Bern

Mit dem Schicksal getanzt

Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 20.08.2012 1 Kommentar

Letzten Herbst wurde Jack Widdowson in Wales attackiert und war danach vorübergehend gelähmt. Jetzt probt er wieder mit dem Berner Ballett – und erzählt die wundersam anmutende Geschichte seiner Genesung.

1/7 Wieder zurück in Bern: Jack Widdowson.
Bild: Valérie Chételat

   

Am liebsten möchte er gar nicht mehr über diese Nacht sprechen. Er wolle nach vorne schauen, sagt Jack Widdowson. Aber weil er gehört hat, dass sein Fall auch hier in Bern in den Zeitungen war, hat er zugesagt, sich in den Vidmarhallen zu einem Gespräch zu treffen. Auch die Berner sollen erfahren, wie gut es ihm wieder geht, sollen die Geschichte hören von seiner Genesung, die sein Vater, ein Arzt, gegenüber der BBC als «absolutes Wunder» bezeichnet hat.

Nach Hause Geld holen gegangen

Die Nacht, über die Jack Widdowson nicht mehr sprechen möchte, ist jene auf den 5. November 2011. Eben hatte der damals 19-jährige Brite im Stadttheater Bern den Höhepunkt seiner jungen Tanzkarriere erreicht. Erst drei Monate zuvor war er für seine Hospitanz nach Bern gekommen. Weil sich dann kurz vor der Premiere einer der Hauptdarsteller das Handgelenk brach, kam der grosse Moment des Jack Widdowson viel früher als erwartet.

Er übernahm die Rolle des Demetrius im «Winternachtstraum», sein Vater kam zur Aufführung, und als sie zurück nach England flogen, waren sie beide sehr stolz. Tags darauf ging Jack Widdowson nach Cardiff, in die Hauptstadt von Wales, und dort in den Ausgang, mit seinen beiden Brüdern und Freunden. Etwas nach ein Uhr nachts trennte sich sein Weg von jenem der andern. Warum, wisse er nicht mehr, sagt er, er habe wohl Geld holen oder nach Hause gehen wollen.

«Ich habe wieder Meningitis»

Das Nächste, woran sich Jack Widdowson erinnert, ist, wie er aufwachte, im Spital in Cardiff, seine Eltern neben ihm am Bett. Er war von Passanten gefunden worden, kurz nach zwei Uhr, bewusstlos. Jemand hatte ihn niedergeschlagen und ihm sein iPhone abgenommen.

«Ich habe wieder Meningitis» – das sei das Erste gewesen, das er gedacht habe, als er aufgewacht sei, sagt Jack Widdowson. Als 16-Jähriger war er nämlich eines Tages krank geworden, und als er die violetten Flecken an seinem Körper sah, hatte er gewusst, dass es ernst war. Bakterielle Meningitis war es, lebensbedrohlich. Er wurde ins künstliche Koma versetzt damals. Und nun, drei Jahre später, wachte er zum zweiten Mal aus dem künstlichen Koma auf – und merkte bald, dass er nicht an Meningitis litt. Er konnte nichts bewegen ausser seinen Augen und den Wimpern.

Dank der Muskeln des Tänzers

Seine Halswirbel drei, vier und fünf waren ausgerenkt, die Bandscheiben dazwischen zersplittert. Eine lange Narbe auf seinem Hals zeugt von der Öffnung, durch die die Ärzte die kaputten Bandscheiben herauspulten und mit Knorpel aus der Hüfte ersetzten.

Seine Mutter schrieb das Alphabet auf ein Plakat. Sie fuhr über die Buchstaben, und wenn sie beim richtigen angelangt war, schlug Jack mit den Wimpern. So konnten sie sich verständigen. Jacks Vater bewegte regelmässig seine Glieder, damit sie nicht versteiften. Die Ärzte sagten ihm, es sei ungewiss, wie weit er sich erholen werde. Vielleicht werde er die Hände und Füsse wieder bewegen können, womöglich auch Arme und Beine, vielleicht aber auch nichts.

Rasche Genesung dank sportlicher Statur und Beweglichkeit

Doch langsam kam es zurück, das Gefühl, in die Fingerspitzen zuerst, dann in die Hände. Sie legten ihm die Hände auf den Brustkorb, «weil es einfacher ist, etwas zu bewegen, das man sieht», und er beugte die Finger etwas, streckte sie, beugte sie wieder. Dann versuchte er, das Handgelenk zu wenden. Es ging nicht. Er versuchte es wieder. Es ging ein bisschen. Er versuchte es noch einmal, und es ging besser.

Irgendwann konnte er seine Füsse nach unten drücken, dann seine Knie etwas heben, seine Arme ein bisschen beugen. Auch im Ballett, sagt er, müsse man immer und immer wieder die genau gleichen Bewegungen üben, auch da seien die Fortschritte oft nur klein. Seine Geduld als Balletttänzer habe ihm geholfen, glaubt er. Und seine sportliche Statur und seine Beweglichkeit – da sind sich die Ärzte einig – machten eine solch rasche Genesung überhaupt erst möglich.

«Real-life Billy Elliot»

Fünf Wochen nach dem Vorfall, am 11. Dezember, durfte Jack Widdowson nach Hause. Am nächsten Morgen stand er um 7.30 Uhr im Swimmingpool, zur Hydrotherapie. Seine Nerven schmerzten, in den Armen, in den Schultern, aber die Bewegungen im Wasser linderten sie. Bald nahm er das Balletttraining wieder auf, und im Juli trat er in England erstmals öffentlich auf – erst auf der Bühne und dann in den grossen Zeitungen.

Die Aufmerksamkeit der Presse, die habe er nicht gesucht, sagt er. Es sei «ein bisschen schräg», irgendwie aber auch schmeichelhaft, als «real-life Billy Elliot» («Mirror») oder als «Ballet-Wunderkind» («Huffington Post») bezeichnet zu werden. Ein Wunderkind sei er nicht, höchstens talentiert, «das sagen sie zumindest».

«Solange es nur das ist»

Nun ist er zurück in Bern, neun Monate nach dem tragischen Vorfall, trinkt einen Automatenkaffee und freut sich auf die Probe für das neue Programm des Berner Balletts, «Herzschläge», das am 26. Oktober erstmals aufgeführt wird. Es sei schwer, all das Geschehene einzuordnen, sagt er. «Ich hatte wohl einfach Pech. Und irgendwie auch viel Glück.» Er bewege sich heute wohl gar besser als zuvor, sagt Jack Widdowson. Denn im Aufbautraining habe er gleich auch einige seiner schlechten Angewohnheiten ablegen können.

Die Haltung der Finger etwa, die er früher beim Tanzen zu sehr gespreizt habe, überhaupt seien seine Bewegungen nun runder, geschmeidiger. Beschwerden habe er kaum mehr. Nur wenn er auf dem Bauch liege und den Kopf zur Seite drehe, dann fühle es sich etwas unbequem an, wegen der Metallplatte, mit der zwei seiner Halswirbel fixiert sind. «Aber solange es nur das ist.»

Vorläufig kein Gerichtsurteil

In Cardiff steht laut britischer Medienberichte ein Mann vor Gericht, der zugibt, das iPhone von Jack Widdowson gestohlen zu haben. Doch er streitet ab, für dessen Verletzungen verantwortlich zu sein – als er ihm das Telefon abgenommen habe, sei Jack unverletzt gewesen. Ein Urteil wird nicht vor dem nächsten Frühjahr erwartet. Ja, er habe davon gehört, dass dieser Mann vor Gericht sei, sagt Jack Widdowson.

Und nein, er wolle nicht wissen, wer der Mann sei und warum er es getan habe. Er wolle Distanz gewinnen zum Vorgefallenen. Er sei einfach froh, wieder hier in Bern zu sein. «Im Spital habe ich manchmal von Bern geträumt», sagt er. Als er merkt, wie kitschig das klingt, lacht er beherzt. (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2012, 09:49 Uhr

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1 Kommentar

Peter Gabathuler

21.08.2012, 00:24 Uhr
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"mit dem Schicksal getanzt"... das tönt so nach gottgegeben Pech, aber das Schicksal hat einen Namen, und den sollte man nennen: Mohammed Ali Mohamoed hat zugegeben, das Handy gestohlen zu haben (ist leicht auf englischsprachigen Websites zu finden, z.B. walesonline.co.uk). Und Widdowson ist zu wünschen, dass er wissen will, wer der Mann sei. Antworten