracht ist: Winzer aus den Ostpyrenäen, vom Saarland, aus dem Wallis, dem Waadtland, aus Genf und Graubünden, aus Schaffhausen, Zürich, vom Neusiedlersee, aus dem Burgenland, dem Veltlin, aus Südtirol, dem Friaul oder den italienischen Weingegenden Piemont, Lombardei, Veneto oder Emiglia Romagna, Toskana, Umbrien, Apulien und Sizilien.
«Wir sprechen nicht so sehr die Fachleute an», sagt Severin Aegerter vom Weinfachgeschäft Cultivino, das den Anlass organisiert. «Menschen, die sich für Wein interessieren, sollen ohne Schwellenangst probieren können, was ihnen schmeckt.» Es sei keine Verkaufsmesse, sondern eher ein Ort, an dem man sich auf seine Weise «seinem» Lieblingswein annähern könne. Oft werde zu gedrechselt über Wein geredet, findet Aegerter, mit Fachbegriffen um sich geworfen. Dabei sei der Zugang zum Wein nicht so sehr intellektueller, sondern sinnlicher Natur: «Das Bauchgefühl ist wichtig.»
Wein ist mehr als ein Getränk: Es ist ein Stück lebendige Kultur. Während die EU Rodungsprämien bezahlt, wenn Winzer alte Stöcke aus dem Boden reissen, gibt es Weinbauern, welche die alten Gewächse mit seltenen Sorten hegen und pflegen. Die Flächen, die sie bewirtschaften, sind oft klein und abschüssig: Maschinen und grobe Erntemethoden haben hier keinen Platz. Ein Weinberg gibt viel Arbeit, weshalb eine Flasche Wein aus einem solchen Gut etwas mehr kostet als ein Massenprodukt.
Schmaus unter Bäumen
Wein braucht Zeit, sagen die Veranstalter. Gutes Essen braucht ebenfalls Zeit, denn nicht um die effiziente Kalorienaufnahme geht es, sondern um das Beisammensein, das Reden und Feiern. Darum wird auch heute wieder unter den lauschigen Bäumen beim Restaurant Schwellenmätteli eine grosse Tafel aufgebaut. Für das «finale Spektakel» sind noch einige Plätze frei.
Feiernde Menschen finden sich auch auf ausgestellten Bildern, die von den Berner Fotografinnen Yoshiko Kusano und Annette Boutellier stammen. Die «2Fotografinnen», die sich das Atelier teilen, haben eine Festtafel Schritt für Schritt wie ein Protokoll abgebildet: vom Tischleindeckdich über den genussvollen Schmaus bis zu den abgenagten Überbleibseln. Die Fische, Flusskrebse oder das Ossobucco haben sie vor dem Verzehr mit der Kamera «gemalt», fast so, wie es die alten Meister taten: Äpfel mit faulen Stellen, tote Hasen, Kürbisse und andere Nahrungsmittel als Stillleben mit der unterschwelligen Botschaft: Memento mori – sei eingedenk, dass du sterben musst. Doch vorher wird noch einmal richtig gefeiert.
Vinaare im Schwellenmätteli: noch heute Freitag. Anmeldung für das «finale Spektakel» um 19 Uhr: Telefon 031 350 50 01; Internet: www.cultivino.ch/vinaare. (Der Bund)
Erstellt: 12.08.2011, 07:55 Uhr
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