Moral und Moneten
Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 07.01.2012 1 Kommentar
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Die Geschichte gäbe reichlich Stoff für eine Schmierenkomödie her: Ein Nationalbankpräsident, der von Amtes wegen die Währung des Landes zu retten versucht und gleichzeitig privat im grossen Stil mit Devisen jongliert.
Eine Privatbank, der es nicht gelingt, die Privatsphäre dieses Notenbankpräsidenten, der ihr Kunde ist, und das Bankgeheimnis zu garantieren.
Ein Bankangestellter, der Screenshots von Kontoauszügen dieses Notenbankpräsidenten anfertigen kann, ohne dass es jemand merkt.
Der Zufall, dass diese Screenshots ausgerechnet in die Hände eines Thurgauer Anwalts fallen, der auf dem rechten SVP-Flügel politisiert.
Ein weiterer Zufall, dass die Informationen von dort ausgerechnet an den Vizepräsidenten dieser SVP gehen, der den Notenbankpräsidenten schon lange bekämpft hat.Der «Journalist des Jahres», Starreporter der Hauspostille des SVP-Vizepräsidenten, der unrecherchierte Behauptungen eines Informanten, mit dem er nicht geredet hat, ins Blatt setzt und, gestützt darauf, den Nationalbankpräsidenten als «Gauner» beschimpft.
Der Chefredaktor und Verleger dieser Postille, der, im Einklang mit dem erwähnten SVP-Vizepräsidenten, den Nationalbankpräsidenten schon früher als «Falschmünzer» verunglimpft hat und sich mit Verweis auf die unrecherchierten Behauptungen seines Starreporters zur moralischen Oberinstanz der Nation aufplustert.
Die richtigen Pointen
Wie gesagt, Boulevardtheater vom Feinsten, mit allen Ingredienzen, die dafür notwendig sind: eine Anhäufung drolliger Zufälle, dazu skurrile Akteure, von denen sich einige heillos verheddern, und ein Handlungsablauf, der das richtige Mass an Rasanz, Überraschung und Pointen enthält.
Leider handelt es sich bei der Affäre Hilderbrand/Sarasin/Blocher/«Weltwoche» nicht um eine Burleske, sondern um einen mehrschichtigen Skandal, dessen präzise Details auch nach dem Auftritt von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand vorgestern und den Ausführungen Christoph Blochers der letzten Tage nicht restlos klar sind.Ein paar Eckpunkte immerhin gibt es: Dass ein Nationalbankpräsident legal und im Rahmen der geltenden Reglemente in grossem Stil privat Devisen hin- und herschieben kann, ist ein Ärgernis, das aus der Welt geschafft werden muss. Schockierend ist auch, dass dieser Mann, der sonst durch Stilsicherheit und intellektuelle Brillanz auffällt, nicht erkannt hat, welche üblen Folgen diese Praxis haben kann, und dass er erst Lehren zog, als die Affäre bereits publik war. Hätte nicht ein Bankangestellter das Bankgeheimnis verletzt, wären zudem weder das untaugliche interne Reglement noch die privaten Spekulationen des Philipp Hilderbrands je bekannt geworden.
Es wäre also im Interesse der Sache gewesen, wenn die Informationen in die Hände einer Amtsstelle gelangt wären, welche, anders als der Bankrat, zum Handeln bereit gewesen wäre, oder alternativ auf das Pult eines seriösen Journalisten, der die Sache recherchiert hätte, statt sie unter Missachtung elementarster journalistischer Regeln zu einer Staatsaffäre aufzubauschen.
Persilscheine voreilig ausgestellt
Leider haben alle Seiten versagt: Die seriösen Medien haben sich über die Feiertage nicht ernsthaft mit der Sache beschäftigt und Philipp Hildebrand voreilig Persilscheine ausgestellt. Hildebrand selber hat viel zu lang geschwiegen, bis er – unter grossem Druck – endlich an die Öffentlichkeit trat. Und dass die SVP die Vorgänge um die Nationalbank umgehend für parteipolitische Partikularinteressen instrumentalisiert, lässt einen sehr skeptisch auf Christoph Blochers Beteuerungen reagieren, er sei nur «Briefträger» zwischen dem Thurgauer SVP-Anwalt und dem Bundesrat gewesen. Zumal sich Blocher in jüngster Zeit mit seinen Lügen im Zusammenhang mit den Besitzverhältnissen bei der «Basler Zeitung» ohnehin ein Glaubwürdigkeitsdefizit eingehandelt hat.
Nur Verlierer
So bleiben am Schluss dieser Geschichte um Moral und Moneten fast nur Verlierer: Philipp Hildebrand wird, auch wenn er seinen Job retten kann, für immer als entlarvter Spekulant in Erinnerung bleiben. Der Ruf der Schweizer Notenbank ist angeschlagen, wie man den Kommentaren renommierter ausländischer Zeitungen entnehmen kann. Die Reputation der Bank Sarasin ist angeschlagen. Christoph Blocher wird die Aura des abgefeimten Strippenziehers wohl nie mehr los. Die «Weltwoche» wird es schwer haben, ihr ramponiertes Image zu polieren. Und wir andern Journalisten müssen mit dem Makel leben, die Anfänge der ersten wichtigen Episode des Jahres 2012 verpennt zu haben. (Der Bund)
Erstellt: 07.01.2012, 10:00 Uhr
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1 Kommentar
Es zeugt nicht gerade von seriösem Journalismus, den Begriff "jonglieren" dafür zu verwenden, dass jemand längerfristig sein Vermögen auf verschiedene Währungen verteilt und deshalb eben nach dem Verkauf einer Liegenschaft auch USD kauft und vor dem Kauf einer anderen wieder USD verkauft (und dabei einen kleinen Verlust macht). Aber man muss es zu einem Skandal zurechtbiegen. Antworten
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