Bern

«Muesch eifach luege, dass nid z töif schlafsch»

Von Matthias Ryffel. Aktualisiert am 30.10.2012

Wer abends nicht in die warme Stube kann, der spürt den Winter. Die Berner Gassenarbeit sammelt derzeit warme Kleidung.

1/4 Es ist kalt geworden in Berns Strassen. Zweimal pro Woche finden Bedürftige im Büro der kirchlichen Gassenarbeit eine warme Stube vor. Nebst Kleidung, Telefon und Computer finden sie hier auch eine Mahlzeit.
Bild: Matthias Ryffel

   

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Kirchliche Gassenarbeit Bern

Der Verein Kirchliche Gassenarbeit Bern existiert seit 25 Jahren; es ist die einzige aufsuchende Gassenarbeit in der Stadt Bern. Obwohl die Arbeit laut dem Verein zwar die christlichen Werte der bedingungslosen Nächstenliebe spiegle, sieht man von missionarischer Tätigkeit ab. Gearbeitet wird nach den Richtlinien der Charta der Aufsuchenden Sozialarbeit des Fachverbandes Sucht.

Das Dreierteam teilt sich 160 Stellenprozente. Sowohl der Vorstand als auch das Co-Präsidium des Vereins arbeiten ehrenamtlich. Die kirchliche Gassenarbeit verfügt über ein Jahresbudget von rund 300'000 Franken. Getragen wird der Verein von seinen Mitglied-Kirchgemeinden, darunter die reformierte und römisch-katholische Gesamtkirchgemeinde Bern.Private Spenden fliessen in einen Unterstützungsfonds ein. Von staatlichen Behörden ist der Verein unabghängig.

Das Büro der Kirchlichen Gassenarbeit befindet sich an der Speichergasse 8. Geöffnet ist es Dienstags 14 bis 16 Uhr (nur für Frauen) und Donnerstags 14 bis 16 Uhr.

(reh/rym)

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In der «Stube» der kirchlichen Gassenarbeit an der Speichergasse stapeln sich am Dienstag auf einem Sofa Winterkleider: Mäntel, Stiefel, Mützen und Wollhandschuhe – getragen, aber in gutem Zustand. Der Kälteeinbruch kommt früh in diesem Jahr. Und während darob selbst jene in Nöte geraten, welche die Strassen schneefrei und alltagstauglich halten sollen, trifft es doch die am härtesten, deren Alltag die Strasse ist.

Die Mitarbeiterinnen der Gassenarbeit, Isabel Calvo und Ursula Aellen, sitzen am Tisch vor einem Kanten Brot und kalter Wurst. In einer Stunde erwarten sie ihre «Klientinnen», an die sie die Kleidung abgeben werden. Das Büro der Gassenarbeit bietet danebst auch etwas zu Essen, Computer mit Internetanschluss und ein Telefon. Dies an zwei Nachmittagen die Woche, während jeweils zwei Stunden. Nach dem Ausweis fragt hier keiner, die Tür steht allen offen.

Kleiderspenden dank Facebookaufruf

Die Gassenarbeit Bern ist auch auf der Strasse unterwegs, so kriegen die Mitarbeiterinnen viel mit vom Leben auf Berns Gassen. Isabel Calvo berichtet von zweien, die man in der vergangenen Nacht «aufgelesen» habe: «Sie schliefen in Pappkartons und trugen wenig mehr als Jeans». Ihnen habe man Jacken, Decken und Stiefel mitgeben können. «Die waren wahnsinnig froh.» Nüchtern beschreibt Calvo das Leben auf der Strasse im Winter: «Es ist die Hölle.» Draussen zu übernachten sei zwar das ganze Jahr über beschwerlich, im Winter aber noch einmal «ein Zacken krässer». Campingplätze oder der Wald kämen als Schlafplatz nicht mehr in Frage, «und die wenigen Notschlaf-Angebote für Randständige in Bern sind in der kalten Jahreszeit meist belegt.»

Immerhin:«Wir waren auf die Kälte vorbereitet», sagt Kollegin Ursula Aellen. Die Gassenarbeit kann in solchen Fällen auf einen Notvorrat zurückgreifen. 24 Decken hat der Verein in diesem Monat bereits abgegeben, «das ist mehr als im Oktober üblich», sagt Aellen. Dank einem Facebook-Aufruf ist inzwischen zusätzliche Kleidung eingetroffen. Gebraucht wird Winterkleidung für Männer und Frauen, aber auch Schlafsäcke, Decken und Rucksäcke.


Kältewache und Solidarität

Der Kälte zum Trotz: Von einem Erfrorenen in Bern hat Calvo in ihren sechs Jahren bei der Gassenarbeit glücklicherweise noch nicht gehört. Die Leute hätten da ihre Tricks, sagt sie. «Muesch eifach luege, dass nid z töif schlafsch», habe ihr kürzlich einer verraten. Manche würden gar Kältewache schieben. «Es geit scho», hört Calvo oft.

Die Solidarität unter den Obdachlosen und in der Bevölkerung sei zudem gross – besonders in der kalten Jahreszeit. «Das spüren wir hier. Ohne die Spenden der Leute könnten wir nicht arbeiten.» Bei den Gebern handle es sich nicht selten um Leute, die selber «nicht viel vorig» haben. «Häufig spenden die, die wissen, wie es auf der Gasse ist», sagt Calvo. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.10.2012, 17:21 Uhr

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