Nach 40 Jahren ist Schluss
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 29.12.2010 1 Kommentar
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Glatz an Lokal interessiert
Spätestens am 18. Januar 2011 schliesst Jaime Romagosa sein Buchantiquariat endgültig. Noch steht nicht fest, was anschliessend mit dem Lokal passieren wird. Absichten, die frei werdenden Räumlichkeiten zu übernehmen, hegt aber die Confiserie Glatz. Dies bestätigte Thomas Glatz, Geschäftsleitungsmitglied der Glatz Confiserie. Es bietet sich die Möglichkeit, das bestehende Lokal am Hirschengraben zu erweitern. Zu den Details will Thomas Glatz derzeit aber keine Stellung nehmen. Das Baugesuch werde in den nächsten Wochen publiziert.
Der Schnee fällt schon seit Stunden. Es ist der Morgen des 24. Dezember am Hirschengraben – Knäuel aus schweren Schuhen, Mänteln und Mützen plumpsen aus den Trams und kullern in Richtung Bahnhof oder Monbijou. Auf der einen Seite schlenkern Einkaufstüten, auf der anderen flattern Einkaufslisten.
Es ist kein guter Tag für das Geschäft von Jaime Romagosa. Was er führt, kommt nie auf eine dieser Listen. Historische Ausgaben südeuropäischer Autoren, rare Stiche, antike Darstellungen spanischer Städte – die besorgt sich niemand noch rasch auf dem Heimweg. Man sucht sie auf der ganzen Welt, manchmal über Jahre und wählt den Zeitpunkt des Erwerbs ganz gezielt. Der zierliche Mann am Hirschengraben 6 weiss das. Er hat schon viele Heiligabende gesehen. In Gedanken versunken steht er im Raum. Mit seinem zu weit geschnittenen Anzug und den ausgebeulten Schuhen ähnelt er Clown Pierrot. Ab und an hebt er ein Buch von einem Stapel und streicht mit seinem Daumen über dessen Einband. Dann lächelt Jaime Romagosa. Die Augenbrauen zucken, seine Zähne sehen aus wie kleine Kieselsteine.
Ein Kunde kommt
Später an diesem Morgen schwingt die Pforte auf. Ein Herr fragt: «Haben Sie die‹Rosenlaui›?» Jaime Romagosa denkt keine zwei Sekunden nach: «Nein, die habe ich nicht.» Einsilbige Freundlichkeiten. Türe auf. Türe zu. Dann wackelt der kleine Mann zurück zum Stuhl hinter der grossen Registrierkasse. Dort setzt er sich und betrachtet andächtig seine Regale. Sie glotzen frech zurück – viele der Ablagen sind leer. Erstmals seit 40 Jahren.
Noch vierzehn Tage, vielleicht sechzehn. Jaime Romagosa hat sich bis jetzt nicht festgelegt, wann er sein Geschäft endgültig schliessen will. Er hat wohl recht. Mit 87 Jahren sollte man nichts mehr überstürzen. Erst recht nicht hier, im traditionsreichen Buchantiquariat Iberia.
Die Zeit verändert alles, auch den Hirschengraben. Haarsalons, Reisebüros, Cafés, Schaufenster, Leuchtschriften und Geschäftsführer kommen und gehen. Aber mittendrin: ein Gallierdorf, beinahe unberührt seit 1970, als Jaime Romagosa dieses stolze Geschäft mitsamt dem Interieur erstand. Der Teppich, braun wie damals. Der Duft, trocken wie damals. Das Pult, ohne Computer, Drucker und Faxgerät. Die mächtige Kasse, defekt, «aber schön», so Jaime Romagosa. Das Addieren erledigt jetzt ein verhältnismässig modernes Gerät: ein abgegriffener Taschenrechner aus den Achtzigerjahren.
Geheimnisse wollen gehütet sein
Jaime Romagosas Antiquariat ist aus der Zeit gefallen. Das wird auch Autor Pascal Mercier dazu verleitet haben, den Helden seines 2004 veröffentlichten Bestsellers «Nachtzug nach Lissabon» an diese Adresse zu führen. Der alte Antiquar liest dem Lehrer Raimund Gregorius aus einem portugiesischen Werk vor. Ein Schlüsselerlebnis für Gregorius. Als er das Geschäft verlässt, hat er sein altes Leben schon beinahe vergessen.
Ob es sich wirklich so zugetragen hat? Jaime Romagosa grinst. «Ich habe den‹Nachtzug› gelesen. Ein gutes Buch.» Mehr sagt er nicht.
Es gibt zwei Menschentypen, die ein solches Geheimnis für nichts in der Welt lüften würden: Romantiker und gute Geschäftsmänner. Jaime Romagosa ist beides. Das ist wahrscheinlich die Prägung seines Vaters.
Dieser hatte, als Jaime Romagosa 1923 in Barcelona zur Welt kam, gerade das Café Barcelona in Bern übernommen, eine spanische Weinhalle an der Aarbergergasse. Wenige Monate nach der Geburt folgten Mutter und Sohn in die Bundesstadt. Auf dem Foto, das Jaime Romagosa nun aus einer Ledermappe fischt, steht sein Vater im Eingang des Lokals. Er posiert so stolz, als wäre seine Beiz der Palau Reial in Barcelona.
Das nächste Foto: ein langer Flur, bordeauxroter Spannteppich, Büchergestelle zu beiden Seiten. «Hier habe ich angefangen. Mein Vater liebte den‹Don Quichotte›. Im oberen Stockwerk des Café Barcelona hat er mir ein Antiquariat eingerichtet.» Romagosas erster Handel: Tolstois «Volkserzählungen». Gekauft für 3.50 Franken, verkauft für 6 Franken. «Ein gutes Geschäft.»
Noch ein Bild: Jaime Romagosa, um 1960, vor seinem ersten Antiquariat mit Schaufenster an der unteren Monbijoustrasse. Damals unterrichtete er Spanisch an der Handelsschule, arbeitete als Übersetzer beim Radio und ging nebenbei seiner Leidenschaft nach, dem Buchhandel. Später verfasste er auch Filmkritiken für den «Bund». Wobei ihm das mit dem «Kritiker» nicht gefällt. «Ich war eher ein Filmarchäologe.» Da spricht der Stolz des Wissenschaftlers.
Rentabel bis zum Schluss
Es gibt auch noch den anderen Stolz, jenen des Unternehmers. Nie habe er mit dem Antiquariat rote Zahlen geschrieben, sagt Jaime Romagosa. Er gebe sein Geschäft nicht aus wirtschaftlichen Gründen auf. Im Gegensatz zum Buchantiquariat Hegnauer, das im Oktober den Standort an der Kramgasse schloss, hat auch der aufkommende Onlinehandel Romagosas Umsätze nicht geschmälert. Warum denn sonst schliesst er sein Antiquariat? – dumme Frage. Jaime Romagosa hat 87 gute Gründe. (Nachfolge: siehe Box)
Dabei will er sich noch nicht mal vollständig zurückziehen. Wenn alles klappt, wird er am 20. Januar sein Antiquariat in einem Hinterzimmer am Hirschengraben 6 weiterführen – mit reduziertem Sortiment. Die kostbarsten Werke hat Jaime Romagosa bereits gezügelt. Auch die Aluminiumleitern sind schon in Position gebracht. Drei Dinge sind ihm zum Schluss noch wichtig. Erstens, er besteigt die Leitern immer noch selbst. Zweitens, ab Januar öffnet er sein Geschäft nur noch bei Voranmeldung. Drittens, seine privaten Buchbestände stehen weiterhin nicht zum Verkauf. Jaime Romagosa will selbst entscheiden, wer die Werke erhält.
Bald ist Mittag. Jaime Romagosa hat heute nichts verkauft. Das grämt ihn nicht. So bleiben seine Schätze über Weihnachten bei ihm.
Irgendwann fallen die Augen zu
25 000 Bücher umfasst seine Sammlung. Viele gibt er nun ab, teils an die Universität Bern, teils an die Stiftung Bibliosuisse. Wie sich das anfühlt? Jaime Romagosas Schultern sinken noch ein bisschen tiefer. Hinter dem Pult schaut jetzt nur noch der Kopf hervor. «Scho chlei truurig.»
25 000 Bücher. «Ich brauche keinen Onlinekatalog. Ich kenne jedes Einzelne», sagt Jaime Romagosa und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn: «Mein Computer ist hier oben.» Das findet er lustig. Die Kieselsteinchen glitzern.
25 000 Bücher. Auf seinem Nachttisch liegen aber immer dieselben zwei. Ein Band von Theodor Mommsens «Römische Geschichte» und – wie bei seinem Vater – «Don Quichotte» von Cervantes. «Das sind die schönsten Übergänge in die Traumwelt. Ich lese jeden Abend darin. Irgendwann fallen mir dann die Augen zu. Aber die Geschichten gehen weiter.»
Jaime Romagosa betrachtet seine Regale. Sie glotzen frech zurück – viele der Ablagen sind leer. Erstmals seit 40 Jahren.
Jaime Romagosa hat viele gute Gründe, sein Geschäft aufzugeben. Die Rentabilität zählt nicht dazu: Er hat noch nie rote Zahlen geschrieben.Foto: Valérie Chételat (Der Bund)
Erstellt: 29.12.2010, 07:14 Uhr
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