Bern

Mühlebergs «einmalige» Sicherheit

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 18.03.2011 7 Kommentare

Die BKW lud am Donnerstag kurzfristig ein ins Atomkraftwerk. Ein Störfall wie in Japan sei zu bewältigen, teilweise seien die Sicherheitssysteme «weltweit einmalig» und nachgerüstet werde auch noch, hiess es.

Grau in Grau: Das AKW Mühleberg. (Franziska Scheidegger)

Grau in Grau: Das AKW Mühleberg. (Franziska Scheidegger)

Das Atomkraftwerk Mühleberg ist ein ausgesprochen langweiliger Ort: Die tristen Gebäude und der Schornstein könnten zu irgendeinem mittelländischen Industriekomplex gehören – besonders wenn sie wie am Donnerstag kaum kontrastieren mit dem Grau von Aare und Himmel. Wie überall in solchen Betrieben sitzen Menschen in der Kantine und trinken nach dem Mittagessen in Ruhe Kaffee. Doch in Japan ist im Moment eine Anlage vom selben Typ wie Mühleberg dabei, sich in eine rauchende Ruine zu verwandeln und die Umgebung zu verseuchen. «Wir haben zwar Vertrauen, weil wir hier keine vergleichbaren Naturkatastrophen wie in Japan erwarten, aber man wird schon viel kritischer gegenüber der Atomenergie», sagt einer, der bis vor einer Woche wohl an die Unfehlbarkeit der Kernenergie geglaubt hat. Walter Zysset ist Pikettingenieur im AKW Mühleberg, gehört zu den sieben Spezialisten, von denen immer einer vor Ort sein muss. Gerade er würde vielleicht im Ernstfall in der Anlage ausharren – wie die 50 verbliebenen Arbeiter in Japan. «Wir sind erstaunt, dass sie dort einfach kein Wasser mehr in den inneren Teil des Reaktors pumpen können», sagt er.

Doch gegenüber Journalisten versuchte die Mühleberg-Betreiberin BKW gestern, auch leise Zweifel an der Sicherheit im Kern zu ersticken. Zu diesem Zweck führte Anlagenchef Patrick Miazza persönlich in das Gebäude, das es im Ernstfall richten soll.

Der Chef lässt keine Kritik zu

Es heisst Susan und ist ein strahlensicherer Bunker mit zwei redundanten Dieselgeneratoren – im Notfall zuständig für die Kühlung des Reaktors – und einer Kommandozentrale für das Nötigste (siehe Text unten). Susan wurde 1989 gebaut, als Reaktion auf die partielle Kernschmelze im amerikanischen Werk Three Mile Island. «Wir sind damit sogar über die verlangten Sicherheitsmassnahmen hinausgegangen, Susan schützt vor Erdbeben, Überflutung, Blitzschlag, der Einwirkung Dritter und dem Bruch der Kernsprühleitung», sagt Miazza. «Wir wissen nicht, ob das Werk Fukushima über solche Notstandsgebäude verfügt.» Wenn in Mühleberg wie in Japan die externe Stromversorgung und die Notkühlsysteme ausfallen, können dank Susan zuerst drei Batterien je 14 Stunden lang die Kühlung des Reaktors sicherstellen. Danach springen während neun Tagen die beiden riesigen roten Generatoren im fensterlosen Bunker ein. «Trotz allem können wir uns bereits vorstellen, als Reaktion auf Japan noch weiterzugehen», sagt Miazza. Denkbar wäre etwa der Einbau eines automatischen Kühlsystems, für dessen Betätigung niemand den Reaktor betreten müsste. Nicht zu unterschätzen sind laut Miazza bereits heute die passiven Sicherheitssysteme. «In Fukushima gibt es zum Beispiel kein Hochreservoir, dessen Wasser wir dank dem Gefälle am Hang hinter unserer Anlage nutzen können.» Gar «weltweit einmalig» sei in Mühleberg der sogenannte äussere Torus – ein zusätzliches Wasserreservoir zum Schutz der Brennstäbe, welches das Reaktorgebäude umgibt.

Angesichts solcher Superlative lässt der Mühleberg-Chef keine Kritik an der Sicherheit seiner Anlage aufkommen. Die seit langem bekannten Risse im Kernmantel des AKW seien nicht relevant für Situationen, wie sie sich in Japan im Moment abspielten, sagt er. Auch die Tatsache, dass sich die Fukushima-Reaktoren im Gegensatz zu Mühleberg automatisch abschalten, wenn seismische Wellen an ihnen rütteln, sei nicht weiter schlimm. «In Mühleberg gibt es keine so starken Erdbeben wie in Japan, das sich auf dem pazifischen Feuergürtel – also in einem Erdbebengebiet – befindet.» In Mühleberg würde man es im Falle einer Naturkatastrophe nicht so weit kommen lassen wie in Japan, lautet der Tenor.

400 Millionen für Sicherheit

Denn immerhin hat die BKW seit der Inbetriebnahme des Werks vor 40 Jahren viel Geld für die Sicherheit ausgegeben. Laut Herrmann Ineichen, dem stellvertretenden Direktionspräsidenten, sind es 400 Millionen Franken – fast gleich viel wie für den Bau des Werks. «Zuerst wurde die Erdbebengefahr unterschätzt, aber seit einer Evaluation vor zehn Jahren sind wir auf dem neusten Stand», sagt er. Um die japanischen Verhältnisse auf Mühleberg zu übertragen, müsse man von einem Erdbeben der Stärke 7 in einer Distanz von 20 Kilometern zum AKW und dem Bruch der Wohlensee-Staumauer ausgehen – Fukushima war von einem Beben der Stärke 9 in 150 Kilometern Entfernung betroffen. «Einen solchen Störfall könnten wir beherrschen. Das Werk würde zwar Schaden nehmen, zu einer Kernschmelze käme es aber nicht.» Und trotzdem sind sich alle einig: Japan müsse nun genau analysiert werden. (Der Bund)

Erstellt: 18.03.2011, 07:41 Uhr

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7 Kommentare

Peter Metzinger

18.03.2011, 09:57 Uhr
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Ja ja... So selbstsicher waren auch die Fukushima-Betreiber bis vor kurzem. Und auf www.kernenergie.ch war noch bis vorgestern zu lesen, man könne AKW erdbebensicher bauen "wie die Erfahrungen in Japan und Kalifornien belegen". Das hat man jetzt weggenommen, aber die (Selbst-)Sicherheit bleibt. Das Problem sind aber weiterhin die Risiken, von denen wir gar nichts wissen. Fukushima lässt grüssen... Antworten


Bastian Bommer

18.03.2011, 15:49 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Was in Japan im Moment geschieht ist eine Tragödie für die ganze Menschheit! Und trotz Erdbeben (tektonisch aktive Störungen - La Lance Fault, Fr-Structure)-, Rutsch- und Hochwassergefahr behaupten die Herren bei der BKW sie haben alles unter Kontrolle! Meinten dies nicht auch die Ingenieure in Japan? Wann reagiert die Politik in der Schweiz? Wo sollen wir hin, wenn es zum GAU wie in Japan kommt? Antworten



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